Über Brachen

Über Brachen

Wir denken so oft, dass nichts vorangeht, wenn wir es nicht vorantreiben. Tief in uns sitzt dieser Gedanke, dass Produktivität gleich Aktivität ist. Dabei kann vieles entstehen, wenn man den Dingen Zeit lässt. Brachen sind dafür ein gutes Beispiel. Auf unbearbeitetem Ackerland, in Mauerritzen und auf abgeernteten Feldern passiert etwas, das nicht von unserer Aktivität angetrieben wird. Es entsteht, weil wir die Natur in Ruhe lassen.

 

Altes agrarisches Wissen

Die Landwirtschaft weiß das schon lange. Im Mittelalter betrieben Bauern Dreifelderwirtschaft und ließen Felder brach liegen, damit der Boden sich erholt. Landwirtschaft arbeitet jeden Tag mit dem Verhältnis von Natur und Kultur – geprägt von Wetter und Jahreszeiten, mit einem anderen Zeitverständnis.

Selbst moderne Intensivlandwirtschaft, Kunstdünger und die Sucht nach Produktivität haben das alte agrarische Wissen um die Regeneration des Bodens nicht verdrängen können. Es gibt „Schwarzbrachen“, bei denen Bauern den Boden immer wieder umpflügen, damit er neue Nährstoffe aufnehmen kann. Auf „Stoppelbrachen“ lässt man die abgeernteten Pflanzen in der Erde stehen, damit sich Mikroorganismen davon ernähren und der Boden sich unter den Resten der Ernte erholen kann.

Abbildung der Zeitschrift "Ilinx - Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft". Eine Ausgabe über Brachen
Die Berliner Kulturwissenschaftszeitschrift „Ilinx“ hat eine ganze Ausgabe zum Thema Brachen gemacht – mit teils sehr akademisch verstiegenen, aber originellen Beiträgen in einer schönen Publikation von Spector Books.

Wildwuchs statt Flächenversiegelung 

In der Stadt weiß man heute, wie wichtig Stadtbrachen sind, damit Wasser versickern kann und Städte im Sommer nicht zu flächenversiegelten, glühenden Bratpfannen werden. Denn Stadtplanung bedeutet oft, in jedem Stück Grün einen potenziellen Parkplatz zu sehen und möglichst viel Fläche mit Asphalt zu überziehen, um sie „richtig“ zu nutzen. Dabei finden selbst in den erholsamsten Grünanlagen Insekten nicht das Futter und die Lebensmöglichkeiten wie im Wildwuchs der Stadtbrachen. Diese Orte zeigen uns, dass es etwas jenseits unseres Bebauungswillens gibt, das eigenständig wird – manchmal wunderschön. Der Wildwuchs im Dreieck der Autobahnauffahrt, ein verwildertes Grundstück mitten in der Stadt, die jungen Bäume zwischen den Gleisen am Bahnhof. Die Natur „erobert sich etwas zurück“, wie man so schön sagt.

Die Rechte der Natur

Die Natur wurde in unserem westlichen Denken lange als Ressource und Substrat unseres menschlichen Gestaltungswillens betrachtet. Durch die Klimakrise ist uns bewusst geworden, dass die Natur eine eigenständige und widerständige Kraft ist. Jetzt wird uns klar, wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass Bienen unsere Obstbäume bestäuben und Bäume uns Schatten spenden. Bruno Latour hat ein „Parlament der Dinge“ gefordert – auch nicht-menschlichen Akteuren bei politischen Entscheidungen eine Stimme zu geben. Für unser anthropozentrisches Denken klingt das gewöhnungsbedürftig, aber die Frage, ob Natur Rechte haben sollte, wird bereits diskutiert. Die EU hat im Juni 2024 einen wichtigen juristischen Schritt gemacht: Das „Gesetz zur Wiederherstellung der Natur“ zielt darauf ab, 20% der Land- und Meeresflächen bis 2030 zu renaturieren. Es geht um eine große Reparationsleistung an die Natur, die unser eigenes Überleben sichern soll. Wir werden künftig also wieder mehr Brachen brauchen und uns mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, dass Naturschutz auch bedeuten kann, die Natur einfach mal in Ruhe zu lassen.
Beitragsbild oben: Matej Bizjak, Ruhiges Winterfeld In Suhadole, Slowenien (pexels)
Markus Gabriel über ethische KI

Markus Gabriel über ethische KI

Philosophie ist so etwas wie Ingenieurskunst fürs Denken. Wie die Mathematik wichtige Grundwerkzeuge für die Naturwissenschaften bereitstellt, bearbeitet Philosophie die großen Fragen, Begriffe und Argumente, mit denen in den Geisteswissenschaften über unsere Gesellschaft nachgedacht wird.

Gerade im Kontext der aktuellen KI-Entwicklung, die durch neue Werkzeuge wie ChatGPT und viele andere unser Schreiben, Sprechen und Denken verändert, ist es aus meiner Sicht an der Zeit, den Werkzeugkoffer der Philosophie wieder herauszuholen. Wie wir uns als Menschen verstehen und wie der Umgang mit Technik dieses Verständnis verändert, ist eine in der Technikphilosophie und philosophischen Anthropologie gut erforschte Frage.

Auf viele ethische Fragen im Umgang mit Technik und eben auch im Umgang mit KI hat die Philosophie klare, kritische Antworten. Nur wirken sie aus meiner Sicht viel zu wenig in den aktuellen Diskurs hinein. Ich lese und beobachte oft, wie sich die akademische Philosophie entweder in abstrakte Diskussionen innerhalb des Elfenbeinturms vertieft oder leider an vielen Stellen auch ganz engagiert und mit wenig Praxisbezug digitale Technologien oder „den Kapitalismus“ undifferenziert verteufelt.

Es wird also Zeit für eine kritische, aber konstruktive und gerne auch experimentelle Mitarbeit der akademischen Philosophie an der KI-Debatte – und das bitte auch mit einer konkreten Antwort auf die Frage, wie wir Künstliche Intelligenz nachhaltig und verantwortungsvoll nutzen können.

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel liefert dafür aus meiner Sicht gute Argumente. Er will keine „Ethik der KI“ als vorschreibendes Regelwerk entwerfen, sondern bei der Entwicklung einer „ethischen KI“ mitwirken. Einem „Ethics by Design“-Ansatz folgend sollen Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft dafür sorgen, dass ethische Prinzipien schon bei der Entwicklung von KI-Anwendungen berücksichtigt werden.

Gabriel erforscht diesen Ansatz in einem interdisziplinären Forschungsprojekt „Wünschenswerte Digitalisierung“ an der Uni Bonn und hat seine Position – nicht nur zu KI – auch in seinem neuen Buch „Gutes Tun. Wie der ethische Kapitalismus die Demokratie retten kann“ (2024) ausgearbeitet.

Für Gabriel liegt in dieser verantwortungsvollen Entwicklung von KI-Anwendungen auch wirtschaftliches Potenzial, und er sieht Raum für neue, verantwortungsbewusste Geschäftsmodelle. Anstelle der viel geäußerten und natürlich auch notwendigen Kritik an „Big Tech“ steht hier etwas anderes im Fokus: kluge, engagierte und am gesellschaftlichen Fortschritt orientierte Wirtschafts- und Technologiepolitik.

Wie die Entwicklung ethischer KI aussieht und in welchen Anwendungskontexten sie erfolgreich sein kann, wird sich zeigen. In jedem Fall ist Markus Gabriel und vielen anderen, die in dieser Richtung forschen, etwas Dringendes und Notwendiges gelungen: den Werkzeugkoffer der Philosophie wieder auf den Tisch der Debatte zu stellen.

Mehr Infos:

Über Markus Gabriel

Sein Essay über ethischee KI im Handelsblatt (paywall)

 

„Vert“ – eine Begrünungsmaschine für die Stadt

„Vert“ – eine Begrünungsmaschine für die Stadt

Der hoch aufragende, dreieckige Holzrahmen von „Vert“ beeindruckt schon auf den ersten Blick. Zwischen den segelartigen Strukturen auf dem Museumsplatz der Bonner Bundeskunsthalle ranken sich Kletterpflanzen empor, werfen kühlenden Schatten und lassen einen für einen Moment vergessen, dass man sich mitten in der Stadt befindet.

Auf den beweglichen, hängemattenartigen Sitzflächen kann man sich ausruhen, während Kinder sie begeistert zum Schaukeln nutzen. Das von Diez Office, dem American Hardwood Export Council (AHEC) und dem Begrünungsspezialisten OMC°C entwickelte System besteht aus thermisch modifiziertem Roteiche-Brettschichtholz und begegnet den Auswirkungen des Klimawandels in Städten mit architektonischem Innovationsgeist.

Einfache Konstruktion mit positiver Bilanz

Was diese Konstruktion besonders macht, ist ihre durchdachte Einfachheit: Biologisch abbaubare Netze spannen sich zwischen den dreieckigen Rahmen und bieten etwa 20 verschiedenen einjährigen Kletterpflanzen eine Rankhilfe. Kluge architektonische Konstruktionen wie „Vert“ können ein wichtiger Baustein sein, um Städte auf den Klimawandel vorzubereiten: Das System kühlt die Umgebungsluft um bis zu 8°C ab und erzeugt viermal mehr Schatten als ein 20 Jahre alter Baum.

Besonders an „Vert“ ist auch, dass es ökologische und soziale Aspekte zusammenbringt. Es schafft nicht nur ein besseres Mikroklima, sondern auch einen öffentlichen Ort der Begegnung und Erholung. Hier kann man sich im Schatten ausruhen, ohne etwas kaufen oder konsumieren zu müssen – was in vielen Städten leider zur Seltenheit geworden ist.

Museen sind nicht nur Orte der Kunst und Kultur, sondern auch Institutionen mit erheblichem ökologischem Fußabdruck: Klimatisierte Ausstellungsräume, permanente Beleuchtung und internationale Kunsttransporte sorgen für einen erheblichen CO2-Ausstoß. Miriam Szwast ist am Museum Ludwig in Köln Kuratorin für Fotografie und Ökologie. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen hat sie eine Nachhaltigkeitsinitiative gegründet und engagiert sich mit dem Green Culture Collective dafür, den nachhaltigen Wandel auch in anderen Kulturinstitutionen voran zu bringen. </p>
<p>Hallo Miriam, schön, dass du da bist. Kannst du erzählen, wie du angefangen hast, dich für das Thema Nachhaltigkeit zu interessieren?</p>
<p>Ich bin mir sicher, dass ich mich für Nachhaltigkeit begonnen habe zu interessieren, bevor ich wusste, was Nachhaltigkeit ist. Das war ein Prozess, zu begreifen, wie viele Dimensionen dahinterstecken – ökologisch, sozial, ökonomisch. Für mich hat das tatsächlich eher aus dem privaten Interesse begonnen – wie sicherlich für viele Menschen, sensibler für Dinge zu werden, vielleicht einige Dinge im Privaten umzustellen.<br />
Dann habe ich auch realisiert an einem Arbeitsplatz zu sein, mit dem ich mich inhaltlich verbunden fühle. Über die Jahre habe ich dann gemerkt, dass es viele Dinge hinter den Kulissen meiner Institution gibt, die für Nachhaltigkeit wichtig sind.<br />

Foto: N. Oxen

WEtransFORM: Ein Blick in die Zukunft

„Vert“ ist Teil der Ausstellung „WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens“ in der Bundeskunsthalle (6. Juni 2025 bis 25. Januar 2026), die sich der ökologischen Transformation widmet. Als Highlight auf dem Museumsplatz präsentiert, steht die Installation stellvertretend für rund 80 Projekte, die zeigen, wie wir unsere gebaute Umwelt klimagerecht erneuern können. Die Ausstellung, eine Initiative der Bundeskunsthalle in Partnerschaft mit dem New European Bauhaus und transform.NRW, lädt zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit Themen wie Klimaresilienz, Biodiversität und zirkulärem Bauen ein.

Projekte wie „Vert“ zeigen, dass Transformation nicht immer die große Geste braucht. Manchmal sind es die klugen, modularen Lösungen, die unsere Städte Stück für Stück lebenswerter machen – und dabei zeigen, dass Nachhaltigkeit, Ästhetik und soziale Qualität keine Gegensätze sein müssen.

Installationsansicht Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen. Museum Ludwig, Köln 2022 Foto: Leonie Braun

Foto: N.Oxen

Mehr Infos:

Informationen zum modularen Begrünungssystem gibt es bei der BBA

Details zur Konstruktion und Materialwahl beschreibt das Architekturblatt

Die Ausstellung WEtransFORM wird auf der Website der Bundeskunsthalle vorgestellt

 

Nachhaltigkeit – Die besten Newsletter

Nachhaltigkeit – Die besten Newsletter

Nachhaltigkeit ist ein wucherndes Thema, das wie ein Wurzelgeflecht ganz unterschiedliche Bereiche miteinander verbindet. Da ist es nicht immer leicht, den Überblick über interessante Themen und neueste Entwicklungen zu behalten.

Zum Glück gibt es dafür Newsletter. In der Kommunikationsbranche werden sie hier und da schon totgesagt, weil Apps und Plattformen uns ständig mit neuen Inhalten versorgen. Aber gerade angesichts dieser Informationsflut finde ich es praktisch und inspirierend, kuratierte Informationen direkt in mein Postfach zu bekommen. Und noch dazu wurden sie ausnahmsweise mal nicht von Algorithmen ausgewählt, sondern von erfahrenen Journalist:innen.

Hier die Liste mit Newslettern, die ich gerne lese:

Team Zukunft (taz)
Der Umwelt- und Klima-Newsletter der taz hat immer ein inspirierendes Editorial im typischen taz-Sound – klar, unaufgeregt, aber auch ein bisschen bissig. Die Links führen nicht nur zu taz-Inhalten, sondern auch zu Studien und Papers, die jede Woche meinen Horizont erweitern.

(Wöchentlich, Donnerstag, kostenlos)
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Down to Earth (Guardian)
Vom Guardian erwartet man natürlich nichts anderes als hochkarätigen Qualitätsjournalismus, und das bekommt man natürlich auch im Nachhaltigkeitsnewsletter der britischen Zeitung. Neben Hinweisen auf die wichtigsten Artikel aus dem Guardian gibt es hier auch kleinere unterhaltsame Formate wie das „Creature Feature“, das immer ein vom Klimawandel betroffenes Tier in den Blick nimmt.

(Wöchentlich, kostenlos)
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Climate Forward (New York Times)
Der Newsletter der New York Times ist nicht nur sehr schön designt, sondern auch redaktionell wohlproportioniert, mit einem persönlichen Editorial, sehr ausführlichen Artikelteasern und kurzen News.

(Alle zwei Wochen, kostenpflichtig)
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Haufe Sustainability
Wer sich für Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen und unternehmerischen Kontext interessiert, kommt an dem großen Software- und Weiterbildungsanbieter aus Freiburg nicht vorbei. Hier bleibt man zuverlässig auf dem Laufenden über den Stand aktueller Gesetze und Richtlinien von CSRD bis GCD. Die Teaser führen zu Meinungsbeiträgen, Interviews und Artikeln aus den Bereichen Nachhaltigkeitsmanagement, Kommunikation und Reporting auf der Nachhaltigkeitsseite von Haufe.

(Wöchentlich, kostenlos)
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Green Rocks
Weil Nachhaltigkeit ein großes und manchmal auch zu großes Thema ist, mag ich Autor:innen, die sich auf einzelne Aspekte konzentrieren. Der Wissenschafts- und Umweltjournalist Ian Morse tut genau das und schreibt über den Abbau von seltenen Erden und anderen natürlichen Rohstoffen, die in unseren digitalen Devices stecken. Ein Newsletter über die schmutzige, ressourcenintensive Seite der Digitalisierung. Green Rocks kann man kostenlos oder kostenpflichtig mit exklusiven Inhalten auch auf Substack lesen.

(Wöchentlich, kostenlos)
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Climate Change AI
Climate Change AI ist ein Netzwerk aus Forscher:innen und Programmierer:innen, die versuchen, Nachhaltigkeit mit ML und AI voranzubringen. Leider beschränkt sich der Newsletter auf Veranstaltungshinweise und verpasst damit die kommunikative Chance, das Thema und das Engagement dieses Netzwerks in ansprechenden Formaten zu erzählen. Nichtsdestotrotz finden sich hier Informationen zu einem hochaktuellen Forschungsfeld.

(Monatlich, kostenlos)
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Keep Cool (Nick van Osdol)
Dieser Newsletter beschäftigt sich mit den innovativen und sicherlich auch sehr lukrativen Bereichen Green- und Climate-Tech. Und er will cool sein, von der Grafik bis zur Headline. Toll sind die vielen kleinen Formate wie die „13 Headlines“ und wer gerade ein Start-up groß macht, findet hier unter „Curated Deals“ auch Fördergelder.

(Alle zwei Wochen, kostenlos)
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