Kate Crawford entschleiert in „Atlas der KI – Die materielle Wahrheit hinter den Datenimperien“ die verborgene Seite einer Technologie, die gerade dabei ist, unser Leben und Arbeiten zu revolutionieren. Mit dem scharfen Blick einer kritischen Kartographin zeigt sie, dass KI nicht in der Cloud schwebt, sondern auf massivem Ressourcenverbrauch, unterbezahlter Arbeit und wachsender Machtkonzentration basiert.
Atlas
Um etwas zu verstehen, heißt es ja immer, man solle sich „ein Bild machen“, aber manchmal ist es viel hilfreicher, eine Karte zu zeichnen, Linien zu ziehen, um Zusammenhänge zu sehen. Gerade bei der komplexen technischen, politischen, gesellschaftlichen Entwicklung ist das ein guter Ansatz, den Kate Crawford mit ihrem neuen Buch verfolgt. Sie will die Entwicklung der KI kritisch vermessen: „Wir brauchen eine Theorie der KI, die die Staaten und Unternehmen benennt, die ihre Entwicklung vorantreiben und sie dominieren, den Abbau von Bodenschätzen berücksichtigt, der seine Spuren auf dem Planeten hinterlässt, sowie die massenhafte Datenerhebung und die zutiefst ungleichen und zunehmend ausbeuterischen Arbeitspraktiken mitbedenkt, die sie in Gang halten.“ (19) Dafür hat Crawford ganz journalistisch, empirisch vor Ort recherchiert, Feldforschung betrieben von den Lithium-Minen in Nevada bis ins Snowden-Archiv. Jedes Kapitel ihres Atlas ist also im besten Sinne ein kartographischer Querschnitt, der kultur- und technikhistorische Beispiele mit empirischer Forschung und politischem Kommentar verbindet. Damit entwickelt sie einen kritischen „Materialismus“, der Technik, Kultur und Natur zusammendenkt und sich dabei elegant der Theoriewerkzeuge aus Rechtswissenschaft, politischer Ökonomie und Science-and-Technology Studies bedient.
Erde und Daten
Materialismus ist dabei ganz handfest geologisch und zugleich politisch. Angesichts des geopolitischen Kampfes um „seltene Erden“ ist das nichts Neues, aber doch ein Fakt, der durch den phantasmagorischen Begriff „Künstliche Intelligenz“ und die Idee selbstdenkender Maschinen hier und da verschleiert wird: „Der Begriff ‚Künstliche Intelligenz‘ mag zwar den Gedanken an Algorithmen, Daten und Cloud-Architekturen heraufbeschwören, doch nichts von alledem kann ohne jene Mineralien und Ressourcen funktionieren, aus denen die Kernkomponenten der Computertechnik bestehen.“ (38)
Gerade mit Blick auf Nachhaltigkeit ist Crawfords politischer Materialismus absolut relevant und wichtig. Der Aufstieg von KI-Technologien beruht aber nicht nur auf der Ausbeutung von Bodenschätzen, sondern auch auf der Ausbeutung von Daten und Arbeitskraft. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Shoshana Zuboff hat diesen „Extraktivismus“ in ihrem einflussreichen Buch als „Überwachungskapitalismus“ bezeichnet. Daten, so Zuboff, seien das Erdöl des 21. Jahrhunderts.
Schlachthäuser und Clickwork
Aber wie gesagt, es geht nicht nur um Bodenschätze, sondern auch um Arbeitskraft. Künstliche Intelligenz ist nur so schlau wie das menschliche Wissen, das sie aufgesogen hat, und dass die Chatfenster von ChatGPT und anderen Tools von Hass und Gewalt freigehalten werden, ist das stille und schlecht bezahlte Verdienst zahlreicher „Clickworker“, die am Training der Modelle mitarbeiten.
Um zu zeigen, dass auch diese Form der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ein trauriges Kernelement vieler technologischer Entwicklungsprozesse ist, nimmt Crawford ihre Leser mit in die Schlachthäuser in Chicago, wo im 19. Jahrhundert das Fließband Arbeitsprozesse standardisierte, Handgriffe fragmentierte und menschliche Arbeitskraft zu einer abstrakten, austauschbaren Größe gemacht hat.
Es sind diese kultur- und technikhistorischen Exkurse, die zeigen, in welche Richtung sich die Entwicklung und Nutzung von KI nicht entwickeln sollte. Sie schärfen unseren Blick dafür, wie Technologien unser Leben, unser Arbeiten und letztlich auch unser Selbstverständnis als Menschen verändern.
Kritik ohne Lösung?
Der „Atlas der KI“ ist ohne Frage ein kritisches Buch, eine fundierte investigative Recherche, die den Aufstieg der KI kritisch in den Blick nimmt und dabei akademisch solide und zugleich gut lesbar ist. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass Crawford mit gleicher kritischer Sorgfalt auch die positiven Möglichkeiten und Potenziale der Entwicklung und Nutzung von KI aufzeigt – am besten mit der gleichen empirischen Genauigkeit ihrer übrigen Analysen. Stattdessen finden sich am Schluss etwas kraftlose Appelle für mehr staatliche Regulierung und politisches Engagement.
Gerade wenn man wie Crawford materialistisch denkt und mit den Werkzeugen politischer Ökonomie arbeitet, müsste man konsequent dialektisch denken. Das bedeutet, neben den vielen problematischen Aspekten der gegenwärtigen KI-Entwicklung auch die möglichen Wege ihrer gerechten und verantwortungsvollen Nutzung und Entwicklung aufzuzeigen.
Zum Weiterlesen:
Kate Crawford, Atlas der KI: Die materielle Welt hinter den Datenimperien, C.H. Beck,
München, 336 Seiten.
