Die Austernbank und die Eisenbahn
Was angeblich „von Natur aus“ so ist, galt lange als Fundament politischer Ordnung. Im 19. Jahrhundert gerät dieses Denken ins Wanken – durch industriellen Fortschritt, die Evolutionstheorie und einen neuen Begriff: Ökologie. Leander Scholz hat sich mit der Ideengeschichte und den politischen Implikationen ökologischen Denkens beschäftigt.
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In deinem Buch „Die Regierung der Natur“ schreibst du, dass jede Politik eine Naturvorstellung voraussetzt. Wie hängen Natur und Politik miteinander zusammen?
Das ist eigentlich ein sehr altes Phänomen. In der antiken Politikvorstellung ist die Natur die Grundlage jeder Politik – sie macht bestimmte Vorgaben, in deren Rahmen sich die Menschen erst entfalten können. Jedem Wesen wohnt ein eigener Zweck inne, ob Stein, Tier oder Mensch. Politik ist also immer schon Verlängerung von Natur. Unsere moderne Vorstellung, dass der Mensch ein freies, selbstbestimmtes Wesen ist, wäre für die Antike völlig unverständlich gewesen.
Wann entsteht denn unser heutiger Naturbegriff und wie verändert das unsere Vorstellung von Politik?
Unser Naturverständnis verändert sich im 19. Jahrhundert ganz massiv, und zwar zunächst auf wissenschaftlicher Ebene durch die Evolutionsbiologie. Sie führt den Faktor Zeit in die Natur ein. Vorher war die Natur ein Wesenskosmos aus fixierten Entitäten, geordnet in einem Tableau von Arten und Unterarten. Mit Darwin gibt es das nicht mehr: Es gibt nur noch Populationen, die sich in ständiger Reproduktion befinden und sich dabei verändern. Damit wird sie wandelbar und letztlich auch gestaltbar. Für das menschliche Selbstbild ist das auch eine große Krise: Denn wenn Arten auftauchen und verschwinden, dann kann auch der Mensch wieder verschwinden. Das ist das Gegenmodell zum antiken Kosmos, der dem Menschen einen festen Platz garantierte.
Welche konkreten lebensweltlichen Veränderungen gibt es noch, die die Vorstellung von Natur damals erschüttert haben?
Eine wichtige Sache ist das enorme demografische Wachstum. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermehren sich die Menschen – vor allem in Deutschland, England, Frankreich – auf einmal so stark, dass nicht mehr garantiert ist, dass alle ernährt werden können. Ursache ist ausgerechnet der medizinische Fortschritt, die geringere Säuglingssterblichkeit. Das ist ein tiefer Vertrauensverlust: Die Natur lässt es offenbar zu, dass eine Art sich so vermehrt, dass sie ihre eigene Existenz gefährdet. Übrigens speist sich auch der spätere Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ noch aus dieser demografischen Frage. Um die wachsende Menge zu ernähren, muss man die Natur forcieren – daher die industrielle Revolution in der Landwirtschaft, die Düngewirtschaft. Auch praktisch wird die Natur damit gestaltbar.
Unser modernes Freiheitsverständnis entspringt damit einer krisenhaften und instabilen Natur und einer anthropologischen Kränkung?
Genau, das ist die dramatische Dialektik: Erst wenn die Natur nicht mehr als ewige, in sich geordnete Größe erlebt wird, sondern als veränderbar und zerstörbar, wird Freiheit möglich. Auch die Naturzerstörung ist also ein Erlebnis von Freiheit. Solange die Natur ein verlässlicher Ordnungsrahmen ist, hat der Mensch darin einen festen Platz – prekär vielleicht, aber garantiert. Unter evolutionsbiologischen Bedingungen ist das nicht mehr der Fall. Gleichzeitig gibt es in der ganzen Moderne dieses Bedürfnis, in den „Schoß der Natur“ zurückzukehren, das fängt bei Rousseau an. Mit der Moderne und dem Fortschritt entsteht gleichzeitig diese regressive und tendenziell konservative Idee, Natur sei etwas Ursprüngliches, zu dem man zurückkehren könne.
Foto: Götz Schleser
Über Leander Scholz
Leander Scholz, Dr. habil., ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm „Zusammenleben. Über Kinder und Politik“ (Hanser 2018), „Die Menge der Menschen. Eine Figur der politischen Ökologie“ (Kadmos 2019), „Die Regierung der Natur. Ökologie und politische Ordnung“ (Matthes & Seitz 2022) und „Zusammenhalt in Vielfalt. Zur Politik der sozialen Sichtbarkeit“ (Friedrich-Ebert-Stiftung 2023).
Wann entsteht denn der Begriff der „Ökologie“ und welche Vorstellungen führt er mit sich?
Im Begriff der Ökologie steckt ein anderes Denken als im Begriff der Natur. „Natur“ war in der ganzen Geistesgeschichte mit einer feststehenden, ablesbaren Ordnung verbunden. „Ökologie“ dagegen kommt aus der Evolutionsbiologie und trägt, wie schon gesagt, die Aspekte von Dynamik, Wandel und Zeitlichkeit in sich. Und in der wissenschaftlichen Entwicklung dieses Begriffs sind Natur und Technik ganz eng miteinander verbunden. Man sieht das schön an einem frühen Beispiel: Der Naturforscher Karl August Möbius untersuchte in den 1870er Jahren im Auftrag der preußischen Regierung Austernbänke. Denn mit der Erfindung der Eisenbahn wurde die Auster plötzlich in Berlin und Paris populär und wurde prompt überfischt, vorher war sie eher Arme-Leute-Essen der Fischer und Küstenbewohner. Möbius fand heraus: Werden die Austern dezimiert, regenerieren sie sich nicht, sondern die Miesmuscheln nehmen ihren Platz ein. Verändert man einen Faktor in einem Lebensraum, verändert sich das ganze Gefüge. Daran anschließend hat er die Theorie des „ökologischen Gleichgewichts“ formuliert. Und das hat nichts mehr mit fixen Lebewesen zu tun, sondern mit Kräfteverhältnissen und der Gestaltung von Lebensräumen.
Auch der Begriff der „Ökologie“ wandert wie eine neue Spezies dann in andere wissenschaftliche und gesellschaftliche Bereiche ein
Genau, das ist ganz interessant. Zwar wird ökologisches Wissen direkt an konkreten Problemen wie der Austernbank gewonnen, aber es sind Prinzipien – Diversität, Wechselwirkung –, die man auf alles anwenden kann. Es gibt eigentlich nur noch Beziehungen: zwischen Lebewesen und Umwelt, zwischen Lebewesen untereinander. Dieses Beziehungswissen wandert in andere Bereiche ein. Man fragt sich: Wie muss ich eine Gesellschaft, eine Wirtschaft einrichten, damit so etwas wie ein Gleichgewicht entsteht? So wird die Ökologie zu einer neuen Form des System- und Ordnungsdenkens. Historisch löst die politische Ökologie damit die politische Ökonomie ab: Man regiert nicht mehr über Interessen und Anreize wie beim Homo oeconomicus, sondern fördert und gestaltet das Gedeihen der Gesellschaft, eher wie ein Gärtner. Heute sprechen wir sogar in der IT von technologischen „Ökosystemen“ oder seit den 70ern von „Business Ecosystems“.
Fortschritt, Technik, Natur – dieses Verhältnis wird im 19. Jh. politisch ganz anders bewertet als heute
Aus heutiger Sicht erscheint es vielleicht ungewöhnlich, dass die Sozialisten oder beispielsweise auch die Frauenbewegung im 19. Jh. auf der Seite des Fortschritts und damit der Seite der „Naturzerstörer“ standen. Die Naturschutzbewegung wurde damals eher von bürgerlichen und konservativen Kräften getragen. Das waren Städter, die aufs Land fuhren, oder die Adligen, die großen Verlierer der Industrialisierung, die sich damit neues symbolisches Kapital verschafften. Das erste Erlebnis der Umweltzerstörung war damals ein ästhetisches: dass die Felder plötzlich rechteckig wurden und damit maschinengerecht. Bis in die 50er und 60er Jahre waren Umweltschutzverbände eher konservative und teilweise auch rechtsnationale Bewegungen. Erst in den 60er und 70er Jahren entdeckt die Neue Linke Umweltthemen aus einer Wachstums- und kapitalismuskritischen Perspektive.
Wie sollten wir denn heute Technik und Natur neu denken – jenseits des alten Gegensatzes?
Genau. Natur und Technik sind keine Gegensätze mehr, es gibt Übergänge. Ökologische Utopien können heute durchaus technoid sein – das wäre in der klassischen Ökobewegung nicht möglich gewesen. Dort stand der kleine, heimelige Bauernhof für die Einheit von Mensch und Natur. Heute fahren E-Autos in Werbespots noch immer durch die Landschaft, aber es wirkt nicht mehr aggressiv, sondern harmonischer. Da entstehen andere Bilder. Was davon Kitsch und was Realität ist, lasse ich mal offen, aber die Ästhetik verändert sich. Wir leben heute in stark technisch geprägten Lebenswelten und haben gleichzeitig mit der Klimakrise die Auswirkungen unseres Handelns und dessen Grenzen klar vor Augen. Mit einem einfachen Gegensatz von Natur und Technik lässt sich das nicht lösen, sondern eher mit einem ökologischen Denken im begrifflichen Sinne, das von Wechselwirkungen und Übergängen ausgeht.
Warum ist dir dieses relationale Denken politisch so wichtig?
Wenn das Zurück-zur-Natur und der kleine Bauernhof mein Idealbild ist, machen alle anderen etwas falsch. Das ist eine stark moralisierende Haltung, die andere wenig überzeugt oder gar motiviert, politisch anders zu handeln. Und es funktioniert auch nur in einem kleinen Maßstab, wenn man an Schwellenländer denkt, die sich am Fortschritts- und Wachstumsversprechen der westlichen Industrienationen orientieren. Ich halte es politisch für sinnvoller, ganz im ökologischen Sinne auf die Gestaltung von Lebensumwelten zu setzen, gestaltend einzugreifen, aber offen für Entwicklung zu bleiben. Denken wir an die Schule, in der „Lernumgebungen“ gestaltet werden, in denen Kinder sich frei, aber unter Anleitung gut entwickeln können.
An welche Lebensumwelten denkst du noch in deinem Alltag?
In Berlin, wo ich lebe, gibt es ja immer viele Diskussionen um den Müll in den Straßen. Und dann gibt es diese Baumscheiben, die auch in meiner Straße von Anwohnern liebevoll bepflanzt und gepflegt werden. Natürlich schmeißen da einige immer noch ihren Müll rein, aber so ein kleines gestaltetes Stück Natur in der Stadt erhöht doch die Skrupel, das zu tun. Man kann natürlich immer das Ordnungsamt rufen, aber mich interessiert mehr, wie sich gutes Zusammenleben auf einer horizontalen Ebene und im Miteinander-Leben zum Guten entwickeln kann.
Leander Scholz‘ Buch „Die Regierung der Natur. Ökologie und politische Ordnung“ ist 2022 im August Verlag erschienen.
In vier essayistischen Kapiteln zeichnet Scholz akademisch versiert und mit erzählerischem Ton die Verflechtungen zwischen Ökologie, Technik und Politik nach.
Ein kleines und kluges Buch für alle, die Begriffe nicht nur verwenden, sondern verstehen und in neuen theoretischen Zusammenhängen ausprobieren möchten.
Beitragsbild oben: Katie Dobies (istock)






