Bücherstapel: Die besten Bücher über KI

von | Juli 17, 2025

Bücher stapeln sich. In meinem Regal stehen sie schon in Doppelreihe und wo es passt, lege ich immer noch welche quer darüber. Auf meinem Schreibtisch habe ich immerhin zwischen zwei Buchstützen hochkant eine gewisse Ordnung geschaffen.

Der Kulturwissenschaftler Aby Warburg hat die Bücher in seiner Privatbibliothek in Hamburg nicht alphabetisch, sondern nach dem Prinzip der “guten Nachbarschaft“ sortiert, nach den Verbindungen, die sich über Seiten und Cover hinweg thematisch und argumentativ zwischen Büchern ergeben.

Bücher zu sortieren heißt immer auch, Gedanken zu ordnen oder einen Diskurs zu sortieren. KI ist kein neues, aber ein radikal aktuelles Thema, das kluge Gedanken, Einordnungen, Visionen und Kritik braucht.

Deshalb möchte ich meinen KI-Bücherstapel hier mit euch teilen und werde ihn fortlaufend aktualisieren. Wenn ihr etwas Gutes gelesen habt, gebt mir gerne einen Tipp.

Das Foto zeigt das Buch "Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können" von Miriam Meckel und Lea Steinacker

Miriam Meckel, Léa Steinacker:
Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können,
Rowohlt Verlag, 2024,
400 Seiten, 26,00 €

Von Miriam Meckel und Léa Steinacker habe ich unter anderem gelernt, wie Transformer-Architekturen und neuronale Netze funktionieren, die Chat- und Schreibbots zu „Wortwahrscheinlichkeitsmaschinen“ machen. Und das ist nur eine von vielen Dingen, die hier detailreich und gut lesbar erläutert werden. Auf große Fragen, wie KI beispielsweise den Arbeitsmarkt verändert, ob sie die volkswirtschaftliche Produktivität steigert oder wie sie sich angemessen regulieren lässt, bekommt man hier kluge und gut recherchierte Antworten. Für mich ist es eines der besten „Übersichtsbücher“ zu KI und ein guter Startpunkt, um tiefer in einzelne Themen oder Diskurse einzutauchen. Überzeugt hat es mich auch, weil es dem Hype-Thema KI mit einer kritischen und gleichzeitig positiven und konstruktiven Haltung begegnet, die in unserer zu Polarisierung neigenden Debattenkultur leider selten geworden ist.
Das Foto zeigt das Cover des Buches "Atlas der KI. Die materielle Welt hinter den neuen Datenimperien" von Kate Crawford

Kate Crawford: Atlas der KI. Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien, C.H. Beck Verlag, 2024,
336 Seiten, 32,00 €

Rezension hier auf ecologies.

Ein Atlas schafft Übersicht, zieht Verbindungslinien und vermisst Territorien. Kate Crawford hat ein sehr kritisches KI-Buch geschrieben, das mit theoretischem Handwerkszeug aus Kulturwissenschaften, Material Studies und politischer Ökonomie die Logiken und Machtverhältnisse seziert, die mit dem Buzzword „KI“ zusammenhängen. Warum „Daten“ von den großen Tech-Konzernen oft wie frei verfügbare Ressourcen behandelt werden und welche ganz konkret materiellen Ressourcen die nur vermeintlich künstliche Intelligenz verschlingt, liest man in diesem Buch. Jedes Kapitel ist eine kulturhistorische Reise, die ihren Ausgangspunkt bei Crawfords eigenen Recherchereisen nimmt – ins Snowden-Archiv oder zu den verlassenen Lithium-Minen in Nevada. Ein gut lesbares, wissenschaftlich präzises und scharfzüngiges Buch, von dem ich mir aber einen konstruktiveren Blick auf die verantwortungsvolle Nutzung von KI gewünscht hätte.

Buchcover: Peter Dauvergne_AI in the Wild

Peter Dauvergne: AI in the Wild: Sustainability in the Age of Artificial Intelligence, MIT Press, 2020,
272 Seiten, 22 €

In den Wassern des Great Barrier Reefs sind sogenannte „Ranger Bots“ unterwegs, semi-autonome Unterwasser-Drohnen. Sie töten durch Salzinjektionen Seesterne, die das Riff kahl fressen und das dortige Ökosystem zerstören. Zivilisatorische Probleme mit noch mehr Technik, in diesem Fall KI, zu bekämpfen, anstatt die eigentlichen Ursachen anzugehen, ist problematisch, aber in vielen Fällen auch hilfreich. Peter Dauvergne nimmt diese schwierige Balance mit seinem sachlichen, kritischen und sehr einzelfallbezogenen Buch ernst. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob und wenn ja, was KI für Nachhaltigkeit und Umweltschutz tun kann. Deutlich wird dabei, wie hybrid die Beziehung von Natur und Technik geworden ist. Smart Cities, Smart Farming oder Naturschutz durch Sensoren und Datenanalysen – das ist faszinierend, komplex, problematisch, hoffnungsvoll, nachdenkbedürftig und damit idealer Stoff für ein kluges Sachbuch.

Das Bild zeigt das Buch "The Eye of the Master" von Matteo Pasquinelli

Matteo Pasquinelli: The Eye of the Master: A Social History of Artificial Intelligence,
Verso Books, 2023, 272 Seiten, 15, 68 €

LKW-Fahrer verdienen schlecht und ihr Beruf ist nicht besonders gut angesehen. Dabei ist ihre Tätigkeit gar nicht so einfach, sondern sehr komplex, was vor allem dann sichtbar wird, wenn man sie formalisieren und durch autonomes Fahren ersetzen will. Das ist der große Move der KI, nicht die Natur zu imitieren, sondern menschliche Arbeitskraft auszubeuten, sie erst nach Regeln auszurichten, um sie dann zu formalisieren und schließlich automatisieren zu können. So war es schon am Fließband und zu Zeiten der Industrialisierung. Das ist die marxistisch orientierte Hauptthese des italienischen Philosophen Matteo Pasquinelli, der hier eine eindrucksvolle Kulturgeschichte von der Mechanisierung menschlicher Fähigkeiten nachzeichnet und deren politischen Gehalt aufzeigt. Man liest und lernt hier viel über die Kybernetik als Leitwissenschaft der Digitalisierung, die eben nicht Maschinen nach den Mustern des Natürlichen konzipiert, sondern unser Verständnis von Denken nach den Vorgaben der Technik modelliert hat. Hier bekommt man keine schlichte, direkte Antwort auf die vielgestellte Frage, ob KI uns die Arbeit wegnimmt, aber man lernt, was mit dem menschlichen Selbstverständnis passiert (das eben auch durch Arbeit vermittelt ist), wenn die Technik zu ihrem Maßstab wird.
Abbildung des Buchs "Künstliche Intelligenz zur Einführung" von Sebastian Rosengrün

Sebastian Rosengrün: Künstliche Intelligenz zur Einführung, Junius Verlag, 2019,
208 Seiten, 15,90 €

Eine zweite, überarbeitete Auflage ist 2024 erschienen.

Rezension hier auf ecologies.

Für mich liefert Philosophie, so abstrakt und akademisch sie hier und da auch ist, das Toolset, um die richtigen Fragen zu stellen, Argumente zu prüfen und im besten Sinn tief und komplex über Dinge nachzudenken. Gerade für ein so aktuelles Thema wie KI ist das unabdingbar, und wenn es dann auch noch gelingt, das verständlich und auf den Punkt zu formulieren, entsteht daraus ein so gelungenes Buch wie das von Sebastian Rosengrün. Neben einem historischen Abriss zur technischen und wissenschaftlichen Entwicklung von KI legt Rosengrün in seinem Buch einen Schwerpunkt auf anthropologische und ethische Fragen. Aus seiner Sicht braucht es keine „digitale Ethik“ oder eine „Ethik der KI“ als neue Disziplinen, sondern eine kritische und vor allem konstruktive Anwendung klassischer ethischer Fragestellungen auf das, was KI kann und möglich macht. Anders als viele überkritische, akademische Kollegen geht es Rosengrün darum, die Entwicklung von KI und den gesellschaftlichen Wandel durch KI verantwortungsvoll zu gestalten.
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