Wir schließen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Was war, bestimmt, was wir für möglich halten – und verstellt den Blick auf das, was werden könnte. Zukunftsforscher Jonas Drechsel erklärt, warum es sich lohnt, dagegen anzudenken, und wie sich der Zukunftsmuskel trainieren lässt.
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Jonas, was macht man eigentlich als Zukunftsforscher? Das klingt erst mal nach Glaskugel.
Ich bin in verschiedenen Bereichen unterwegs – von politischer Arbeit über Foresight-Beratung bis hin zu kritischer Zukunftsforschung als Community-Projekt. Was sich durchzieht: Ich entwickle Formate, in denen Menschen und Organisationen ihre Zukunftsbilder hinterfragen können. Das reicht von Einzelworkshops, in denen wir in vier Stunden ein paar Grundbegriffe aufbrechen, über längere Begleitprozesse bis hin zu ganzen Architekturen, die definieren, wie eine Organisation dahin kommt, wo sie eigentlich hin will. Am Ende geht es immer um die Frage: Wie werden hier Zukünfte plausibilisiert? Welche fallen hinten runter – und warum?
Also weniger Visionen entwerfen, mehr Dinge in Bewegung bringen?
Genau. Zukunft ist ein Muskel und der ist bei den allermeisten sehr wenig trainiert. Da kann man mit einfachen Übungen relativ viel rausholen und schnell Fortschritte feststellen. Das zu begleiten, macht einfach Spaß. Bei einem meiner Workshops in einem großen Konzern hat eine aufstrebende Top-Managerin mal gesagt: „Das war so anstrengend, Jonas – aber ich bin total dankbar, weil es komplett gegenläufig war zu dem, wie bei uns im Konzern im Alltag gedacht wird. Das wird mich noch lange beschäftigen.“ Genau für solche Reaktionen mache ich Zukunftsforschung.
Du hast sieben Hacks aus der Zukunftsforschung für die nachhaltige Transformation mitgebracht. Fangen wir an: Warum ist Zukunft Verhandlungssache?
Es ist wichtig, Zukunft zu verhandeln. In vielen Debatten und auch im Nachhaltigkeitsdiskurs sieht man schnell, wie dogmatisch es werden kann. Gute Argumente für die eigene Position hat man schnell, aber genauso schnell wirken sie oberlehrerhaft und sind oft nicht besonders gut begründet. Ein gutes Zukunftsbild braucht auch tragfähige Begründungen. Mein Ansatz ist deshalb transparent zu machen, auf welchen Argumenten, Studien und Überzeugungen die eigene Position basiert und von dort aus gemeinsam Zukunftsbilder zu entwickeln.
Foto: Emad Ette
Über Jonas Drechsel
Jonas Drechsel ist selbständiger Zukunftsforscher, Mitbegründer des Freelance-Kollektivs youngk, Projektleiter der Missionswerkstatt, Vorstand bei D2030 e. V. und Mitbegründer der Community für kritische Zukunftsforschung.
Er hat Zukunftsforschung an der FU Berlin studiert und arbeitet an der Schnittstelle von Analyse und Transformation, Haltung und Wirkung. Dabei begleitete er Projekte für NGOs ebenso wie für Konzerne oder die EU.
Dein zweiter Hack klingt fast wie ein Ultimatum: Mach es konkret oder lass es. Was steckt dahinter?
Man kann natürlich sagen: „Smart Cities machen Städte grüner und nachhaltiger“, aber das sind abstrakte Absichtserklärungen. Überzeugender und zielführender ist meistens, eine kleine Veränderung zu zeigen, die in die Richtung geht. Es ist immer gut Dinge durchzuspielen und zu testen: Was könnte ein Experiment sein, bei dem man spielerisch herausfindet, wie man Dinge anders machen kann?
Hack drei klingt investigativ: Mythen aufdecken. Welche Mythen meinst du?
Das ist die Kernmethode der kritischen Zukunftsforschung. Wenn wir über Zukunft sprechen, argumentieren wir nur auf der obersten Schicht der Reflexion mit scheinbaren Fakten. Geht man tiefer, sieht man, dass Zukunftsbilder durch zugrundeliegende Strukturen und spezifische Weltsichten begründet sind. Darunter liegen grundlegende „Mythen“ wie „unendliches Wachstum“, die erklären, wieso manche Fakten nicht anerkannt werden können oder warum an manchen Strukturen festgehalten wird. Das Spielt mit diesen Grundannahmen ermöglicht alternative Szenarien. Darüber hinaus geht es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und ein gemeinsames Verständnis zu bekommen. Der CEO versteht vielleicht etwas ganz anderes unter nachhaltiger Unternehmensführung als sein Sustainability Officer.
Dein vierter Hack dreht sich um Trends. In der Zukunftsforschung gibt es das Bild des Futures Cone: Aus dem Punkt, an dem wir heute stehen, öffnet sich ein Fächer möglicher Zukünfte. Aber wir neigen dazu, nur den schmalen Ausschnitt zu sehen, der sich aus der Vergangenheit ableiten lässt. Wie kommt man da raus?
Der Blickwinkel, mit dem wir auf Zukunft schauen, ist konstruiert, er hat sich halt so ergeben. Das heißt aber auch: Er kann verändert werden. Und wenn man die Perspektive verschiebt, sieht man auf einmal ganz andere Dinge. Bewusst gewählte Trends können dabei als Argumentationshilfe dienen, als Anzeichen dafür wie etwas anders und besser werden kann.
Beim fünften Hack geht es darum, Reale Utopien zu erzählen, statt zu fordern – das klingt nach einem Gegenmodell zum erhobenen Zeigefinger.
Reale Utopien nach Erik Olin Wright sind Dinge, die erreicht wurden und das oft, obwohl andere sie für unmöglich gehalten haben. Es geht nicht also nicht um ferne Wunschbilder, um etwas, das erfolgreich aus der vermeintlichen Unmöglichkeit in die Wirklichkeit überführt wurde und das auch trotz aller Widerstände. Solche Realen Utopien sind auch Wegmarken, an denen man sich orientieren kann, um Dinge voranzutreiben. Ich find es wichtig, gerade in unserer kapitalistischen Logik der ständigen Steigerung und Überbietung, dass wir mal innhalten und feiern, was wir erreicht haben und uns nicht ständig empören und beklagen.
Gerade erleben wir ja einen Backlash gegen Nachhaltigkeit in Unternehmen – ESG wird zunehmend als bürokratische Last gesehen. Hast du einen Tipp für Nachhaltigkeitskommunikator:innen?
Nicht belehren, sondern inspirieren. Wer Themen auf die Landkarte setzen will, kommt durch Best Cases und Begeisterung weiter als durch den erhobenen Zeigefinger. Mein Rat: Setzt euch hin und listet drei bis fünf fantastische Dinge auf, die ihr erreicht habt. Das kann ein nachhaltigeres Fertigungsverfahren sein, das gleichzeitig wirtschaftlicher wurde, oder eine Veränderung in der Wertschöpfungskette, die vorher niemand für möglich gehalten hätte. Erzählt diese Geschichten – nicht die Klage über den Backlash.
Beim sechsten Hack wird es entspannt: Science-Fiction als Inspiration. Welche Geschichten empfiehlst du?
Das ist vielleicht der entspannteste Hack. Ich meine damit nicht die vielen dystopischen Mainstream-Fantasien, sondern eher die antidystopische Bewegung: Geschichten, die zeigen, wie Menschen trotz schwieriger Verhältnisse Handlungsfähigkeit erhalten. Auch das ist ein wichtiger Teil des Genres. Nicht nur die Endzeitkämpfe. Meine Kollegin Isabella Herrmann vom youngk-Kollektiv hat das in ihrem Buch „Zukunft ohne Angst“ wunderbar herausgearbeitet.
Zum Schluss dein siebter Hack: Von Szenarien zu Missionen. Wie wird aus einer Analyse ein Handlungsplan?
Zukunftsforschung liefert saubere Analyse, kümmert sich aber häufig wenig um die Transformation, während vielen Transformationsprojekten wiederum die Analyse abgeht. Das zusammenzulegen hilft: Vision als Zielbild, Mission als Handlungsleitlinie und konkrete Projekte für die Selbstwirksamkeit.
Zukunftsarbeit gilt in vielen Organisationen eher als nettes Add-on. Woran liegt das?
Wir erarbeiten in der Zukunftsforschung wirklich hilfreiche Dinge. Organisationen brauchen ein Denken out of the box, stellen aber selten das nötige Budget dafür bereit. Als Zukunftsforscher:innen sind wir natürlich auch in der Pflicht zu zeigen, welche positive Wirkungen unsere Arbeit hat. Aber natürlich kann man nicht alles davon in harten Zahlen messen. Klar ist aber, dass Organisationen gerade in schwierigen Phasen positive Zukunftserzählungen brauchen.
Was ist dein großes Ziel für die nächsten Jahre?
Ich arbeite daran, dass wir mit der Zukunftsforschung nicht in der Nische bleiben, sondern zeigen, welche Veränderungen wir anstoßen und begleiten können und das auch gerne nicht nur in einem kurzen Workshop, sondern als längerfristiges Transformationsprojekt.
Zum Weiterlesen:
Mehr über Jonas Drechsel und seine Arbeit als Zukunftsforscher
Die 7 Hacks zum Nachlesen auf Green Works
Mehr zum Freelancer-Kollektiv youngk
Isabelle Herrmanns Buch „Zukunft ohne Angst“ erzählt, wie wichtig Science-Fiction für positive Zukunftsbilder ist
Beitragsbild oben:
Fotograf: Andre Moura (pexels)
