Juliane Schwabenbauer hat gemeinsam mit Barbara Hinz in Leipzig das Designstudio two do gegründet. Zusammen machen sie engagiertes, gesellschaftsrelevantes Design mit einem Fokus auf soziokulturellen und politischen Projekten. Weil am 28. Juni in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft tritt, haben wir über digitale Inklusion und barrierearmes Webdesign gesprochen.
Hallo Juliane, gemeinsam mit deiner Kollegin Barbara Hinz betreibst du seit zwei Jahren das Designstudio two do. Wie arbeitet ihr zusammen?
Wir haben two do gemeinsam gegründet und arbeiten hauptsächlich zu zweit. Fest im Team ist auch ein Programmierer, und je nach Projekt holen wir weitere Freelancer aus unserem Netzwerk dazu. Das funktioniert hervorragend und bereichert unsere Arbeit. Für das Projekt diskriminierungskritischer Klassenrat haben wir zum Beispiel mit einer Illustratorin zusammengearbeitet, die selbst einen Migrationshintergrund hat.
Man liest überall den Begriff „Barrierefreiheit“. Was bedeutet „barrierearm“ und wie setzt ihr diesen Ansatz in euren Projekten und Entwürfen um?
Wir haben früher selbst „barrierefreies Design“ gesagt, aber der Begriff ist eigentlich irreführend. Design kann nie vollständig barrierefrei sein, weil die Wahrnehmungen und Lebensrealitäten zu vielfältig sind. Vollständige Barrierefreiheit wird es nie geben, aber wir können durch gutes Design versuchen, möglichst viele Barrieren abzubauen.
Ein Anlass unseres Gesprächs ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das am 28. Juni in Kraft tritt. Es überführt den EU Accessibility Act in deutsches Recht und soll sicherstellen, dass künftig mehr Dienstleistungen barrierefrei gestaltet werden – darunter auch digitale Angebote und Dienstleistungen. Was hältst du davon?
Ich finde dieses Gesetz ausgesprochen wichtig, weil es dem Thema endlich die nötige Aufmerksamkeit verschafft. Oft braucht es leider einen äußeren Anstoß, damit sich Dinge wirklich verändern. Barrierefreiheit erfordert Ressourcen, Zeit und Geld – und ohne gesetzliche Vorgaben fehlt bei vielen das Bewusstsein für die langfristigen Vorteile.
Worauf muss man bei barrierefreiem Webdesign achten und wie setzt man es konkret um?
Im Frontend geht es wesentlich um Kontraste, besonders Farbkontraste. Mit Tools wie whocanuse.com können wir testen, ob unsere Farbkombinationen für Menschen mit verschiedenen Seheinschränkungen funktionieren. Wichtig sind auch durchdachte Typografie, angemessene Schriftgrößen und Zeilenabstände. Die visuelle Wahrnehmung läuft oft unbewusst ab – wir verstehen eine gut gestaltete Seite innerhalb einer Sekunde oder eben nicht. Klare Hierarchien leiten das Auge und können die Orientierung verbessern.
Konkrete Anforderungen sind zudem: stoppbare Animationen für Menschen mit Epilepsie, Tastatursteuerbarkeit für Nutzer mit motorischen Einschränkungen, sichtbare Fokusrahmen und eine Funktionalität auch in Schwarz-Weiß für Menschen mit Farbenblindheit.
Im Backend müssen wir sicherstellen, dass die Seite screenreader-kompatibel ist. Das erreichen wir durch saubere Strukturierung mit Tags und indem wir alle visuellen Elemente mit aussagekräftigen Alt-Texten hinterlegen.
Foto: privat
Über Juliane Schwabenbauer
Juliane Schwabenbauer hat an der Bauhaus-Universität Weimar Medienkunst und Grafikdesign studiert. Bei einem Auslandsaufenthalt in Korea wurde sie auf das Thema Alterseinsamkeit aufmerksam und hat eine App entwickelt, mit der sich ältere Menschen verabreden können. Später wurde daraus gemeinsam mit ihrer Kollegin Barbara Hinz die Idee für ein gemeinsames Studio mit Fokus auf barrierearmem Design und gesellschaftsrelevanten Projekten.
Wie läuft ein Designprozess mit Kunden ab?
Unser Prozess beginnt immer mit einem Kick-off-Workshop. Vorher geben wir den Kund:innen Hausaufgaben: Sie sollen ihre Zielgruppe definieren und die Stärken und Schwächen ihrer aktuellen Seite analysieren. Im Workshop strukturieren wir dann gemeinsam die neue Seite, entfernen Überflüssiges und kürzen Inhalte, damit Besucher mit möglichst wenigen Klicks zum Ziel kommen. Wir sprechen über Wünsche, Bedürfnisse und vorhandene Corporate-Design-Vorgaben, die berücksichtigt werden müssen. Eine Website barrierearm zu gestalten, bedeutet immer, sie grundsätzlich zu durchdenken und neu aufzubauen, damit auch alle Bereiche und Funktionen zugänglich sind und zusammen funktionieren.
Wie reagieren eure Kunden, wenn das Projekt fertig ist?
Bisher sind alle durchweg begeistert gewesen, wie viel entschlackter, schöner und benutzerfreundlicher ihre Websites geworden sind. Es existiert leider der Trugschluss, dass barrierefreies Design automatisch zu gestalterischen Abstrichen führt. Natürlich kann man allzu experimentelle Ideen nicht umsetzen, aber insgesamt schränkt barrierearmes Design nicht ein, sondern fordert uns heraus, intensiver über Gestaltung nachzudenken. Das Entscheidende ist die Bereitschaft zum Perspektivwechsel: Man muss aus der eigenen Komfortzone heraustreten und verstehen, woran andere Menschen scheitern könnten. Diese Herausforderung führt letztlich zu besserem Design für alle.
Hat sich dein Blick auf Design durch die Arbeit mit Barrierefreiheit verändert?
Ich hatte Glück, dass mein persönlicher Stil schon immer recht reduziert war. Die Schweizer Typografie und der schlichte, moderne Bauhaus-Stil haben mich schon immer begeistert. Aber mein Designverständnis hat sich auch grundlegend gewandelt. Ich habe schnell begriffen: Design bedeutet nicht einfach nur „schön machen“ – es ist ein Prozess, der verschiedene Lebensrealitäten berücksichtigen muss. Wir gestalten unsere Umgebung ständig und tragen damit auch Verantwortung.
Du hast digitale Tools zur Prüfung von Barrierefreiheit erwähnt. Arbeitet ihr auch direkt mit Menschen mit Einschränkungen zusammen, die eure Entwürfe aus erster Hand testen?
Wir würden unsere Produkte viel lieber direkt mit den betroffenen Menschen testen lassen, aber hier stoßen wir oft an finanzielle Grenzen. Es gibt in Leipzig eine hervorragende Agentur, die genau solche Tests anbietet. Dort arbeiten viele Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, die professionell Produkte auf Barrierefreiheit prüfen – sie haben beispielsweise auch die Leipziger Buchmesse evaluiert. Eine Zusammenarbeit wäre für uns ideal, scheitert aber meist am Budget. Daher müssen wir uns hauptsächlich auf digitale Testtools verlassen.
Ist barrierefreies Design noch ein Nischenthema oder wird es langsam größer?
Das ist schwer einzuschätzen, da die Design-Community recht überschaubar ist. Ich spüre definitiv, dass das Thema präsenter wird. Es gibt eine wachsende Gruppe engagierter Designer:innen, die bewusst gesellschaftsrelevant und politisch arbeiten möchten. Diese Personen setzen sich leidenschaftlich für barrierefreies Design ein. Allerdings sind es oft die „Nerds“ unter uns, die wirklich Lust haben, tief in diese komplexe Materie einzusteigen. Ich hoffe, dass mit zunehmender Gesetzgebung und gesellschaftlichem Bewusstsein barrierefreies Design vom Spezialthema zum selbstverständlichen Standard wird. So weit sind wir aber noch nicht.
Wir leben in politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten. Was gibt dir Hoffnung?
Meine Hoffnungsquellen variieren tatsächlich von Woche zu Woche. Besonders berührt es mich, wenn ich bei Demos erlebe, wie viele Menschen sich engagieren und für gesellschaftliche Anliegen einsetzen. Ein konkretes Beispiel, das mich optimistisch stimmt: Wir haben zusammen mit dem Volksverpetzer eine Broschüre mit dem Titel „Fakten gegen rechte Mythen“ entwickelt. Als Gestalter:innen wollten wir unsere Kommunikations- und Designkompetenzen sinnvoll einsetzen. Wir haben zehn gängige Thesen ausgewählt und Freunde gefragt, ob sie jeweils eine bearbeiten möchten. Die Resonanz war überwältigend – alle wollten sofort mitmachen und konkret handeln. Diese Bereitschaft zum aktiven Engagement in meinem Umfeld gibt mir echte Zuversicht.
Mehr Infos:
Eine Übersicht zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz von Aktion Mensch
Mehr über das two do Studio
Und die Agentur für Barrierefreiheit
Das Tool whocanuse macht sichtbar, wie Menschen mit Seheinschränkungen Farbkontraste wahrnehmen
