Wisente, Wölfe und Wirtschaftswachstum – geht das zusammen? Im Oderdelta an der deutsch-polnischen Grenze hat das Forschungsprojekt REWILD_DE erforscht, wie Naturschutz und Regionalentwicklung voneinander profitieren können. Projektkoordinatorin Stephanie Jahn erzählt, warum „Wiederverwilderung“ der Natur und den Menschen in der Region gut tut.
Was unterscheidet Rewilding eigentlich vom klassischen Naturschutz?
Es gibt unterschiedliche Rewilding-Verständnisse. Während traditionelle Rewilding-Konzepte oft auf die Wiederherstellung bestimmter historischer Naturzustände abzielen, sind moderne Rewilding-Ansätze eher prozessorientiert. Sie fokussieren auf die Stärkung ökologischer Funktionen und die miteinander verflochtene Entwicklung von natürlichen und gesellschaftlichen Lebensräumen.
Rewilding greift viele etablierte Naturschutzmaßnahmen auf, setzt aber neue Akzente und eröffnet die Möglichkeit, bestehende Maßnahmen aus anderen Perspektiven zu betrachten, neu zu verknüpfen und vor allem neue Akteurskonstellationen zusammenzuführen.
Rewilding kann auch außerhalb von abgeschlossenen Schutzgebieten stattfinden. Wir verstehen Rewilding als einen Ansatz, der zu einem vielfältigen Landschaftsmosaik mit unterschiedlichen Nutzungsintensitäten führt – von Schutzgebieten über naturnahe bis zur intensiven Landwirtschaft. Das Ziel sind sich selbst erhaltende und widerstandsfähige Ökosysteme, die auch in von Menschen genutzten Räumen funktionieren.
Über Stephanie Jahn
Stephanie Jahn ist Soziologin und promovierte Nachhaltigkeitswissenschaftlerin. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Forschung und Praxis und befasst sich damit, wie inter- und transdisziplinäre Ansätze gesellschaftlichen Wandel unterstützen können.
Wie ist das Forschungsprojekt entstanden und warum habt ihr das Oderdelta untersucht?
Der Verein Rewilding Oderdelta ist auf das Umweltforschungszentrum zugekommen, weil das Forschungsministerium Projekte zur Artenvielfalt gefördert hat. Sie haben wissenschaftliche Unterstützung für ihre Arbeit gesucht. Das Oderdelta bot sich als Fallstudiengebiet an, weil es eine von elf europäischen Rewilding-Regionen ist, die von dem Netzwerk Rewilding Europe ausgewiesen wurden.
Die Region verfügt über drei große Naturparks – Stettiner Haff, Flusslandschaft Peenetal und Insel Usedom. Dort gibt es dichte Wälder, weite Feuchtgebiete und wenig verbaute Küsten. Diese vielfältige Natur ist Lebensraum für die sogenannten „Big Seven“: Seeadler, Biber, Wolf, baltischer Stör, Kegelrobbe sowie Elch und Wisent – wobei die letzten beiden bisher nur auf polnischer Seite leben.
Besonders beeindruckend war für mich auch der Anklamer Stadtbruch. Dort ist vor einigen Jahren ein Deich gebrochen, seitdem stehen ein Waldstück und ehemalige landwirtschaftliche Flächen unter Wasser – ein Paradies für Vögel und Seeadler.
Wie habt ihr die Menschen vor Ort eingebunden?
Der Verein Rewilding Oderdelta war unser Türöffner vor Ort. Sie hatten bereits etablierte Kontakte zu vielen regionalen Akteuren, etwa aus der Kommunalpolitik, zum Bauernverband oder auch zu lokalen Unternehmen – diese Vernetzung war absolut entscheidend für unsere Arbeit. In unseren qualitativen Interviews haben wir festgestellt: Die Menschen schätzen ihre Landschaft, zeigen aber durchaus Skepsis gegenüber klassischen Naturschutzkonzepten, die gerade für die Landwirtschaft eine Herausforderung sind.
Uns war es sehr wichtig, die Menschen vor Ort einzubinden. Deshalb haben wir verschiedene Partizipationsformate entwickelt: Landschaftsspaziergänge, Szenarien-Workshops, Diskussionsrunden – sogar einen Liederabend haben wir veranstaltet, um das Thema auch emotional erfahrbar zu machen. Die zentrale Frage war immer: In welchen Landschaften wollen wir zusammen leben?
Mit einem Biobetrieb im Dorf Rothenklempenow haben wir ein Projekt gestartet, wie sich Landwirtschaft noch naturnäher gestalten lässt. Ein kleines Beispiel dafür sind die Randstreifen entlang der Äcker. Anstatt sie jedes Jahr raspelkurz zu mähen, kann man die Pflanzen dort wachsen lassen oder Büsche pflanzen. Das verbessert den Wasserhaushalt, spendet Schatten auf Weideflächen und schafft gleichzeitig Wildtierkorridore.
Johannes Schiller (Hrsg.), Uta Berghöfer (Hrsg.), Stephanie Jahn (Hrsg.) „Rewilding am Oderdelta. Landschaften gemeinsam gestalten. Ein Werkstattbuch“, oekom Verlag, 2025.
Ökologie und Ökonomie – Wie geht das im Oderdelta zusammen?
Unsere regionalwirtschaftliche Analyse hat gezeigt: Es gab bisher wenige Unternehmen, die aus dieser atemberaubenden Naturlandschaft nachhaltige Geschäftsmodelle oder naturnahen Tourismus abgeleitet haben. Wir haben aber Leuchtturm-Beispiele gefunden – naturnahe Fischerei mit „Sea Ranger“-Touren, Nature Guides oder ein energieautarkes Hotel.
In unserer Unternehmensumfrage hat sich herausgestellt: Die meisten kannten weder das Rewilding-Konzept noch wussten sie, dass sie in einer europäischen Rewilding-Region ansässig sind. Trotzdem sehen viele der Befragten Potenzial in einer wilderen Natur – fürs Marketing, neue Kundengruppen oder um Touristen ins Küstenhinterland zu locken statt direkt an die Ostsee.
Der Verein Rewilding Oder Delta hat auch einen Landscape Business Plan mit konkreten Ideen entwickelt: Naturtourismus, Produkte aus Holz, Beeren und Pilzen, extensive Weidehaltung auf wiedervernässten Flächen, Bildungsangebote und perspektivisch die Zertifizierung von CO2-Einsparungen. Besonders die Moorwiedervernässung hat enormes Potenzial – trockengelegte Moore verursachen 7,5 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes. Das erfordert natürlich drastische Nutzungsumstellungen in der Landwirtschaft, aber der Klimaschutzeffekt wäre enorm.
Wie fügt sich eure Arbeit in die aktuelle Naturschutzpolitik ein?
Das europäische Nature Restoration Law fordert, bis 2030 zwanzig Prozent der Land- und Meeresflächen zu renaturieren. Aktuell befinden sich fast 70 Prozent der Lebensräume in Deutschland in unzureichendem bis schlechtem Zustand. Der etablierte Naturschutz ist in den letzten Jahren an seine Grenzen gestoßen – neue Schutzgebiete auszuweisen ist immer schwieriger geworden.
Mit einem ganzheitlichen Verständnis von Rewilding, das regionale Bedarfe einbezieht, hoffen wir, wieder mehr Handlungsspielraum zu schaffen, auch weil wir Natur und Gesellschaft stärker zusammendenken. Unser Werkstattbuch dokumentiert diese Erfahrungen für alle, die sich für Rewilding interessieren und ähnliche Konzepte vielleicht auch in ihrer Region umsetzen möchten.
Mehr Infos:
Informationen zum Verein Rewilding Oder Delta und dem Netzwerk Rewilding Europe
Zum Projekt Rewild_De: Das Werkstattbuch mit allen Projekten und Ergebnissen ist im oekom Verlag erschienen.
