Too Hot: Was europäische Städte gegen die Hitze tun
Für die Ausstellung „Too Hot. Heiße Städte, neue Wege“ im Deutschen Architekturmuseum hat Jonas Malzahn mit seinem Kuratorenteam 13 europäische Städte untersucht. Ein Gespräch über Klimaanpassung, Architektur, Bürgerbeteiligung – und warum Jonas trotzdem optimistisch bleibt.
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Ich hatte noch keine Gelegenheit, mir die Ausstellung anzusehen. Was erwartet die Besucher:innen?
Wir haben die Ausstellung nach den fünf Klimaregionen Europas gegliedert, in denen die Städte liegen. Es geht also eher um Lebensräume als um Ländergrenzen, und diese Struktur ergibt Sinn, weil Städte in derselben Region ähnlichen Herausforderungen begegnen. Zu jeder Stadt gibt es einen Steckbrief: Wie hoch ist das Budget, wie viel CO2 stößt sie aus, was waren die schwersten Klimaereignisse? Uns war wichtig, nicht zu viele Pläne zu zeigen, die vor allem Architekt:innen interessieren, sondern erfahrbar zu machen, wie es sich anfühlt, in diesen Städten zu leben.
Der Rhein führt aktuell wegen der Hitze sehr wenig Wasser, in Belgien und Deutschland brennen die Wälder. Mit welchem Gefühl geht man in diese Ausstellung – und mit welchem verlässt man sie wieder?
Viele Besucher:innen beschäftigt die Frage, wie sich der Klimawandel auf unsere Städte auswirkt und wie man die Hitzesommer künftig überstehen soll. Deshalb wollen wir zeigen, was Städte für die Klimaanpassung – wie es so schön heißt – tun können. Um dabei eine wissenschaftlich fundierte Perspektive zu entwickeln, haben wir mit Expert:innen von Helmholtz Klima zusammengearbeitet. Ich denke schon, dass die Besucher:innen sehen, was alles möglich ist, und dabei auch an ihre eigene Stadt, ihr Viertel und ihr Wohnhaus denken.
Too Hot: Heiße Städte neue Wege, bis zum 7. Februar 2027 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt. Fotos: Moritz Bernoully
In Wien habe ich Wasserzerstäuber mitten auf der Straße gesehen. Sinnvoll oder Kosmetik?
Das ist eher eine Notfallmaßnahme, damit man es in überheizten und sehr „steinernen“ Innenstädten wie Wien überhaupt aushält. Das ist wichtig, im großen Maßstab aber kaum wirksam. Bäume zu pflanzen ist fast schon ein Klischee, aber eben eine der einfachsten und effektivsten Maßnahmen, um Städte abzukühlen. Auch Wasser durch die Stadt zu führen, bringt viel – dafür müssen allerdings Bäche freigelegt werden, die man vor Jahrzehnten kanalisiert und überbaut hat.
Und die Wohnungen, in denen die Hitze steht?
Hitze ist vor allem ein Gesundheitsrisiko. Wir Menschen können uns nicht so schnell anpassen, und gerade für kranke oder ältere Menschen ist sie ein enormes Risiko. In Paris zum Beispiel wird es unter den berühmten Zinkdächern über 50 Grad heiß; wir haben mit Architekt:innen gesprochen, die genau diese Dächer umbauen wollen. Viele Wohnungen heizen sich auch deshalb auf, weil sie schlecht gedämmt sind oder zu viel Fensterfläche haben. Deshalb muss man nicht nur bei der Stadtplanung ansetzen, sondern auch beim Umbau von Wohnhäusern: Verschattung und Möglichkeiten zum Querlüften schaffen. Mit jeder Hitzewelle steigt die Nachfrage nach Klimaanlagen, aber das ist keine nachhaltige Lösung.
Über Jonas Malzahn
Jonas Malzahn arbeitet als freier Kurator, unter anderem für das Deutsche Architekturmuseum, und verantwortet am ZfBK – Zentrum für Baukultur Sachsen Kuration und Programmentwicklung. Sein Fokus liegt auf Stadtentwicklung, Architektur der Gegenwart und Baukultur-Vermittlung. Er studierte Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar und arbeitete in Büros in Dänemark, Österreich und Deutschland. Von 2021 bis 2023 leitete er als Geschäftsführer das Architekturschaufenster e.V. in Karlsruhe, außerdem lehrte er Städtebau in Weimar und Stuttgart.
Nach welchen Kriterien habt ihr die gezeigten Städte ausgewählt – und wie sehr entscheiden Budget oder Größe über eine erfolgreiche Klimaanpassung?
Aus gut 100 aktiven Städten haben wir gemeinsam mit einem Expertengremium ausgewählt und zeigen bewusst nicht nur Vorzeigestädte, sondern solche, die die Herausforderung erkannt und sich auf den Weg gemacht haben. Jede Stadt ist verschieden, und das spiegelt sich auch in den Maßnahmen wider. Genau das hat uns interessiert. Die kleinste Stadt ist Totnes in Großbritannien mit 10.000 Einwohnern, die größte Paris. Finanzielle Mittel helfen natürlich: Paris und Kopenhagen haben die größten Budgets – und investieren davon interessanterweise viel in Information, um den Bürger:innen die Maßnahmen zu erklären. Andere müssen sehen, dass sie ihre Maßnahmen überhaupt umsetzen können. Die notwendigen Eingriffe sind ja selten kosmetisch, sie betreffen die grundlegende Infrastruktur: etwa das Kanalisationssystem zu erneuern, um gegen Starkregen gewappnet zu sein.
Ihr habt viele Städte gesehen. Welche hat dich am meisten überrascht?
Es gibt viele tolle Städte und Projekte, aber ich würde sagen: Stockholm. Die Stadt wächst stark, und die Bauindustrie ist einer der größten Emittenten, nicht nur von CO2, sondern auch von Abfall. Stockholm hat sich das Ziel gesetzt, alle Baustellen CO2-neutral zu machen. Dort rollen an vielen Stellen nur noch Elektrobagger, und der Aushub wird, wo es möglich ist, vor Ort aufbereitet und wiederverwendet.
Wie wird der Zusammenhang von Ökologie und Sozialem in der Ausstellung sichtbar?
Städte sind Lebensräume, deshalb geht es an jeder Stelle um die Verbindung ökologischer und sozialer Aspekte. Interessant und entlarvend ist aber auch zu sehen, wie das politisch gestaltet wird. Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass Frankfurt Trinkbrunnen bislang nur in der Innenstadt aufgestellt hat. Wer wo wohnt und wie viel Zugang er zu Wasser und Grün hat, ist ganz klar eine soziale und stadtpolitische Frage.
Ein Leitbild, das viele Städte für sich entdecken, ist die 15-Minuten-Stadt. Was steckt dahinter?
Das ist ein städtebauliches Konzept, das auf Durchmischung und kurze Wege setzt. Man erreicht die wichtigsten Dinge – Lebensmittel, Bildung, Freizeit – in einem Radius von 15 Minuten, mit dem Rad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das reduziert den Autoverkehr und verbessert die CO2-Bilanz. Dafür müssen Städte aber ihren Nahverkehr ausbauen, autofreie Zonen und sichere Radwege schaffen. Die meisten europäischen Städte sind nach wie vor sehr autozentriert. Paris hat trotzdem über 300 Straßen verkehrsberuhigt und begrünt, im Stadtgebiet gilt fast überall Tempo 30. Wir in Deutschland streiten noch über ein Tempolimit auf Autobahnen.
Wann hast du angefangen, dich mit nachhaltiger Stadtplanung zu beschäftigen?
Ich habe Architektur studiert, und als Architekt will man ja immer bauen. Nachdenklich bin ich geworden, als ich mir den CO2-Ausstoß des Baugewerbes vergegenwärtigt habe. Es ist wichtig, dass wir mehr im Bestand bauen, klimafreundliche Baumaterialien verwenden und das, was an Bausubstanz schon da ist, ganz einfach pflegen, verbessern und instand halten.
Bist du optimistisch, was das angeht?
Ja. Städte haben große klimapolitische Herausforderungen vor sich, nicht nur in Europa, sondern global. Sie bedecken zwar nur einen kleinen Teil der Erdoberfläche, aber schon jetzt lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Sie sind die größten Energieverbraucher und Emittenten – und haben gerade deshalb auch den größten Hebel, um neue Konzepte auf den Weg zu bringen. Bei der Arbeit an der Ausstellung haben wir gemerkt, dass viele Städte sich auf den Weg gemacht haben und viele Bürger:innen diesen Wandel mittragen und voranbringen wollen.
Beitragsbild oben: Moritz Bernoully (Presse – DAM Frankfurt)







