Smart Cities: Wie digitale Technologien Städte nachhaltiger machen

von | Juli 7, 2025

Lisa Dreier arbeitet am Deutschen Institut für Urbanistik und begleitet deutschlandweit Kommunen bei der Entwicklung smarter Stadtkonzepte. In Interview erklärt sie, was hinter dem Begriff Smart City steckt und wie digitale Technologien dabei helfen, unsere Städte lebenswerter zu machen.

 

 „Smart City“ das ist oft ein schnelles Buzzword für die digitale Modernisierung von Städten. Was versteht man eigentlich darunter und wie hat sich das Konzept entwickelt?

Die Smart City gibt es nicht als eine einheitliche Idee – das kann relativ viel bedeuten, je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachtet. Für mich gibt es zwei zentrale Zugänge: Entweder man sieht es aus der reinen Technik-Perspektive, wo Technologie als Lösung für alle städtischen Probleme verstanden wird. Oder man fragt sich: Wie können wir Technik sinnvoll nutzen? Wie wird sie zum Mittel zum Zweck statt zum Selbstzweck?

Die Idee Städte als steuerbare Systeme zu verstehen, reicht zurück bis in die 1950er und 60er Jahre. Entstanden ist diese Idee damals auch im Kontext der „Kybernetik“ als Steuerungswissenschaft, die nach dem zweiten Weltkrieg ihre große Zeit hatte. Der Begriff „Smart City“ selbst kam dann in den frühen 2000ern auf, aber richtig durchgesetzt hat er sich ab 2009. Das hat auch mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft und der Verbreitung von Smartphones Mitte der 2000er zu tun. Die digitale Vernetzung und die Verfügbarkeit von Daten haben das Konzept noch einmal grundlegend verändert.

Foto von Lisa Dreier. Credit: Vera Gutofsky, Deutsches Institut für Urbanistik.

Foto: Vera Gutofsky, Deutsches Institut für Urbanistik.

Über Lisa Dreier

Lisa Dreier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Urbanistik im Forschungsbereich Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Digitalisierung und Stadtentwicklung. Sie berät Kommunen bei der Entwicklung und Umsetzung von Smart-City-Lösungen, und forscht zu Themen wie Künstlicher Intelligenz, Digitalen Zwillingen und dem Einsatz von Virtueller Realität in Beteiligungsprozessen.

Du arbeitest in der Koordinierungs- und Transferstelle Modellprojekte Smart Cities. Wie funktioniert dieses Förderprogramm?

Wir betreuen zusammen mit weiteren Projektpartnern im Auftrag des Bundes das größte deutsche Förderprogramm für Digitalisierung in der Stadtentwicklung, die „Modellprojekte Smart Cities“. Der Bund fördert darin 73 Kommunen mit insgesamt 830 Millionen Euro. Die Kommunen konnten sich mit eigenen Projektideen bewerben. Eine Expertenjury hat dann eine möglichst große Bandbreite ausgewählt: von Metropolen wie München oder Hamburg bis zu kleinen Gemeinden mit so episch klingenden Namen wie Apfeldorf und Fuchstal.

Das spiegelt unser föderales System wider. Deutschland besteht nicht nur aus Großstädten, sondern aus 11.000 sehr unterschiedlichen Kommunen. Deshalb werden auch bewusst Projekte mit einerseits klarem Ortsbezug gefördert, andererseits geht es dabei um die Frage, wie andere Kommunen mit vergleichbarer Ausgangssituation von diesen ersten Erfahrungen profizieren können. Die Modellkommunen sollen daher Lösungen entwickeln, von denen alle anderen lernen können. Wir unterstützen sie dabei – von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Das bedeutet: Wir fahren quer durchs Land, setzen uns mit den Verantwortlichen zusammen und arbeiten gemeinsam daran, wie sich neue Ansätze in bestehende Verwaltungsstrukturen integrieren lassen.

Welche konkreten Vorteile bieten digitale Technologien für die Stadtentwicklung?

Das Potenzial liegt vor allem in der intelligenten Nutzung von Daten. Nehmen wir zwei zentrale Herausforderungen: Bürgerbeteiligung und Klimaanpassung. Bei der Bürgerbeteiligung geht es darum, komplexe Planungsvorhaben verständlich zu vermitteln. Traditionell liegen Bebauungspläne im Rathaus aus – meist zu Zeiten, wo normale Berufstätige keine Zeit haben. Digitale Tools ermöglichen es, diese Pläne online einzusehen, dreidimensionale Modelle zu erkunden und direkt Feedback zu geben. Wenn dann Hunderte von Rückmeldungen eingehen, können intelligente Systeme bei der Auswertung helfen.

Beim Klimaschutz ist die Anpassung von Städten an den Klimawandel und beispielsweise die Prognose von Extremwetterereignissen entscheidend. Sensornetzwerke können Daten zu Temperatur, Niederschlag und Bodenfeuchtigkeit in Echtzeit erfassen. So lassen sich Starkregen oder Hitzeperioden besser vorhersagen. Und Städte können gezielter reagieren: Wo entstehen Hitzeinseln? Welche Gebiete sind bei Starkregen überschwemmungsgefährdet? Diese Daten ermöglichen es, präventiv zu handeln, statt nur zu reagieren.

Wie bewertest du den aktuellen Stand der Smart-City-Entwicklung in Deutschland?

Das kommt auf die Perspektive an. Technologisch sind andere Länder teilweise weiter – allerdings oft auf Kosten des Datenschutzes. Unsere strengen Datenschutzbestimmungen sind ein wichtiges Gut, auch wenn sie Entwicklungen manchmal verlangsamen.

Die deutschen Verwaltungsstrukturen sind oft sehr starr, was solchen Smart City-Projekte auch schnell den experimentellen Charakter nehmen kann, der aber notwendig ist. Man muss Dinge ausprobieren und dabei eben auch scheitern dürfen, um voranzukommen. Was mich optimistisch stimmt: Die personelle Entwicklung in den Kommunen. Es ist beeindruckend, welche Expertise dort aufgebaut wurde. Die Mischung aus erfahrenen Verwaltungsmitarbeitern und neuen Ideen funktioniert erstaunlich gut.

Wir haben großen Respekt vor den Smart-City-Teams in den deutschen Kommunen. Sie sind oft kleine Speerspitzen, die zeigen, was möglich ist. Trotz vieler Widrigkeiten erkämpfen sie sich Raum für Innovation. Diese Beharrlichkeit und der konstruktive Austausch zwischen den Kommunen machen mir Mut für die Zukunft der Smart City in Deutschland.

Mehr Infos:

Artikel von Lisa zum Thema „Resilienz in der Smart City“

Über die Projekte

Überblick zu den Modellprojekten Smart Cities

Die Beteiligungsplattform DIPAS in Hamburg

Das Tiny Rathaus in Kiel

Das Projekt „Helfende Hände“

Stadtklimamonitoring in Bochum

Hitzeschutz in Hannover

Beitragsbild oben: Jill Evans, pexels.
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