Bücher stapeln sich. In meinem Regal stehen sie schon in Doppelreihe und wo es passt, lege ich immer noch welche quer darüber. Auf meinem Schreibtisch habe ich immerhin zwischen zwei Buchstützen hochkant eine gewisse Ordnung geschaffen.
Der Kulturwissenschaftler Aby Warburg hat die Bücher in seiner Privatbibliothek in Hamburg nicht alphabetisch, sondern nach dem Prinzip der “guten Nachbarschaft“ sortiert, nach den Verbindungen, die sich über Seiten und Cover hinweg thematisch und argumentativ zwischen Büchern ergeben.
Bücher zu sortieren heißt immer auch, Gedanken zu ordnen oder einen Diskurs zu sortieren. KI ist kein neues, aber ein radikal aktuelles Thema, das kluge Gedanken, Einordnungen, Visionen und Kritik braucht.
Deshalb möchte ich meinen KI-Bücherstapel hier mit euch teilen und werde ihn fortlaufend aktualisieren. Wenn ihr etwas Gutes gelesen habt, gebt mir gerne einen Tipp.
Miriam Meckel, Léa Steinacker:
Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können,
Rowohlt Verlag, 2024,
400 Seiten, 26,00 €
Kate Crawford: Atlas der KI. Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien, C.H. Beck Verlag, 2024,
336 Seiten, 32,00 €
Rezension hier auf ecologies.
Ein Atlas schafft Übersicht, zieht Verbindungslinien und vermisst Territorien. Kate Crawford hat ein sehr kritisches KI-Buch geschrieben, das mit theoretischem Handwerkszeug aus Kulturwissenschaften, Material Studies und politischer Ökonomie die Logiken und Machtverhältnisse seziert, die mit dem Buzzword „KI“ zusammenhängen. Warum „Daten“ von den großen Tech-Konzernen oft wie frei verfügbare Ressourcen behandelt werden und welche ganz konkret materiellen Ressourcen die nur vermeintlich künstliche Intelligenz verschlingt, liest man in diesem Buch. Jedes Kapitel ist eine kulturhistorische Reise, die ihren Ausgangspunkt bei Crawfords eigenen Recherchereisen nimmt – ins Snowden-Archiv oder zu den verlassenen Lithium-Minen in Nevada. Ein gut lesbares, wissenschaftlich präzises und scharfzüngiges Buch, von dem ich mir aber einen konstruktiveren Blick auf die verantwortungsvolle Nutzung von KI gewünscht hätte.
Peter Dauvergne: AI in the Wild: Sustainability in the Age of Artificial Intelligence, MIT Press, 2020,
272 Seiten, 22 €
In den Wassern des Great Barrier Reefs sind sogenannte „Ranger Bots“ unterwegs, semi-autonome Unterwasser-Drohnen. Sie töten durch Salzinjektionen Seesterne, die das Riff kahl fressen und das dortige Ökosystem zerstören. Zivilisatorische Probleme mit noch mehr Technik, in diesem Fall KI, zu bekämpfen, anstatt die eigentlichen Ursachen anzugehen, ist problematisch, aber in vielen Fällen auch hilfreich. Peter Dauvergne nimmt diese schwierige Balance mit seinem sachlichen, kritischen und sehr einzelfallbezogenen Buch ernst. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob und wenn ja, was KI für Nachhaltigkeit und Umweltschutz tun kann. Deutlich wird dabei, wie hybrid die Beziehung von Natur und Technik geworden ist. Smart Cities, Smart Farming oder Naturschutz durch Sensoren und Datenanalysen – das ist faszinierend, komplex, problematisch, hoffnungsvoll, nachdenkbedürftig und damit idealer Stoff für ein kluges Sachbuch.
Matteo Pasquinelli: The Eye of the Master: A Social History of Artificial Intelligence,
Verso Books, 2023, 272 Seiten, 15, 68 €
Sebastian Rosengrün: Künstliche Intelligenz zur Einführung, Junius Verlag, 2019,
208 Seiten, 15,90 €
Eine zweite, überarbeitete Auflage ist 2024 erschienen.
Rezension hier auf ecologies.
