Bücherstapel: Umweltgeschichte
Bei Globalgeschichte bin ich oft skeptisch. Je größer die Zeiträume und Erklärungsansprüche werden, desto mehr verziehe ich kritisch das Gesicht und denke entweder, dass hier historische Komplexität auf Bestseller-Eingängigkeit eingedampft wurde, oder dass Geschichte nicht vielstimmig, sondern aus der vornehmlich eigenen Deutungsperspektive erzählt wird.
Aber trotzdem gibt es zweifelsohne gute, kompetente und kritische Globalgeschichte. Ich würde sogar sagen, dass sie in den letzten Jahren wieder im Aufwind ist. Ein guter und relevanter Grund dafür ist, dass die „großen Erzählungen“ wie Lyotard oder Fukuyama einst schrieben, keineswegs vorbei sind, sondern gerade angesichts der Klimakrise wiederkehren.
Deren Auswirkungen, die wir heute umso deutlicher sehen, ziehen eine Schneise quer durch unser modernes Denken von Wachstum, Wohlstand und technischem Fortschritt. Diese drei dicken Bände liefern eine kritische, historische Retrospektive:
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. München: C.H. Beck, 2011
Ein Meilenstein der Geschichte des ökologischen Denkens und der politischen Ökologie ist Joachim Radkaus „Die Ära der Ökologie“, die im Untertitel auch unumwunden selbstbewusst eine „Weltgeschichte“ sein will. Global ist in diesem Buch aber nur die Dimension der ökologischen Frage. Die Ideengeschichte und die politischen Bewegungen, die dieses Buch eindrucksvoll rekonstruiert, sind weitestgehend westlich. Radkau beginnt beim Naturerleben und dem Naturbegriff der europäischen Romantik und spannt den großen historischen Bogen von dort bis zur Nachkriegszeit. Wichtig ist aus seiner Perspektive die „ökologische Revolution“, die ab den 70er-Jahren einsetzt und von der aus er ganz konkrete Umweltfragen und die gesellschaftlichen Antworten darauf diskutiert.
Sunil Amrith: Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre. Aus dem Englischen von Annabel Zettel. München: C.H. Beck, 2025
Global in einem geografischen, thematischen und theoretischen Sinn ist das zurecht gefeierte Buch des jungen Yale-Professors Sunil Amrith. Auf rund 500 Seiten wird hier „eine Geschichte der letzten 500 Jahre“ erzählt, bis ins letzte Originalzitat hinein detailliert recherchiert und meisterhaft geschrieben. Historischer Ansatzpunkt ist das Jahr 1200, und mich persönlich hat dieses erste Kapitel, das die Ausbeutungs- und Sklavereigeschichte von Zentralasien bis Südamerika erzählt, am meisten beeindruckt. Amrith gelingen immer wieder aufschlussreiche Kultur- und Materialgeschichten – etwa wenn er zeigt, wie die Chemieindustrie im 20. Jh. mit Stickstoff gleichzeitig Massenvernichtungswaffen und Kunstdünger hervorbrachte.
Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs. München: Kunstmann, 2010
Ulrich Grobers „Entdeckung der Nachhaltigkeit“ ist weniger eine systematische Geschichte als vielmehr ein kunstvoller, journalistischer Essay. Er macht es sich zur Aufgabe zu erzählen, wann und wie der Begriff „Nachhaltigkeit“ überhaupt in die Welt kommt und welche Weltanschauungen damit verbunden sind. Dafür reist Grober viel, mal gedanklich-theoretisch, aber oft auch für die Vor-Ort-Recherchen, um das große Buzzword Nachhaltigkeit in die Vielstimmigkeit seiner Bedeutungen aufzufächern – von Franz von Assisi über die Gaia-Hypothese bis zum Brundtland-Bericht.




