Der Sound des Klimawandels

von | Aug. 31, 2025

Ludwig Berger ist Klangkünstler. Seine Installationen und Performances machen unhörbare Prozesse in der Natur akustisch erfahrbar – von schmelzenden Gletschern bis zu den Vibrationen von Insekten. Im Interview erklärt er, warum gerade Sound uns neue Perspektiven auf ökologische Zusammenhänge eröffnet.

„Sound Art“ oder „Klangkunst“ – das ist ein sehr offener Begriff. Was machst du genau und wie bist du dazu gekommen?

Mir gefällt gerade dieses Offenheit, denn ich mache viele verschiedene Dinge, die mit Sound zu tun haben wie Klanginstallationen, Radiostücke, Performances, Hörspaziergänge oder Tonträger. Um es auf den Punkt zu bringen, könnte man vielleicht sagen, dass ich mit aufgenommenen Klängen arbeite, die (noch) nicht Musik sind.

Mein Hintergrund ist die elektroakustische Komposition, die ich in an der Hochschule für Musik Weimar studiert habe. Dort lernt man, wie man mit aufgenommenen Klängen komponiert – das hat seine Wurzeln in der Musique concrète der 50er Jahre. Die Idee war, mit dem Material der realen Welt Musik zu erschaffen. Aber mich hat von Anfang an der Kontext der Klänge interessiert. Während meine Kommiliton:innen abstrakte Collagen machten, haben mich Orte fasziniert – ihre Identität und wie man diesen Kontext als Teil der Komposition behandeln kann.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger auf dem Morteratsch Gletscher

Foto: Lutz Stautner und Philipp Becker.

Wie gehst du dabei vor? Wie näherst du dich einem Ort an?

Mich interessiert weniger, Klänge von unterschiedlichsten Orten zu sammeln. Ich arbeite lieber mit wenigen Orten, die ich dafür regelmäßig besuche und immer besser kennenlerne. Es geht mir darum, eine Beziehung zu entwickeln und in die Tiefe zu gehen.

Ich habe eine ganze Palette an Mikrofonen dabei: Hydrofone für Unterwasseraufnahmen, Kontaktmikrofone, die ich an Pflanzen klebe, elektromagnetische Sensoren für Strahlungsfelder. Und ich versuche nicht puristisch vorzugehen – meine eigene Präsenz filtere ich nicht heraus, sondern arbeite produktiv damit. Im Moor zum Beispiel grabe ich Mikrofone in den Torf ein und stelle mich darauf, verlagere langsam mein Gewicht. Das komprimiert und dekomprimiert das Moos – es klingt wie Atmen. Die Mikrofone werden zu einem Körper, der zwischen mir und der Landschaft vermittelt.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger auf dem Morteratsch Gletscher

Foto: Bruno Augsburger

Über Ludwig Berger

Ludwig Berger ist Klangkünstler und erforscht die akustischen Dimensionen von Landschaften. Er studierte elektroakustische Komposition in Weimar und arbeitete bis 2022 am Institut für Landschaftsarchitektur der ETH Zürich. Seine Projekte „Crying Glacier“ dokumentiert den schmelzenden Morteratsch-Gletscher, „Photosynthetic Beats“ macht Photosynthese hörbar. Für die Architekturbiennale Venedig schuf er „Ecotonalities“, eine Installation über die Klangwelten technischer Infrastrukturen und ihre ökologischen Übergangszonen. Berger kollaboriert mit Biolog:innen zur vibrationalen Kommunikation von Insekten.

Warum ist gerade Sound ein so interessantes Medium für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur?

Durch das Hören kann man sehr viel über seine Umgebung lernen. Ich mag diesen Moment des Staunens – wenn man plötzlich etwas hört, wo man nie gedacht hätte, dass es so klingt. Man kann nicht sehen, wie viele Insekten auf einer Wiese sind, aber man hört ziemlich schnell, wie lebendig sie ist, wenn man durch die Arbeit am Sound die Wahrnehmung und den Maßstab verändert.

Was mich besonders fasziniert: Je kleiner die Dinge sind, umso größer klingen sie oft. Sobald man ganz nah dran ist, füllt es plötzlich den ganzen Klangkörper. Bei der vibrationalen Kommunikation von Insekten zum Beispiel – Läuse sind unglaubliche Sänger, sie singen melancholische Lieder, von denen wir nichts hören, weil sie in einem anderen Medium kommunizieren. Mit Laser-Doppler-Vibrometern kann man alle Signale hören, die in einer Pflanze übertragen werden. Da tut sich eine ganz neue Welt auf.

 

Du hast über mehrere Jahre dem Morteratsch-Gletscher beim Schmelzen zugehört. Wie kam es dazu und was hast du dort entdeckt?

Das Projekt begann 2016 als Kurs an der ETH Zürich. Wir wollten den Klimawandel hörbar machen anhand von etwas, was direkt vor unserer Haustür ist. In der Schweiz sind die Gletscher landschaftsprägend – und sie verschwinden.

Ich gehe auf den Gletscher und lasse Unterwassermikrofone in wassergefüllte Spalten. In dem Moment ist man wie mit dem ganzen Gletscher verbunden – wie ein Stethoskop, mit dem man den Körper abhört. Man hört Tropfen, Fließen vom Schmelzwasser, tiefe Schläge und Knacken vom Eis. Aber die Klänge, die mich am meisten interessieren, kommen von Luftblasen, die im Eis eingeschlossen sind – teilweise hunderte Jahre alte Luft. Wenn diese Bläschen schnell genug austreten, entstehen Melodien, die wie elektronische Musik klingen, wie Vogelgezwitscher oder menschliche Stimmen.

Seit ich 2016 angefangen habe, muss ich jetzt eine gute halbe Stunde mehr den Berg hochgehen, um überhaupt zum Gletscher zu gelangen. Die Stelle, wo ich vor zwei Jahren aufgenommen habe, ist nur noch eine Steinwüste. An einem heißen Sommertag können eine Million Tonnen Eis abschmelzen. Diese Wassermassen spürt man – der Gletscher hinterlässt eine Wüste, wo immer wieder Geröll runterkracht. Es hat noch diese hochalpine, kristalline Schönheit, aber man merkt auch, wie alles zusammenbricht.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger bei Aufnahmen für seine Klanginstallation Ecotonalities

Foto: Valentin Bansac

In deinem Projekt „Ecotonalities“ für den Luxemburger Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig untersuchst du die Klangwelten technischer Infrastrukturen. Was war die Idee dahinter?

Wir haben Datenzentren, Satellitenanlagen, schwimmende Photovoltaikanlagen und Windkraftanlagen in Luxemburg aufgenommen – diese neue Landschaft, die sehr im Kommen ist. Es ging darum, ein Gefühl dafür zu bekommen: Wie klingt überhaupt ein Datenzentrum? Aber auch das Verhältnis dieser Orte zu ihrer Umgebung zu untersuchen.

Ich bin auf den Begriff des „Ökotons“ gestoßen – in der Ökologie bezeichnet das eine Übergangszone zwischen zwei Ökosystemen. Wir haben das verwendet für die Übergangszonen zwischen menschlicher Infrastruktur und den umliegenden Ökosystemen. Während man visuell klare Grenzen hat zwischen diesen Territorien, ist es akustisch viel mehr überlappend.

Am Satellitenpark, wo menschliche Daten übertragen werden, hört man Schwärme von Staren – das klingt wie Radiosignale. Es geht mir darum, diese Parallelität zu zeigen: dass es auch bei Tieren Energieproduktion und Datenübertragung gibt. Aber auch klarzustellen, dass bestimmte Machtverhältnisse im Klang hörbar sind. In der Bioakustik spricht man von Klang als Ressource – Tiere sind angewiesen auf akustische Kommunikation. Die Ressource ist quasi die Stille. Sobald wir Klänge produzieren, ist diese Ressource nicht mehr da für andere.

Wie erleben Menschen deine Installationen?

Bei „Ecotonalities“ betritt man einen abgedunkelten Raum mit 24 Lautsprechern. In der Mitte ist eine Plattform mit Vibrationslautsprechern, die die Plattform in Schwingung bringen. Die Leute legen sich darauf und hören die Klänge nicht nur, sondern spüren sie im ganzen Körper – wenn eine Heuschrecke in einem Grashalm vibriert, vibriert die ganze Plattform.

Die Reaktionen reichen von körperlich bis sehr emotional. Beim Gletscherprojekt beschreiben Leute, dass sie anfangen zu weinen. Wir geben Gefühlen, die mit dem Klimawandel zu tun haben, oft nicht genügend Raum. Wenn man sich wirklich hinsetzt und genau hört, was gerade passiert, ist es erschreckend – aber es hat auch etwas Verbindendes. Viele sind dankbar für diesen Raum, auch um zu trauern. Aber mir ist wichtig, dass es nicht nur schwer ist – es gibt auch leichte, lustige Momente. Manche Gletscherklänge erinnern an Körpergeräusche, bei den Insekten gibt es sehr lustige Klänge. Es soll auch etwas Unterhaltsames haben.

Mehr Infos:

Auf Ludwig Bergers Website finden sich alle Infos und Bilder zu seinen Arbeiten und Projekten.

Mehr Bilder zu der Installation „Ecotonalities“ gibt es auf der Seite der Venedig Biennale 2025.

Die New York Times hat „Crying Glacier“ in ihre Dokumentarfilmplattform aufgenommen.

Ludwigs Buchtipp: Donna Haraway, Staying with the Trouble, Duke University Press, 2016 (Deutsche Übersetzung im Campus Verlag).

Beitragsbild oben: Foto von Lutz Stautner und Philipp Becker
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