„Vert“ – eine Begrünungsmaschine für die Stadt

„Vert“ – eine Begrünungsmaschine für die Stadt

Der hoch aufragende, dreieckige Holzrahmen von „Vert“ beeindruckt schon auf den ersten Blick. Zwischen den segelartigen Strukturen auf dem Museumsplatz der Bonner Bundeskunsthalle ranken sich Kletterpflanzen empor, werfen kühlenden Schatten und lassen einen für einen Moment vergessen, dass man sich mitten in der Stadt befindet.

Auf den beweglichen, hängemattenartigen Sitzflächen kann man sich ausruhen, während Kinder sie begeistert zum Schaukeln nutzen. Das von Diez Office, dem American Hardwood Export Council (AHEC) und dem Begrünungsspezialisten OMC°C entwickelte System besteht aus thermisch modifiziertem Roteiche-Brettschichtholz und begegnet den Auswirkungen des Klimawandels in Städten mit architektonischem Innovationsgeist.

Einfache Konstruktion mit positiver Bilanz

Was diese Konstruktion besonders macht, ist ihre durchdachte Einfachheit: Biologisch abbaubare Netze spannen sich zwischen den dreieckigen Rahmen und bieten etwa 20 verschiedenen einjährigen Kletterpflanzen eine Rankhilfe. Kluge architektonische Konstruktionen wie „Vert“ können ein wichtiger Baustein sein, um Städte auf den Klimawandel vorzubereiten: Das System kühlt die Umgebungsluft um bis zu 8°C ab und erzeugt viermal mehr Schatten als ein 20 Jahre alter Baum.

Besonders an „Vert“ ist auch, dass es ökologische und soziale Aspekte zusammenbringt. Es schafft nicht nur ein besseres Mikroklima, sondern auch einen öffentlichen Ort der Begegnung und Erholung. Hier kann man sich im Schatten ausruhen, ohne etwas kaufen oder konsumieren zu müssen – was in vielen Städten leider zur Seltenheit geworden ist.

Museen sind nicht nur Orte der Kunst und Kultur, sondern auch Institutionen mit erheblichem ökologischem Fußabdruck: Klimatisierte Ausstellungsräume, permanente Beleuchtung und internationale Kunsttransporte sorgen für einen erheblichen CO2-Ausstoß. Miriam Szwast ist am Museum Ludwig in Köln Kuratorin für Fotografie und Ökologie. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen hat sie eine Nachhaltigkeitsinitiative gegründet und engagiert sich mit dem Green Culture Collective dafür, den nachhaltigen Wandel auch in anderen Kulturinstitutionen voran zu bringen. </p>
<p>Hallo Miriam, schön, dass du da bist. Kannst du erzählen, wie du angefangen hast, dich für das Thema Nachhaltigkeit zu interessieren?</p>
<p>Ich bin mir sicher, dass ich mich für Nachhaltigkeit begonnen habe zu interessieren, bevor ich wusste, was Nachhaltigkeit ist. Das war ein Prozess, zu begreifen, wie viele Dimensionen dahinterstecken – ökologisch, sozial, ökonomisch. Für mich hat das tatsächlich eher aus dem privaten Interesse begonnen – wie sicherlich für viele Menschen, sensibler für Dinge zu werden, vielleicht einige Dinge im Privaten umzustellen.<br />
Dann habe ich auch realisiert an einem Arbeitsplatz zu sein, mit dem ich mich inhaltlich verbunden fühle. Über die Jahre habe ich dann gemerkt, dass es viele Dinge hinter den Kulissen meiner Institution gibt, die für Nachhaltigkeit wichtig sind.<br />

Foto: N. Oxen

WEtransFORM: Ein Blick in die Zukunft

„Vert“ ist Teil der Ausstellung „WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens“ in der Bundeskunsthalle (6. Juni 2025 bis 25. Januar 2026), die sich der ökologischen Transformation widmet. Als Highlight auf dem Museumsplatz präsentiert, steht die Installation stellvertretend für rund 80 Projekte, die zeigen, wie wir unsere gebaute Umwelt klimagerecht erneuern können. Die Ausstellung, eine Initiative der Bundeskunsthalle in Partnerschaft mit dem New European Bauhaus und transform.NRW, lädt zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit Themen wie Klimaresilienz, Biodiversität und zirkulärem Bauen ein.

Projekte wie „Vert“ zeigen, dass Transformation nicht immer die große Geste braucht. Manchmal sind es die klugen, modularen Lösungen, die unsere Städte Stück für Stück lebenswerter machen – und dabei zeigen, dass Nachhaltigkeit, Ästhetik und soziale Qualität keine Gegensätze sein müssen.

Installationsansicht Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen. Museum Ludwig, Köln 2022 Foto: Leonie Braun

Foto: N.Oxen

Mehr Infos:

Informationen zum modularen Begrünungssystem gibt es bei der BBA

Details zur Konstruktion und Materialwahl beschreibt das Architekturblatt

Die Ausstellung WEtransFORM wird auf der Website der Bundeskunsthalle vorgestellt

 

Ausstellung: Elias Sime im Kunstpalast Düsseldorf

Ausstellung: Elias Sime im Kunstpalast Düsseldorf

Der äthiopische Künstler Elias Sime sammelt Elektroschrott auf den Märkten von Addis Abeba und verwandelt ihn mit traditionellen Handwerkstechniken in beeindruckende Wandgemälde. Seine Kunst ermöglicht einen Zoom-Out  auf globale Zusammenhänge und wirft Fragen zur Umweltzerstörung und zur Dominanz westlicher Technologie auf.

Landschaften aus Mikroelektronik

Der Kunstpalast Düsseldorf zeigt in der aktuellen Ausstellung „Elias Sime – Echo“ rund vierzig Werke des äthiopischen Künstlers, die seinen künstlerischen Weg und Erfolg von den frühen 2000er-Jahren bis heute nachzeichnen. Es ist die erste Ausstellung dieser Art in Deutschland.

Die Serie „Tightrope“ zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Ausstellungsräume. Sime verwendet für die großformatigen Wandbilder dieser Serie Elektronikbauteile aus ausrangierten Elektrogeräten, die er auf den Märkten seiner Heimatstadt Addis Abeba gesammelt hat. Gemeinsam mit seinem Team sortiert und arrangiert er die Teile zu eindrucksvollen Collagen. Kabel, Kondensatoren und Stücke von Platinen werden zu Formen, die an die Luftbilder von Google Maps erinnern, die Megacities oder Landschaften zeigen.

Elias-Sime_TIGHTROPE.-Behind-the-Processor-6-2022_Detail-9, Kunstpalast Düsseldorf

Elias Sime, Tightrope: Behind the Processor: No. 6, 2022, (Detail), 253 x 400 x 12 cm, Privatsammlung, Foto: Jonathan de Waart, FAA Photography & Design, Courtesy des Künstlers und GRIMM, Amsterdam | London | New York

Die Erhabenheit des Zoom-Out

Der Blick von oben ist ein Blick der Herrschaft. Mit Luftbildern erkundet man im Krieg feindliche Ziele oder erstellt Karten, um ein Land zu beherrschen, in dem man seine geographischen Eigenschaften visuell und taktisch erfasst. Sime geht es eher um die Erhabenheit des Überblicks, um den Erkenntniseffekt des Zoom-out, darum, das Kleine im Großen und das Große im Kleinen zu sehen, um eine globale und zugleich lokale Perspektive. In der Ausstellung geht man immer wieder ganz nah ran, mit dem Auge oder dem Objektiv und tritt dann einen Schritt zurück.

Das Globale und das Lokale verbinden sich in Simes Arbeiten auch auf materieller Ebene. Für seine Bilder nutzen er und sein Team die Abfallprodukte globaler Vernetzung. Der Elektroschrott der westlichen Industrieländer landet meist illegal auf den Müllhalden und Märkten in Afrika.

Sime nutzt traditionelle Handwerkstechniken wie Sticken, Weben, Flechten oder Schnitzen, um aus Elektroschrott Collagen zu machen, die wie ein visuell-haptisches Relief nicht nur das Sehen, sondern auch das Fühlen ansprechen. Unübersehbar ist Simes Kunst mit den lokalen Kunsthandwerkstraditionen Äthiopiens verbunden und dennoch sieht er sie nicht als afrikanische Kunst, sondern will auf die globale Situation der Menschheit aufmerksam machen, wie es in einem Wandtext heißt.

Elias-Sime_Tightrope.-Behind-the-Flowers-2017-1, Kunstpalast Düsseldorf

Tightrope: Behind the Flowers, 2017, (Detail), Wiederverwendete elektrische Drähte auf Holzplatte, 163 x 320 x 2 cm, GRIMM, Amsterdam | London | New York, Foto: Adam Reich, Courtesy des Künstlers und James Cohan, New York.

Collagen ohne viel Kontext

Szenografisch ist es eine sehr schöne Ausstellung geworden. Man kann als Besucher:in in kontemplativer Atmosphäre durch die in bunten, gebrochenen Farbtönen gehaltenen Ausstellungsräume flanieren und Simes Kunst bestaunen. Es gibt eine große Videoprojektion, die auch den Ort in Addis Abeba zeigt, an dem Simes Kunst entsteht. Sehr gelungen ist auch das Vermittlungsprogramm. Kinder können aus Knöpfen, Korken und Elektroteilen ihre eigenen Collagen zusammenkleben und sich dabei Kopfhörer aufsetzen und der Soundkulisse aus Simes Garten lauschen.

Das ist alles sehr schön, aber es bleibt auch vieles ausgeklammert und ungesagt. Das „Material“, mit dem Sime arbeitet, ist eben Elektroschrott. Mehrere tausend Tonnen davon werden jedes Jahr von den westlichen Industrieländern illegal nach Afrika exportiert. Dort vergiftet der Müll die lokale Natur und die Menschen, die dort auf riesigen Schrotthalden die elektronischen Überreste unseres Wohlstands sortieren. Vielleicht werden die Handys, mit denen man Simes Kunstwerke jetzt staunend fotografiert, auch mal dort landen.

Elias-Sime-Tightrope-Echo-No.-1-2021, Kunstpalast Düsseldorf

Elias Sime, Tightrope: Echo!? No. 1, 2021, Elektrische Drähte, verschiedene Materialien, Landkarten, auf Holz, 366 × 480 cm, Privatsammlung AS Holding, Christen Sveaas Art Collection, Foto: Phoebe d’Heurle, Courtesy des Künstlers und James Cohan, New York.

Kuration als Diskussion

Natürlich muss man Simes Werk keine umweltkritischen oder postkolonialen Argumente aufdrängen und man kann sich auch fragen, ob man damit nicht wieder aus einer westlichen Perspektive über seine Kunst spricht. Aber so kompliziert muss es nicht sein. Starke und relevante Kunst, wie die von Elias Sime, braucht eine klare kuratorische Sprache und Positionierung. Immerhin hat der Kunstpalast stolz die Initiative ergriffen, Simes Kunst erstmalig in Deutschland in einer so umfassenden Einzelausstellung zu präsentieren.

So schön sich diese Ausstellung auch anschauen lässt, fehlt ihr aber eben diese klare Sprache und eine kritische oder zumindest kreative kuratorische Haltung. Die Wandtexte sprechen vage von „Verbindungen“ oder etwas altbacken ist von einer „Schnelllebigkeit des technologischen Zeitalters“ die Rede, um die es bei Sime gehe. Das lässt sich über viele künstlerische Arbeiten schreiben und wird der Eigenheit von Simes Kunst nicht gerecht.

Spielen unbequeme Themen wie Umweltzerstörung, Kolonialismus oder der Zugang zu digitalen Infrastrukturen in Schwellenländern in Simes Kunst keine Rolle oder werden sie einfach nur in dieser Ausstellung nicht thematisiert? Es wäre interessant und wichtig, darüber mehr zu erfahren. Kontext, Wissen und Diskussion, das erweitert Kunst und macht sie relevant. Ihre Wahrnehmung bleibt im zeitgenössischen Diskurs glücklicherweise nicht mehr bei Autor und Werk stehen, sondern wirkt über die Rahmen der Bilder und die institutionellen Räume hinaus in die Gesellschaft.

Museen sind auch Bildungsinstitutionen und Ausstellungen können lebendige und demokratische Diskussionsräume sein. Dazu bräuchte es aber auch eine engagiertere kuratorische Perspektive, die Kunst und Publikum miteinander ins Gespräch bringt und dabei auch die politisch und ökologisch relevanten Fragen stärker im Blick hat.

Mehr Infos:

Elias Sime „Echo“ 12.2–1.6.2025, Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

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