Markus Gabriel über ethische KI

von | Juli 5, 2025

Philosophie ist so etwas wie Ingenieurskunst fürs Denken. Wie die Mathematik wichtige Grundwerkzeuge für die Naturwissenschaften bereitstellt, bearbeitet Philosophie die großen Fragen, Begriffe und Argumente, mit denen in den Geisteswissenschaften über unsere Gesellschaft nachgedacht wird.

Gerade im Kontext der aktuellen KI-Entwicklung, die durch neue Werkzeuge wie ChatGPT und viele andere unser Schreiben, Sprechen und Denken verändert, ist es aus meiner Sicht an der Zeit, den Werkzeugkoffer der Philosophie wieder herauszuholen. Wie wir uns als Menschen verstehen und wie der Umgang mit Technik dieses Verständnis verändert, ist eine in der Technikphilosophie und philosophischen Anthropologie gut erforschte Frage.

Auf viele ethische Fragen im Umgang mit Technik und eben auch im Umgang mit KI hat die Philosophie klare, kritische Antworten. Nur wirken sie aus meiner Sicht viel zu wenig in den aktuellen Diskurs hinein. Ich lese und beobachte oft, wie sich die akademische Philosophie entweder in abstrakte Diskussionen innerhalb des Elfenbeinturms vertieft oder leider an vielen Stellen auch ganz engagiert und mit wenig Praxisbezug digitale Technologien oder „den Kapitalismus“ undifferenziert verteufelt.

Es wird also Zeit für eine kritische, aber konstruktive und gerne auch experimentelle Mitarbeit der akademischen Philosophie an der KI-Debatte – und das bitte auch mit einer konkreten Antwort auf die Frage, wie wir Künstliche Intelligenz nachhaltig und verantwortungsvoll nutzen können.

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel liefert dafür aus meiner Sicht gute Argumente. Er will keine „Ethik der KI“ als vorschreibendes Regelwerk entwerfen, sondern bei der Entwicklung einer „ethischen KI“ mitwirken. Einem „Ethics by Design“-Ansatz folgend sollen Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft dafür sorgen, dass ethische Prinzipien schon bei der Entwicklung von KI-Anwendungen berücksichtigt werden.

Gabriel erforscht diesen Ansatz in einem interdisziplinären Forschungsprojekt „Wünschenswerte Digitalisierung“ an der Uni Bonn und hat seine Position – nicht nur zu KI – auch in seinem neuen Buch „Gutes Tun. Wie der ethische Kapitalismus die Demokratie retten kann“ (2024) ausgearbeitet.

Für Gabriel liegt in dieser verantwortungsvollen Entwicklung von KI-Anwendungen auch wirtschaftliches Potenzial, und er sieht Raum für neue, verantwortungsbewusste Geschäftsmodelle. Anstelle der viel geäußerten und natürlich auch notwendigen Kritik an „Big Tech“ steht hier etwas anderes im Fokus: kluge, engagierte und am gesellschaftlichen Fortschritt orientierte Wirtschafts- und Technologiepolitik.

Wie die Entwicklung ethischer KI aussieht und in welchen Anwendungskontexten sie erfolgreich sein kann, wird sich zeigen. In jedem Fall ist Markus Gabriel und vielen anderen, die in dieser Richtung forschen, etwas Dringendes und Notwendiges gelungen: den Werkzeugkoffer der Philosophie wieder auf den Tisch der Debatte zu stellen.

Mehr Infos:

Über Markus Gabriel

Sein Essay über ethischee KI im Handelsblatt (paywall)

 

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