Über Brachen

von | Juli 28, 2025

Wir denken so oft, dass nichts vorangeht, wenn wir es nicht vorantreiben. Tief in uns sitzt dieser Gedanke, dass Produktivität gleich Aktivität ist. Dabei kann vieles entstehen, wenn man den Dingen Zeit lässt. Brachen sind dafür ein gutes Beispiel. Auf unbearbeitetem Ackerland, in Mauerritzen und auf abgeernteten Feldern passiert etwas, das nicht von unserer Aktivität angetrieben wird. Es entsteht, weil wir die Natur in Ruhe lassen.

 

Altes agrarisches Wissen

Die Landwirtschaft weiß das schon lange. Im Mittelalter betrieben Bauern Dreifelderwirtschaft und ließen Felder brach liegen, damit der Boden sich erholt. Landwirtschaft arbeitet jeden Tag mit dem Verhältnis von Natur und Kultur – geprägt von Wetter und Jahreszeiten, mit einem anderen Zeitverständnis.

Selbst moderne Intensivlandwirtschaft, Kunstdünger und die Sucht nach Produktivität haben das alte agrarische Wissen um die Regeneration des Bodens nicht verdrängen können. Es gibt „Schwarzbrachen“, bei denen Bauern den Boden immer wieder umpflügen, damit er neue Nährstoffe aufnehmen kann. Auf „Stoppelbrachen“ lässt man die abgeernteten Pflanzen in der Erde stehen, damit sich Mikroorganismen davon ernähren und der Boden sich unter den Resten der Ernte erholen kann.

Abbildung der Zeitschrift "Ilinx - Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft". Eine Ausgabe über Brachen
Die Berliner Kulturwissenschaftszeitschrift „Ilinx“ hat eine ganze Ausgabe zum Thema Brachen gemacht – mit teils sehr akademisch verstiegenen, aber originellen Beiträgen in einer schönen Publikation von Spector Books.

Wildwuchs statt Flächenversiegelung 

In der Stadt weiß man heute, wie wichtig Stadtbrachen sind, damit Wasser versickern kann und Städte im Sommer nicht zu flächenversiegelten, glühenden Bratpfannen werden. Denn Stadtplanung bedeutet oft, in jedem Stück Grün einen potenziellen Parkplatz zu sehen und möglichst viel Fläche mit Asphalt zu überziehen, um sie „richtig“ zu nutzen. Dabei finden selbst in den erholsamsten Grünanlagen Insekten nicht das Futter und die Lebensmöglichkeiten wie im Wildwuchs der Stadtbrachen. Diese Orte zeigen uns, dass es etwas jenseits unseres Bebauungswillens gibt, das eigenständig wird – manchmal wunderschön. Der Wildwuchs im Dreieck der Autobahnauffahrt, ein verwildertes Grundstück mitten in der Stadt, die jungen Bäume zwischen den Gleisen am Bahnhof. Die Natur „erobert sich etwas zurück“, wie man so schön sagt.

Die Rechte der Natur

Die Natur wurde in unserem westlichen Denken lange als Ressource und Substrat unseres menschlichen Gestaltungswillens betrachtet. Durch die Klimakrise ist uns bewusst geworden, dass die Natur eine eigenständige und widerständige Kraft ist. Jetzt wird uns klar, wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass Bienen unsere Obstbäume bestäuben und Bäume uns Schatten spenden. Bruno Latour hat ein „Parlament der Dinge“ gefordert – auch nicht-menschlichen Akteuren bei politischen Entscheidungen eine Stimme zu geben. Für unser anthropozentrisches Denken klingt das gewöhnungsbedürftig, aber die Frage, ob Natur Rechte haben sollte, wird bereits diskutiert. Die EU hat im Juni 2024 einen wichtigen juristischen Schritt gemacht: Das „Gesetz zur Wiederherstellung der Natur“ zielt darauf ab, 20% der Land- und Meeresflächen bis 2030 zu renaturieren. Es geht um eine große Reparationsleistung an die Natur, die unser eigenes Überleben sichern soll. Wir werden künftig also wieder mehr Brachen brauchen und uns mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, dass Naturschutz auch bedeuten kann, die Natur einfach mal in Ruhe zu lassen.
Beitragsbild oben: Matej Bizjak, Ruhiges Winterfeld In Suhadole, Slowenien (pexels)
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