CO2-Reduktion: Vom Messen zum Machen

CO2-Reduktion: Vom Messen zum Machen

Nachhaltigkeit rechnet sich – ökologisch und ökonomisch. Harriet von Kügelgen hat mit ihrem Berliner Climatech-Startup dauri eine Plattform gegründet, die Unternehmen hilft, CO2-Emissionen zu messen und durch gezielte Maßnahmen zu reduzieren.

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Harriet, wie bist du dazu gekommen, ein Climatech-Startup zu gründen?

Nachhaltigkeit und CO2-Bilanzierung haben mich in ganz verschiedenen Kontexten beschäftigt. Nach meiner Arbeit bei Tesla habe ich einen Master in Carbon Management gemacht, weil ich wirklich verstehen wollte: Woher kommen die Emissionen und welche wirtschaftlichen Hebel gibt es? Dabei habe ich festgestellt, dass vielen Unternehmen zwar klar ist, dass sie etwas tun müssten, aber nicht, welche konkreten Lösungen es gibt – und ob es sich auch rechnet. Genau da setzt dauri an.

Was macht dauri und was unterscheidet euch von klassischer Reporting-Software?

Die meisten Tools am Markt helfen Unternehmen, ihre Emissionen zu messen und zu bilanzieren. Das ist ein wichtiger erster Schritt. Aber wenn man die Zahlen hat, sollte man auch die richtigen Schlüsse daraus ziehen und Maßnahmen ergreifen, die den eigenen CO2-Ausstoß effektiv reduzieren.

Wir helfen Unternehmen, von der Bilanzierung in die Praxis zu kommen: Was kannst du an deinen Standorten konkret tun, um Emissionen zu senken? Das reicht von smarten Heizthermostaten über LED-Umrüstung bis zu Prozessoptimierungen. Wie hoch sind die Investitionen dafür und wann amortisieren sie sich? Wir liefern konkrete Business Cases, damit Unternehmen nicht nur wissen, wo sie stehen, sondern auch, wohin sie gehen können. Am Ende erstellen sich Unternehmen einfach einen profitablen Fahrplan, den sie in der Software dann auch managen.

Jonas Drechsel, Foto von Emad Ette

Foto: privat

Über Harriet von Kügelgen

Harriet von Kügelgen ist Co-Gründerin und Co-CEO von dauri, einem Berliner Climatech-Startup, das Unternehmen dabei unterstützt, Emissionsreduktion in wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen zu übersetzen. Zuvor war sie bei Tesla tätig und hat das Climate-Tech/Space-Tech-Startup AIRMO mitgegründet.

Sie hat International Business an der Maastricht University und Carbon Management an der University of Edinburgh studiert. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Finanzökonomik und Emissionsmanagement, um Dekarbonisierung für Unternehmen profitabel umsetzbar zu machen.

Viele Unternehmen denken beim Thema Nachhaltigkeit an Bürokratie und zusätzliche Kosten. Was antwortet ihr?

Wenn man Emissionsreduktion richtig angeht, ist sie automatisch Ressourceneffizienz und damit Kostenreduktion. Allein in Deutschland gibt es ein unausgeschöpftes Potenzial von 25 Milliarden Euro pro Jahr durch einfache Energieeffizienzmaßnahmen in Unternehmen. Das ist Geld, das buchstäblich auf der Straße liegt.

Ein Beispiel: Ein Kunde mit 50 Filialstandorten hat fünf einfache Maßnahmen umgesetzt: LED-Umrüstung, smarte Heizthermostate, Luftvorhänge an den Eingängen. Klingt nach Kleinigkeiten, aber allein die LED-Umrüstung bringt bis zu 90 Prozent mehr Energieeffizienz. Über alle Standorte gerechnet spart das Unternehmen damit 500.000 Euro im Jahr, bei einem Return on Invest von knapp unter zwei Jahren.

Trotzdem gibt es gerade einen „ESG-Backlash“. Woher kommt der, wenn das alles so viel Sinn macht?

Das Thema Klimaschutz wurde lange sehr einseitig kommuniziert, nach dem Motto: Es kostet, aber wir müssen es machen. Dabei wurden wichtige Argumente vergessen — Preissicherheit, Autonomie, Resilienz. Erneuerbare Energien sind langfristig günstiger und reduzieren geopolitische Abhängigkeiten. Die Wiederwahl von Trump, die Europawahl und die Abschwächung der EU-Reporting-Standards durch das Omnibus-Paket – politisch scheint es gerade, als werde Nachhaltigkeit zurückgefahren. Viele Unternehmen setzen ihren Weg aber weiter fort: 83 Prozent der globalen Unternehmen haben letztes Jahr ihre Nachhaltigkeitsinvestitionen erhöht. Sie sprechen nur weniger darüber.

Welche Rolle kann KI im Nachhaltigkeitsreporting spielen?

Bei der Datensammlung in Unternehmen hilft KI wenig, wenn die Grundlagen nicht stimmen – wenn Daten nicht strukturiert aufbereitet und mit möglichst wenig Medienbrüchen über verschiedene Systeme zugänglich sind. Unternehmen müssen erst ihre Hausaufgaben bei der Datenarchitektur machen, damit KI-gestützte Datenanalyse wirklich Mehrwert schaffen kann. Wir nutzen KI, um Unternehmensdaten mit unserer Maßnahmendatenbank abzugleichen und so schneller und zielgenauer die richtigen Reduktionsmaßnahmen für ein bestimmtes Unternehmen zu identifizieren.

Die drei Scopes einer CO2-Bilanz

Das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) ist der weltweit meistgenutzte Standard zur Berechnung von Treibhausgasemissionen. Es unterteilt die Emissionen eines Unternehmens in drei Kategorien:

Scope 1 – Direkte Emissionen: Alle Treibhausgase, die direkt im Unternehmen entstehen, etwa durch eigene Produktionsanlagen, Heizkessel oder firmeneigene Fahrzeuge.

Scope 2 – Eingekaufte Energie: Indirekte Emissionen, die beispielsweise durch den Bezug von Strom oder Fernwärme entstehen. Sie werden dem Unternehmen anteilig zugerechnet, abhängig vom Energiemix des jeweiligen Stromanbieters.

Scope 3 – Vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette: Die umfangreichste und komplexeste Kategorie. Sie umfasst 15 Unterkategorien, darunter eingekaufte Materialien und Dienstleistungen, Geschäftsreisen, Pendelwege der Mitarbeitenden

Beitragsbild oben:

Fotograf: Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Sidharth Prakash (pexels)

Inspirieren statt belehren: Was der Nachhaltigkeitsdiskurs von der Zukunftsforschung lernen kann

Inspirieren statt belehren: Was der Nachhaltigkeitsdiskurs von der Zukunftsforschung lernen kann

Wir schließen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Was war, bestimmt, was wir für möglich halten – und verstellt den Blick auf das, was werden könnte. Zukunftsforscher Jonas Drechsel erklärt, warum es sich lohnt, dagegen anzudenken, und wie sich der Zukunftsmuskel trainieren lässt.

Jonas, was macht man eigentlich als Zukunftsforscher? Das klingt erst mal nach Glaskugel.

Ich bin in verschiedenen Bereichen unterwegs – von politischer Arbeit über Foresight-Beratung bis hin zu kritischer Zukunftsforschung als Community-Projekt. Was sich durchzieht: Ich entwickle Formate, in denen Menschen und Organisationen ihre Zukunftsbilder hinterfragen können. Das reicht von Einzelworkshops, in denen wir in vier Stunden ein paar Grundbegriffe aufbrechen, über längere Begleitprozesse bis hin zu ganzen Architekturen, die definieren, wie eine Organisation dahin kommt, wo sie eigentlich hin will. Am Ende geht es immer um die Frage: Wie werden hier Zukünfte plausibilisiert? Welche fallen hinten runter – und warum?

Also weniger Visionen entwerfen, mehr Dinge in Bewegung bringen?

 Genau. Zukunft ist ein Muskel und der ist bei den allermeisten sehr wenig trainiert. Da kann man mit einfachen Übungen relativ viel rausholen und schnell Fortschritte feststellen. Das zu begleiten, macht einfach Spaß. Bei einem meiner Workshops in einem großen Konzern hat eine aufstrebende Top-Managerin mal gesagt: „Das war so anstrengend, Jonas – aber ich bin total dankbar, weil es komplett gegenläufig war zu dem, wie bei uns im Konzern im Alltag gedacht wird. Das wird mich noch lange beschäftigen.“ Genau für solche Reaktionen mache ich Zukunftsforschung.

Du hast sieben Hacks aus der Zukunftsforschung für die nachhaltige Transformation mitgebracht. Fangen wir an: Warum ist Zukunft Verhandlungssache?

Es ist wichtig, Zukunft zu verhandeln. In vielen Debatten und auch im Nachhaltigkeitsdiskurs sieht man schnell, wie dogmatisch es werden kann. Gute Argumente für die eigene Position hat man schnell, aber genauso schnell wirken sie oberlehrerhaft und sind oft nicht besonders gut begründet. Ein gutes Zukunftsbild braucht auch tragfähige Begründungen. Mein Ansatz ist deshalb transparent zu machen, auf welchen Argumenten, Studien und Überzeugungen die eigene Position basiert und von dort aus gemeinsam Zukunftsbilder zu entwickeln.

Jonas Drechsel, Foto von Emad Ette

Foto: Emad Ette

Über Jonas Drechsel

Jonas Drechsel ist selbständiger Zukunftsforscher, Mitbegründer des Freelance-Kollektivs youngk, Projektleiter der Missionswerkstatt, Vorstand bei D2030 e. V. und Mitbegründer der Community für kritische Zukunftsforschung.

Er hat Zukunftsforschung an der FU Berlin studiert und arbeitet an der Schnittstelle von Analyse und Transformation, Haltung und Wirkung. Dabei begleitete er Projekte für NGOs ebenso wie für Konzerne oder die EU.

Dein zweiter Hack klingt fast wie ein Ultimatum: Mach es konkret oder lass es. Was steckt dahinter?

Man kann natürlich sagen: „Smart Cities machen Städte grüner und nachhaltiger“, aber das sind abstrakte Absichtserklärungen. Überzeugender und zielführender ist meistens, eine kleine Veränderung zu zeigen, die in die Richtung geht. Es ist immer gut Dinge durchzuspielen und zu testen: Was könnte ein Experiment sein, bei dem man spielerisch herausfindet, wie man Dinge anders machen kann?

Hack drei klingt investigativ: Mythen aufdecken. Welche Mythen meinst du?

Das ist die Kernmethode der kritischen Zukunftsforschung. Wenn wir über Zukunft sprechen, argumentieren wir nur auf der obersten Schicht der Reflexion mit scheinbaren Fakten. Geht man tiefer, sieht man, dass Zukunftsbilder durch zugrundeliegende Strukturen und spezifische Weltsichten begründet sind. Darunter liegen grundlegende „Mythen“ wie „unendliches Wachstum“, die erklären, wieso manche Fakten nicht anerkannt werden können oder warum an manchen Strukturen festgehalten wird. Das Spielt mit diesen Grundannahmen ermöglicht alternative Szenarien. Darüber hinaus geht es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und ein gemeinsames Verständnis zu bekommen. Der CEO versteht vielleicht etwas ganz anderes unter nachhaltiger Unternehmensführung als sein Sustainability Officer.

Dein vierter Hack dreht sich um Trends. In der Zukunftsforschung gibt es das Bild des Futures Cone: Aus dem Punkt, an dem wir heute stehen, öffnet sich ein Fächer möglicher Zukünfte. Aber wir neigen dazu, nur den schmalen Ausschnitt zu sehen, der sich aus der Vergangenheit ableiten lässt. Wie kommt man da raus?

Der Blickwinkel, mit dem wir auf Zukunft schauen, ist konstruiert, er hat sich halt so ergeben. Das heißt aber auch: Er kann verändert werden. Und wenn man die Perspektive verschiebt, sieht man auf einmal ganz andere Dinge. Bewusst gewählte Trends können dabei als Argumentationshilfe dienen, als Anzeichen dafür wie etwas anders und besser werden kann.

Beim fünften Hack geht es darum, Reale Utopien zu erzählen, statt zu fordern – das klingt nach einem Gegenmodell zum erhobenen Zeigefinger.

Reale Utopien nach Erik Olin Wright sind Dinge, die erreicht wurden und das oft, obwohl andere sie für unmöglich gehalten haben. Es geht nicht also nicht um ferne Wunschbilder, um etwas, das erfolgreich aus der vermeintlichen Unmöglichkeit in die Wirklichkeit überführt wurde und das auch trotz aller Widerstände. Solche Realen Utopien sind auch Wegmarken, an denen man sich orientieren kann, um Dinge voranzutreiben. Ich find es wichtig, gerade in unserer kapitalistischen Logik der ständigen Steigerung und Überbietung, dass wir mal innhalten und feiern, was wir erreicht haben und uns nicht ständig empören und beklagen.

Gerade erleben wir ja einen Backlash gegen Nachhaltigkeit in Unternehmen – ESG wird zunehmend als bürokratische Last gesehen. Hast du einen Tipp für Nachhaltigkeitskommunikator:innen?

Nicht belehren, sondern inspirieren. Wer Themen auf die Landkarte setzen will, kommt durch Best Cases und Begeisterung weiter als durch den erhobenen Zeigefinger. Mein Rat: Setzt euch hin und listet drei bis fünf fantastische Dinge auf, die ihr erreicht habt. Das kann ein nachhaltigeres Fertigungsverfahren sein, das gleichzeitig wirtschaftlicher wurde, oder eine Veränderung in der Wertschöpfungskette, die vorher niemand für möglich gehalten hätte. Erzählt diese Geschichten – nicht die Klage über den Backlash.

Beim sechsten Hack wird es entspannt: Science-Fiction als Inspiration. Welche Geschichten empfiehlst du?

Das ist vielleicht der entspannteste Hack. Ich meine damit nicht die vielen dystopischen Mainstream-Fantasien, sondern eher die antidystopische Bewegung: Geschichten, die zeigen, wie Menschen trotz schwieriger Verhältnisse Handlungsfähigkeit erhalten. Auch das ist ein wichtiger Teil  des Genres. Nicht nur die Endzeitkämpfe. Meine Kollegin Isabella Herrmann vom youngk-Kollektiv hat das in ihrem Buch „Zukunft ohne Angst“ wunderbar herausgearbeitet.

Zum Schluss dein siebter Hack: Von Szenarien zu Missionen. Wie wird aus einer Analyse ein Handlungsplan?

Zukunftsforschung liefert saubere Analyse, kümmert sich aber häufig wenig um die Transformation, während vielen Transformationsprojekten wiederum die Analyse abgeht. Das zusammenzulegen hilft: Vision als Zielbild, Mission als Handlungsleitlinie und konkrete Projekte für die Selbstwirksamkeit.

Zukunftsarbeit gilt in vielen Organisationen eher als nettes Add-on. Woran liegt das?

Wir erarbeiten in der Zukunftsforschung wirklich hilfreiche Dinge. Organisationen brauchen ein Denken out of the box, stellen aber selten das nötige Budget dafür bereit. Als Zukunftsforscher:innen sind wir natürlich auch in der Pflicht zu zeigen, welche positive Wirkungen unsere Arbeit hat. Aber natürlich kann man nicht alles davon in harten Zahlen messen. Klar ist aber, dass Organisationen gerade in schwierigen Phasen positive Zukunftserzählungen brauchen.

Was ist dein großes Ziel für die nächsten Jahre?

Ich arbeite daran, dass wir mit der Zukunftsforschung nicht in der Nische bleiben, sondern zeigen, welche Veränderungen wir anstoßen und begleiten können und das auch gerne nicht nur in einem kurzen Workshop, sondern als längerfristiges Transformationsprojekt.

Zum Weiterlesen:

 

Mehr über Jonas Drechsel und seine Arbeit als Zukunftsforscher

Die 7 Hacks zum Nachlesen auf Green Works

Mehr zum Freelancer-Kollektiv youngk

Isabelle Herrmanns Buch „Zukunft ohne Angst“ erzählt, wie wichtig Science-Fiction für positive Zukunftsbilder ist

 

Beitragsbild oben:

Fotograf: Andre Moura (pexels)

Die unsichtbare Kunst des Reparierens

Die unsichtbare Kunst des Reparierens

Wir brauchen grünes Wachstum und Innovationen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Aber die ersten Schritte sind einfacher. Nachhaltigkeit heißt im Kern: erhalten statt entsorgen, pflegen statt verbrauchen und deshalb müssen wir mehr reparieren. Prof. Dr. Gabriele Schabacher erforscht diese unsichtbare Praxis, die unsere technische Welt am Laufen hält – und manchmal auf Umwegen etwas Neues erfindet.

Gabriele, du beschäftigst dich mit Reparatur. Warum interessiert dich als Kulturwissenschaftlerin dieses Thema?

Mich hat fasziniert, dass Reparatur ein unterschätztes Phänomen ist. Das Ergebnis einer Reparatur ist ja nicht mehr zu sehen – und genau das hat das Reparieren immer sekundär erscheinen lassen gegenüber dem Erfinden und Herstellen. Dabei stimmt das aus kulturwissenschaftlicher Perspektive überhaupt nicht. Viele große Technikerfindungen sind entstanden, weil etwas kaputt ging, man versuchte, es zu reparieren, das nicht klappte, und man dann eine andere Lösung finden musste. Das Reparieren greift also in Prozesse des Erfindens ein – und ermöglicht eine andere Erzählung von Technik- und Kulturgeschichte.

Du hast dich auch mit Workarounds beschäftigt – Behelfslösungen, die eigentlich provisorisch sind, aber oft dauerhaft bleiben.

Genau, wir kennen das alle: der Eimer unter der tropfenden Spüle. Diese Provisorien können erstaunlich beharrlich sein. Sie zeigen, dass Reparieren nicht immer bedeutet: Problem gelöst, alles wieder gut. Manchmal bleiben Dinge in einem Übergangsstadium, weil sie es ermöglichen, einfach weiterzumachen. Das verweist auf eine wichtige Einsicht: Reparatur ist eine transformative Tätigkeit. Ein repariertes Ding ist nicht mehr das Original – es hat einen Durchlauf durch die Reparatur genommen und wurde dabei verändert.

Ein Poträt von Prof. Dr. Gabriele Schabacher, Universität Mainz (Foto von Stephanie Füssenich)

Foto: Stephanie Füssenich

Über Gabriele Schabacher 

Prof. Dr. Gabriele Schabacher ist Professorin für Medienkulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind kulturwissenschaftliche Infrastrukturforschung, KI und Überwachung, Mediengeschichte des Verkehrs und Mobilities Studies, Kulturtechniken des Reparierens sowie Serialität und Autobiografik.

In ihrer neuesten Publikation beschäftigt sie sich aus medienwissenschaftlicher Perspektive mit der Rolle von Infrastrukturen im Zeitalter des Klimawandels: „Mediatoren des Klimas. Infrastrukturen und ökologische Krise“, in: Archiv für Mediengeschichte Band 21 Infrastrukturen (im Erscheinen).

Nicht nur einzelne Dinge müssen repariert werden, sondern auch ganze Infrastrukturen. Was lernen wir darüber aus einer Perspektive der Reparatur?

Bei Infrastrukturen wird besonders sichtbar, dass Reparatur kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein permanenter Prozess. Beim BER etwa haben wir gesehen, wie Dinge veralteten und gewartet werden mussten, obwohl sie noch gar nicht in Betrieb waren. Man musste ständig eine U-Bahn durch den Tunnel fahren lassen, damit er nicht schimmelt. Das setzt voraus, was der Reparaturforscher Steven Jackson „Broken World Thinking“ nennt: die Einsicht, dass die Welt die ganze Zeit im Prozess ist und ständig etwas kaputt gehen kann. Infrastrukturen, die immer so stabil wirken, befinden sich eigentlich in einem permanenten Transformationsprozess. Ich nenne das in meinem Buch „Infrastruktur-Arbeit“ – eine Tätigkeit, die notwendig ist, damit diese großen Systeme überhaupt am Laufen bleiben.

Reparatur ist etwas sehr Praktisches. Wie gewinnt man daraus als Wissenschaftlerin theoretisches Wissen?

Das ist nicht einfach, weil vieles beim Reparieren nicht explizit gemacht wird. Es ist implizites Wissen, das in der Intuition und im körperlichen Handling der Leute liegt. Eine berühmte Studie zu Automechanikern hat gezeigt, dass die unheimlich viel horchen. Am Klang der Maschine erkennen sie, was kaputt ist. Solches Wissen ist nur durch ethnografische Forschung zu heben. Historisch ist es noch schwieriger, weil es kaum schriftliche Quellen gibt. Letztlich muss man die Menschen und die Orte aufsuchen, wo repariert wird.

Die EU hat ein Right to Repair auf den Weg gebracht. Was hältst du davon?

Ich finde es grundsätzlich gut, dass das Thema politisch aufgegriffen wird. Allerdings bezieht sich das Recht zunächst nur auf bestimmte Produktgruppen und garantiert nicht, dass wir selbst reparieren können – sondern dass die Hersteller Reparaturen anbieten müssen. Entscheidend finde ich aber den Aspekt der Ermächtigung: Wir werden ermächtigt, den Konzernen gegenüberzutreten und zu sagen: Ich will, dass das repariert werden kann. Das ist wichtig, denn unsere Konsumprodukte sind darauf ausgelegt, uns zu bloßen Konsumentinnen zu machen und aus jeder Beschäftigung mit den Dingen auszusperren.

Stichwort „Blackboxing“: Was macht es mit unserem Verhältnis zur Technik, wenn wir Geräte nicht mehr öffnen können?

Das bedeutet eine Verunsichtbarung von Technik. Wir sehen nur noch glatte Interfaces, die Technik selbst scheint keine Relevanz mehr zu haben. Erst wenn Störungen auftreten, merken wir, wie fragil das alles ist – das haben wir unter Corona-Bedingungen erlebt, als plötzlich Videokonferenzen nicht funktionierten. Das Right to Repair ist auch ein Versuch, wieder eine Art von Zugang, eine Wiederaneignung unseres Verhältnisses zur Technik möglich zu machen.

Was hältst du von der Vision einer Circular Economy?

Kreislaufökonomie ist besser als lineare Ökonomie, keine Frage. Aber mir werden dabei zu viele Dinge in einen Topf geworfen. Recyceln und Reparieren sind zwei völlig unterschiedliche Dingverhältnisse. Das Recyceln will Produkte in ihre Bestandteile zerlegen und einer neuen Wertschöpfung zuführen – es kultiviert den Tauschwert. Das Reparieren will das Ding erhalten – es bewahrt den Gebrauchswert. Das könnte man als antikapitalistische Position sehen. Und ganz praktisch: Recyceln verbraucht wesentlich mehr Energie als Reparieren. Besser als Smartphones zu recyceln ist es, weniger Smartphones zu kaufen.

Was hast du zuletzt repariert?

Ich bringe eher zum Reparieren, wie mein Fahrrad zum Beispiel. Kürzlich habe ich aber sogar den kaputten Akku meines Laptops getauscht, das war gar nicht so leicht und mit Aufregung verbunden. Etwas routinierter bin ich beim Nähen oder als ich neulich meinen Lieblingssneaker geklebt habe. Aber ich fürchte, das wird nicht von langer Dauer sein – ein typisches Provisorium also.

Zum Weiterlesen:

Gabriele Schabacher: Infrastruktur-Arbeit. Kulturtechniken und Zeitlichkeit der Erhaltung, Berlin: Kadmos 2022.

Gabriele Schabacher: „Mediatoren des Klimas. Infrastrukturen und ökologische Krise“, in: Archiv für Mediengeschichte 21 (im Erscheinen): Infrastrukturen, S. 151-163.

Krebs, Stefan/Schabacher, Gabriele/Weber, Heike (Hrsg.): Kulturen des Reparierens. Dinge – Wissen – Praktiken, Bielefeld: Transcript 2018. (Open Access)

Graham, Stephen/Thrift, Nigel: Out of Order: »Understanding Repair and Maintenance«. In: Theory, Culture & Society, Nr. 24 (3) (2007), S. 1–25

Jackson, Steven J.: »Rethinking Repair«. In: Tarleton Gillespie/Pablo J. Boczkowski/Kirsten A. Foot (Eds): Media Technologies. Essays on Communication, Materiality, and Society, Cambridge, MA/London: MIT Press 2014, S. 221–239.

Orr, Julian E.: Talking About Machines. An Ethnography of a Modern Job, Ithaca/London: Cornell University Press 1996.

 

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Fotograf: Onur. Straßenansicht in Istanbul. (pexels)

Über Medien und Ökologie

Über Medien und Ökologie

Smartphones tracken unsere Körper, Computer errechnen Klimaprognosen, in Unternehmen entstehen digitale Ökosysteme, KI-Rechenzentren und Smartphones fressen Strom, Wasser und seltene Erden. Hennig Schmidgen, Professor für Wissenschaftsgeschichte und Medientheorie, erklärt wie sich die ebenso konkrete wie exotische Beziehung von Medien und Ökologie durchdenken lässt.

Medienökologie ist ein kleines, besonderes Forschungsfeld innerhalb der Medienwissenschaften. Wie wird das Verhältnis von Medien und Ökologie dabei erforscht?

Medialität und Ökologie zusammen zu denken, hat eine lange Tradition. Ein wichtiger Bezugspunkt ist Neil Postman, bekannt durch seinen medienkritischen Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode“. Er hatte in den 80er Jahren an der New York University eine Professur für „Media Ecology“ und hat sehr früh damit begonnen, die Umweltlichkeit von Medien zu beschreiben. Sein kritischer und stark normativer Blick richtete sich dabei auf das Fernsehen, das er nicht als technischen Apparat oder Massenmedium verstanden hat, sondern auf die Räume und Umgebungen eingegangen ist, die um das Fernsehen herum entstehen.

Ein anderer wichtiger Autor ist Matthew Fuller, der in den 90er und 2000er Jahren in ähnlicher Weise angefangen hat, sich mit den technischen Umwelten zu beschäftigen, die Medien etablieren. Er argumentiert dabei weniger normativ als Postman und konzentrierte sich sehr technisch auf die Produktionsbedingungen beispielsweise mit Blick auf freie Radiosender.

Dass technische Medien eigene Umwelten ausbilden, ist eine interessante und sehr experimentelle Übertragung des Umweltbegriffs. Was ist mit der Ökologie als Teil der Biologie?

Das ist richtig. Begriffe zu übertragen und neu zu verwenden, generiert neue Beschreibungsmöglichkeiten, beispielsweise für unsere „smarten“ digitalen Lebenswelten. Dabei ist es immer wichtig, diesen Einsatz von Begriffen zu hinterfragen und sie nicht zu modischen, unreflektierten Begriffen werden zu lassen. Im IT-Bereich ist heute allerorten von „Ökosystemen“ die Rede, um die Ubiquität und Vernetztheit digitaler Infrastrukturen zu beschreiben. Was der Begriff eigentlich bedeutet und was er beschreiben kann, bleibt dabei weitestgehend unreflektiert.

In Weimar entwickeln wir einen Masterstudiengang im Forschungsfeld Medienökologie und wollen uns neben den technischen Umwelten, die Medien ausbilden, auch mit der Begriffs- und Wahrnehmungsgeschichte der Ökologie als Wissenschaft beschäftigen. Dabei geht es darum, mit welchen technischen Medien die Ökologie ihr Wissen gewinnt, aber beispielsweise auch darum, wie stark Medien unser Verständnis der Natur prägen.

Die NASA-Fotos vom blauen Planeten haben nachweislich dazu beigetragen, ökologisches Bewusstsein zu fördern. Auch die Modellierung von Klimaentwicklungen ist ohne Computer undenkbar – ein technisch medialer Sachverhalt mitten in der Klimaforschung. Der Club of Rome hat ganz stark mit Modellen gearbeitet, um seine Prognosen über die „Grenzen des Wachstums“ zu erarbeiten.

Über Henning Schmidgen

Prof. Dr. Henning Schmidgen ist ausgebildeter Psychologe, Wissenschaftshistoriker und Medientheoretiker. Seit 2014 ist er Professor für Medientheorie und Wissenschaftsgeschichte an der Bauhaus-Universität Weimar. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medientheorie, Historische Epistemologie, Wissenschaftsgeschichte, Technikphilosophie und Maschinenkunst. Neben seinen umfangreichen wissenschaftlichen Publikationen hat er Aufsätze und Materialien zu Félix Guattari herausgegeben und übersetzt.

Die Medienwissenschaft arbeitet also mit einem sehr breiten Verständnis von „Medien“. Wie hängen der Medienbegriff und der Ökologiebegriff historisch miteinander zusammen?

 Natürlich denken die meisten von uns bei „Medien“ immer noch an „Massenmedien“ wie Radio, Internet, Fernsehen und die Presse. Der Medienbegriff hat aber eine lange und vielschichtige Entwicklung durchlaufen. Zunächst einmal sind Medien etwas Vermittelndes oder Dazwischenstehendes. Im späten 18. Jahrhundert wurden als Medien der Äther oder Fluida verstanden, die als Trägermedien Signale transportieren, also das Licht, das Wasser oder die Luft, die Signale zu uns tragen. Interessant ist, dass es schon hier mit diesen Elementen um natürliche Umwelten geht.

Historisch lässt sich dann gut nachvollziehen, wie der Begriff aus der Physik in die Biologie gewandert ist. Bei Biologen wie Cuvier und vor allem bei Lamarck im 19. Jahrhundert wurde daraus ein Umweltbegriff, bei dem die Umwelt Nahrung – Licht, Wasser – bereitstellt, um Organismen ihr Überleben zu sichern. Der Begriff „Ökologie“ wurde in den 1860er Jahren von Ernst Haeckel geprägt und bezog sich bei ihm auf das Zusammenleben unterschiedlicher Tierspezies in einer bestimmten abgegrenzten Gegend – das, was wir heute als Ökosystem bezeichnen würden.

Faszinierend ist, dass Alexander von Humboldt – neben Haeckel vielleicht der Begründer der Ökologie – einer der ersten war, der dieses vernetzte Verständnis von Natur erprobte. Er interessierte sich nicht nur für das, was er als Netzwerke der Natur bezeichnete, sondern auch für die technischen Medien, mit denen sich dieses Wissen visualisieren ließ – farbige Illustrationen und Dioramen.

Félix Guattari ist mit seinem Buch „Die Drei Ökologien“ einer der wichtigen Vordenker, mit dem du dich beschäftigt hast. Kannst du die drei Ebenen seiner „Ökosophie“ kurz skizzieren?

Das stimmt, ich halte die Arbeiten von Félix Guattari für einen wichtigen und sehr aufschlussreichen Denker für viele Fragen, die uns heute betreffen. In den Medien- und Kulturwissenschaften ist er als Ko-Autor und Freund von Gilles Deleuze bekannt. Ihn als eigenständigen Denker wahrzunehmen, ist eher eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

Guattari war Psychoanalytiker, Aktivist und Philosoph und hat zum Ende seiner Laufbahn – 1989, er war da um die 60 Jahre und starb wenig später, vollkommend überraschend – das Buch „Die drei Ökologien“ geschrieben. Darin stellt er eine These auf, die für uns heute enorm relevant ist. Sie lautet kurzgefasst: Wenn wir uns wirklich dem Klimaproblem und der Umweltverschmutzung stellen wollen, reicht eine Ökologie, die sich um die Frage der Natur dreht, nicht aus. Wir brauchen mindestens zwei weitere Ökologien, die unsere Formen des Zusammenlebens und unsere psychische und mentale Konstitution betreffen.

Erstens ist da die Umweltökologie. Die Probleme, die Guattari hier nennt, sind Fragestellungen der 80er Jahre: vor allem Umweltverschmutzung, zum Teil schon Erderwärmung, aber auch das Ozonloch. Das Interessante ist, dass dies von vornherein im Verbund mit vielen anderen Fragen gedacht wird. Guattari war Mitte der 80er in der damals erst in Frankreich entstehenden Partei der Grünen engagiert und hatte beispielsweise Kontakt und Austausch mit Daniel Cohn-Bendit. Man sollte diese explizit grüne Ausrichtung aus meiner Sicht aber nicht überbewerten. An den „Drei Ökologien“ ist vielmehr das Zusammendenken von Ökologischem, Sozialem und Psychischem interessant.

Zweitens geht es Guattari um eine soziale Ökologie, um eine Ökologie des Gesellschaftlichen. Guattari versteht darunter einerseits die alltägliche Qualität des Zusammenlebens. Seine Kritik daran ist, wie auch bei Deleuze, ganz klar von einer marxistischen Gesellschaftskritik geprägt. Es geht dabei immer um die Frage, wie wir uns die Natur und ihre Ressourcen durch Arbeit aneignen. Bei zeitgenössischen Autoren wie Kohei Saito steht diese ökologische Lesart des Marxismus wieder im Vordergrund. Das erscheint mir sehr interessant und relevant für heutige Fragestellungen.

Die dritte Ebene betrifft die mentale oder geistige Ökologie. Als Psychoanalytiker, der sein Leben lang in der psychiatrischen Klinik von La Borde arbeitete, fordert Guattari eine Ökologie des Subjekts. Damit meint er die Fähigkeit von Subjekten, der Herausforderung der Andersartigkeit des Anderen zu begegnen, der anders tickt und funktioniert, der eine andere Meinung hat. Guattari war überzeugt, dass es darum geht, diese Andersheit auf allen Ebenen zu kultivieren, damit Subjektivität nicht eindimensional bleibt, sondern sich weiterentwickeln kann. Ihm geht es um Singularität als die unreduzierbare Einzigartigkeit des Individuums.

Das heißt, für Guattari wäre die Klimakrise keine allein ökologische Krise, sondern eng verbunden mit kapitalistischer Ausbeutung natürlicher Ressourcen und einer Verarmung sozialer Beziehungen, einer Erosion politischer Institutionen und den damit verbundenen psychischen Problemen des Einzelnen. Wenn wir Antworten oder Lösungen suchen, müssen wir aus seiner Sicht die verschiedenen Ebenen der drei Ökologien in den Blick nehmen.

Dieser von Henning Schmidgen herausgegebene Sammelband skizziert anhand von fünf Gesprächen den Lebensweg des Psychaters, Aktivisten und Philosophen Félix Guattari (1930-1992). Ein guter Zugang zum Denken des Autors von „Die Ökologien“, in dem Guattari die drei Ebenen seiner „Ökosophie“ auffächert.

Der Band ist 2019 im Merve Verlag erschienen.

Theoretische Reflexion ist wichtig, aber was kann medienökologisches Denken angesichts der gegenwärtigen politischen Fragen der Klimakrise leisten?

Ein wichtiges Argument der Medienwissenschaft war und ist es, die materielle und technische Dimension von Medien in den Blick zu nehmen und sie als eine der Grundlagen für die Wirkung von Medien zu betrachten. Dabei ist die Medienwissenschaft aber nicht weit genug gegangen, denn sie hat zwar den Konnex von Technik und Kultur bearbeitet, aber noch nicht tief genug nach den Ressourcen gefragt, aus denen unsere digitale Kultur besteht.

Der finnische Medienwissenschaftler Jussi Parikka hat das mit seinem Buch „A Geology of Media“ nachgeholt und die Formen und Grundlagen unserer digitalen Welt durchdekliniert – von den Machtformationen aus Smartphones und sozialen Medien bis zur Geopolitik seltener Erden. Jennifer Gabrys hat ähnlich kritisch und mit akribischer Empirie über „Digital Rubbish“ geschrieben, den Elektroschrott, den unsere nur vorgeblich so körperlos wirkende digitale Welt auf zahlreichen Halden im globalen Süden hinterlässt. Beide Bücher sind klug, kritisch, exzellent geschrieben und eignen sich gut für alle, die sich mit dem Thema Medienökologie beschäftigen möchten.

Zum Weiterlesen:

Jussi Parikka, A Geology of Media, University of Minnesota Press, Minneapolis, 2015

Jennifer Gabrys, Digital Rubbish: A Natural History of Electronics, University of Michigan Press, Ann Arbor, 2011

Matthew Fuller, Media Ecologies: Materialist Energies in Art and Technoculture, MIT Press, Cambridge, MA, 2005

Florian Sprenger, Epistemologien des Umgebens: Zur Geschichte, Ökologie und Biopolitik künstlicher environments, transcript Verlag, Bielefeld, 2019

Florian Sprenger / Petra Löffler (Hrsg.), Medienökologien, Zeitschrift für Medienwissenschaft 17 (2/2017), diaphanes, Zürich/Berlin, 2017

 

Beitragsbild oben:

Ernst Haeckel – Kunstformen der Natur (1904), plate 85: Ascidiacea

(Gemeinfrei, Wikimedie commons)

Rewilding – Ein Konzept für Naturschutz und Regionalentwicklung

Rewilding – Ein Konzept für Naturschutz und Regionalentwicklung

Wisente, Wölfe und Wirtschaftswachstum – geht das zusammen? Im Oderdelta an der deutsch-polnischen Grenze hat das Forschungsprojekt REWILD_DE erforscht, wie Naturschutz und Regionalentwicklung voneinander profitieren können. Projektkoordinatorin Stephanie Jahn erzählt, warum „Wiederverwilderung“ der Natur und den Menschen in der Region gut tut.

Was unterscheidet Rewilding eigentlich vom klassischen Naturschutz?

Es gibt unterschiedliche Rewilding-Verständnisse. Während traditionelle Rewilding-Konzepte oft auf die Wiederherstellung bestimmter historischer Naturzustände abzielen, sind moderne Rewilding-Ansätze eher prozessorientiert. Sie fokussieren auf die Stärkung ökologischer Funktionen und die miteinander verflochtene Entwicklung von natürlichen und gesellschaftlichen Lebensräumen.

Rewilding greift viele etablierte Naturschutzmaßnahmen auf, setzt aber neue Akzente und eröffnet die Möglichkeit, bestehende Maßnahmen aus anderen Perspektiven zu betrachten, neu zu verknüpfen und vor allem neue Akteurskonstellationen zusammenzuführen.

Rewilding kann auch außerhalb von abgeschlossenen Schutzgebieten stattfinden. Wir verstehen Rewilding als einen Ansatz, der zu einem vielfältigen Landschaftsmosaik mit unterschiedlichen Nutzungsintensitäten führt – von Schutzgebieten über naturnahe bis zur intensiven Landwirtschaft. Das Ziel sind sich selbst erhaltende und widerstandsfähige Ökosysteme, die auch in von Menschen genutzten Räumen funktionieren.

Foto von Stephanie Jahn - Projektkoordinatorin von Rewild_De

Über Stephanie Jahn

Stephanie Jahn ist Soziologin und promovierte Nachhaltigkeitswissenschaftlerin. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Forschung und Praxis und befasst sich damit, wie inter- und transdisziplinäre Ansätze gesellschaftlichen Wandel unterstützen können.

Wie ist das Forschungsprojekt entstanden und warum habt ihr das Oderdelta untersucht?

Der Verein Rewilding Oderdelta ist auf das Umweltforschungszentrum zugekommen, weil das Forschungsministerium Projekte zur Artenvielfalt gefördert hat. Sie haben wissenschaftliche Unterstützung für ihre Arbeit gesucht. Das Oderdelta bot sich als Fallstudiengebiet an, weil es eine von elf europäischen Rewilding-Regionen ist, die von dem Netzwerk Rewilding Europe ausgewiesen wurden.

Die Region verfügt über drei große Naturparks – Stettiner Haff, Flusslandschaft Peenetal und Insel Usedom. Dort gibt es dichte Wälder, weite Feuchtgebiete und wenig verbaute Küsten. Diese vielfältige Natur ist Lebensraum für die sogenannten „Big Seven“: Seeadler, Biber, Wolf, baltischer Stör, Kegelrobbe sowie Elch und Wisent – wobei die letzten beiden bisher nur auf polnischer Seite leben.

Besonders beeindruckend war für mich auch der Anklamer Stadtbruch. Dort ist vor einigen Jahren ein Deich gebrochen, seitdem stehen ein Waldstück und ehemalige landwirtschaftliche Flächen unter Wasser – ein Paradies für Vögel und Seeadler.

Wie habt ihr die Menschen vor Ort eingebunden?

Der Verein Rewilding Oderdelta war unser Türöffner vor Ort. Sie hatten bereits etablierte Kontakte zu vielen regionalen Akteuren, etwa aus der Kommunalpolitik, zum Bauernverband oder auch zu lokalen Unternehmen – diese Vernetzung war absolut entscheidend für unsere Arbeit. In unseren qualitativen Interviews haben wir festgestellt: Die Menschen schätzen ihre Landschaft, zeigen aber durchaus Skepsis gegenüber klassischen Naturschutzkonzepten, die gerade für die Landwirtschaft eine Herausforderung sind.

Uns war es sehr wichtig, die Menschen vor Ort einzubinden. Deshalb haben wir verschiedene Partizipationsformate entwickelt: Landschaftsspaziergänge, Szenarien-Workshops, Diskussionsrunden – sogar einen Liederabend haben wir veranstaltet, um das Thema auch emotional erfahrbar zu machen. Die zentrale Frage war immer: In welchen Landschaften wollen wir zusammen leben?

Mit einem Biobetrieb im Dorf Rothenklempenow haben wir ein Projekt gestartet, wie sich Landwirtschaft noch naturnäher gestalten lässt. Ein kleines Beispiel dafür sind die Randstreifen entlang der Äcker. Anstatt sie jedes Jahr raspelkurz zu mähen, kann man die Pflanzen dort wachsen lassen oder Büsche pflanzen. Das verbessert den Wasserhaushalt, spendet Schatten auf Weideflächen und schafft gleichzeitig Wildtierkorridore.

Cover/Ansicht - Rewilding Oderdelta - Ein Werkstattbuch, oekom Verlag, 2025

Johannes Schiller (Hrsg.), Uta Berghöfer (Hrsg.), Stephanie Jahn (Hrsg.) „Rewilding am Oderdelta. Landschaften gemeinsam gestalten. Ein Werkstattbuch“, oekom Verlag, 2025.

 

Ökologie und Ökonomie – Wie geht das im Oderdelta zusammen?

Unsere regionalwirtschaftliche Analyse hat gezeigt: Es gab bisher wenige Unternehmen, die aus dieser atemberaubenden Naturlandschaft nachhaltige Geschäftsmodelle oder naturnahen Tourismus abgeleitet haben. Wir haben aber Leuchtturm-Beispiele gefunden – naturnahe Fischerei mit „Sea Ranger“-Touren, Nature Guides oder ein energieautarkes Hotel.

In unserer Unternehmensumfrage hat sich herausgestellt: Die meisten kannten weder das Rewilding-Konzept noch wussten sie, dass sie in einer europäischen Rewilding-Region ansässig sind. Trotzdem sehen viele der Befragten Potenzial in einer wilderen Natur – fürs Marketing, neue Kundengruppen oder um Touristen ins Küstenhinterland zu locken statt direkt an die Ostsee.

Der Verein Rewilding Oder Delta hat auch einen Landscape Business Plan mit konkreten Ideen entwickelt: Naturtourismus, Produkte aus Holz, Beeren und Pilzen, extensive Weidehaltung auf wiedervernässten Flächen, Bildungsangebote und perspektivisch die Zertifizierung von CO2-Einsparungen. Besonders die Moorwiedervernässung hat enormes Potenzial – trockengelegte Moore verursachen 7,5 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes. Das erfordert natürlich drastische Nutzungsumstellungen in der Landwirtschaft, aber der Klimaschutzeffekt wäre enorm.

Wie fügt sich eure Arbeit in die aktuelle Naturschutzpolitik ein?

Das europäische Nature Restoration Law fordert, bis 2030 zwanzig Prozent der Land- und Meeresflächen zu renaturieren. Aktuell befinden sich fast 70 Prozent der Lebensräume in Deutschland in unzureichendem bis schlechtem Zustand. Der etablierte Naturschutz ist in den letzten Jahren an seine Grenzen gestoßen – neue Schutzgebiete auszuweisen ist immer schwieriger geworden.

Mit einem ganzheitlichen Verständnis von Rewilding, das regionale Bedarfe einbezieht, hoffen wir, wieder mehr Handlungsspielraum zu schaffen, auch weil wir Natur und Gesellschaft stärker zusammendenken. Unser Werkstattbuch dokumentiert diese Erfahrungen für alle, die sich für Rewilding interessieren und ähnliche Konzepte vielleicht auch in ihrer Region umsetzen möchten.

Mehr Infos:

Informationen zum Verein Rewilding Oder Delta und dem Netzwerk Rewilding Europe

Zum Projekt Rewild_De: Das Werkstattbuch mit allen Projekten und Ergebnissen ist im oekom Verlag erschienen.

 

Beitragsbild oben: Foto von Florian Möllers / Rewilding Europe
Der Sound des Klimawandels

Der Sound des Klimawandels

Ludwig Berger ist Klangkünstler. Seine Installationen und Performances machen unhörbare Prozesse in der Natur akustisch erfahrbar – von schmelzenden Gletschern bis zu den Vibrationen von Insekten. Im Interview erklärt er, warum gerade Sound uns neue Perspektiven auf ökologische Zusammenhänge eröffnet.

„Sound Art“ oder „Klangkunst“ – das ist ein sehr offener Begriff. Was machst du genau und wie bist du dazu gekommen?

Mir gefällt gerade dieses Offenheit, denn ich mache viele verschiedene Dinge, die mit Sound zu tun haben wie Klanginstallationen, Radiostücke, Performances, Hörspaziergänge oder Tonträger. Um es auf den Punkt zu bringen, könnte man vielleicht sagen, dass ich mit aufgenommenen Klängen arbeite, die (noch) nicht Musik sind.

Mein Hintergrund ist die elektroakustische Komposition, die ich in an der Hochschule für Musik Weimar studiert habe. Dort lernt man, wie man mit aufgenommenen Klängen komponiert – das hat seine Wurzeln in der Musique concrète der 50er Jahre. Die Idee war, mit dem Material der realen Welt Musik zu erschaffen. Aber mich hat von Anfang an der Kontext der Klänge interessiert. Während meine Kommiliton:innen abstrakte Collagen machten, haben mich Orte fasziniert – ihre Identität und wie man diesen Kontext als Teil der Komposition behandeln kann.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger auf dem Morteratsch Gletscher

Foto: Lutz Stautner und Philipp Becker.

Wie gehst du dabei vor? Wie näherst du dich einem Ort an?

Mich interessiert weniger, Klänge von unterschiedlichsten Orten zu sammeln. Ich arbeite lieber mit wenigen Orten, die ich dafür regelmäßig besuche und immer besser kennenlerne. Es geht mir darum, eine Beziehung zu entwickeln und in die Tiefe zu gehen.

Ich habe eine ganze Palette an Mikrofonen dabei: Hydrofone für Unterwasseraufnahmen, Kontaktmikrofone, die ich an Pflanzen klebe, elektromagnetische Sensoren für Strahlungsfelder. Und ich versuche nicht puristisch vorzugehen – meine eigene Präsenz filtere ich nicht heraus, sondern arbeite produktiv damit. Im Moor zum Beispiel grabe ich Mikrofone in den Torf ein und stelle mich darauf, verlagere langsam mein Gewicht. Das komprimiert und dekomprimiert das Moos – es klingt wie Atmen. Die Mikrofone werden zu einem Körper, der zwischen mir und der Landschaft vermittelt.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger auf dem Morteratsch Gletscher

Foto: Bruno Augsburger

Über Ludwig Berger

Ludwig Berger ist Klangkünstler und erforscht die akustischen Dimensionen von Landschaften. Er studierte elektroakustische Komposition in Weimar und arbeitete bis 2022 am Institut für Landschaftsarchitektur der ETH Zürich. Seine Projekte „Crying Glacier“ dokumentiert den schmelzenden Morteratsch-Gletscher, „Photosynthetic Beats“ macht Photosynthese hörbar. Für die Architekturbiennale Venedig schuf er „Ecotonalities“, eine Installation über die Klangwelten technischer Infrastrukturen und ihre ökologischen Übergangszonen. Berger kollaboriert mit Biolog:innen zur vibrationalen Kommunikation von Insekten.

Warum ist gerade Sound ein so interessantes Medium für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur?

Durch das Hören kann man sehr viel über seine Umgebung lernen. Ich mag diesen Moment des Staunens – wenn man plötzlich etwas hört, wo man nie gedacht hätte, dass es so klingt. Man kann nicht sehen, wie viele Insekten auf einer Wiese sind, aber man hört ziemlich schnell, wie lebendig sie ist, wenn man durch die Arbeit am Sound die Wahrnehmung und den Maßstab verändert.

Was mich besonders fasziniert: Je kleiner die Dinge sind, umso größer klingen sie oft. Sobald man ganz nah dran ist, füllt es plötzlich den ganzen Klangkörper. Bei der vibrationalen Kommunikation von Insekten zum Beispiel – Läuse sind unglaubliche Sänger, sie singen melancholische Lieder, von denen wir nichts hören, weil sie in einem anderen Medium kommunizieren. Mit Laser-Doppler-Vibrometern kann man alle Signale hören, die in einer Pflanze übertragen werden. Da tut sich eine ganz neue Welt auf.

 

Du hast über mehrere Jahre dem Morteratsch-Gletscher beim Schmelzen zugehört. Wie kam es dazu und was hast du dort entdeckt?

Das Projekt begann 2016 als Kurs an der ETH Zürich. Wir wollten den Klimawandel hörbar machen anhand von etwas, was direkt vor unserer Haustür ist. In der Schweiz sind die Gletscher landschaftsprägend – und sie verschwinden.

Ich gehe auf den Gletscher und lasse Unterwassermikrofone in wassergefüllte Spalten. In dem Moment ist man wie mit dem ganzen Gletscher verbunden – wie ein Stethoskop, mit dem man den Körper abhört. Man hört Tropfen, Fließen vom Schmelzwasser, tiefe Schläge und Knacken vom Eis. Aber die Klänge, die mich am meisten interessieren, kommen von Luftblasen, die im Eis eingeschlossen sind – teilweise hunderte Jahre alte Luft. Wenn diese Bläschen schnell genug austreten, entstehen Melodien, die wie elektronische Musik klingen, wie Vogelgezwitscher oder menschliche Stimmen.

Seit ich 2016 angefangen habe, muss ich jetzt eine gute halbe Stunde mehr den Berg hochgehen, um überhaupt zum Gletscher zu gelangen. Die Stelle, wo ich vor zwei Jahren aufgenommen habe, ist nur noch eine Steinwüste. An einem heißen Sommertag können eine Million Tonnen Eis abschmelzen. Diese Wassermassen spürt man – der Gletscher hinterlässt eine Wüste, wo immer wieder Geröll runterkracht. Es hat noch diese hochalpine, kristalline Schönheit, aber man merkt auch, wie alles zusammenbricht.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger bei Aufnahmen für seine Klanginstallation Ecotonalities

Foto: Valentin Bansac

In deinem Projekt „Ecotonalities“ für den Luxemburger Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig untersuchst du die Klangwelten technischer Infrastrukturen. Was war die Idee dahinter?

Wir haben Datenzentren, Satellitenanlagen, schwimmende Photovoltaikanlagen und Windkraftanlagen in Luxemburg aufgenommen – diese neue Landschaft, die sehr im Kommen ist. Es ging darum, ein Gefühl dafür zu bekommen: Wie klingt überhaupt ein Datenzentrum? Aber auch das Verhältnis dieser Orte zu ihrer Umgebung zu untersuchen.

Ich bin auf den Begriff des „Ökotons“ gestoßen – in der Ökologie bezeichnet das eine Übergangszone zwischen zwei Ökosystemen. Wir haben das verwendet für die Übergangszonen zwischen menschlicher Infrastruktur und den umliegenden Ökosystemen. Während man visuell klare Grenzen hat zwischen diesen Territorien, ist es akustisch viel mehr überlappend.

Am Satellitenpark, wo menschliche Daten übertragen werden, hört man Schwärme von Staren – das klingt wie Radiosignale. Es geht mir darum, diese Parallelität zu zeigen: dass es auch bei Tieren Energieproduktion und Datenübertragung gibt. Aber auch klarzustellen, dass bestimmte Machtverhältnisse im Klang hörbar sind. In der Bioakustik spricht man von Klang als Ressource – Tiere sind angewiesen auf akustische Kommunikation. Die Ressource ist quasi die Stille. Sobald wir Klänge produzieren, ist diese Ressource nicht mehr da für andere.

Wie erleben Menschen deine Installationen?

Bei „Ecotonalities“ betritt man einen abgedunkelten Raum mit 24 Lautsprechern. In der Mitte ist eine Plattform mit Vibrationslautsprechern, die die Plattform in Schwingung bringen. Die Leute legen sich darauf und hören die Klänge nicht nur, sondern spüren sie im ganzen Körper – wenn eine Heuschrecke in einem Grashalm vibriert, vibriert die ganze Plattform.

Die Reaktionen reichen von körperlich bis sehr emotional. Beim Gletscherprojekt beschreiben Leute, dass sie anfangen zu weinen. Wir geben Gefühlen, die mit dem Klimawandel zu tun haben, oft nicht genügend Raum. Wenn man sich wirklich hinsetzt und genau hört, was gerade passiert, ist es erschreckend – aber es hat auch etwas Verbindendes. Viele sind dankbar für diesen Raum, auch um zu trauern. Aber mir ist wichtig, dass es nicht nur schwer ist – es gibt auch leichte, lustige Momente. Manche Gletscherklänge erinnern an Körpergeräusche, bei den Insekten gibt es sehr lustige Klänge. Es soll auch etwas Unterhaltsames haben.

Mehr Infos:

Auf Ludwig Bergers Website finden sich alle Infos und Bilder zu seinen Arbeiten und Projekten.

Mehr Bilder zu der Installation „Ecotonalities“ gibt es auf der Seite der Venedig Biennale 2025.

Die New York Times hat „Crying Glacier“ in ihre Dokumentarfilmplattform aufgenommen.

Ludwigs Buchtipp: Donna Haraway, Staying with the Trouble, Duke University Press, 2016 (Deutsche Übersetzung im Campus Verlag).

Beitragsbild oben: Foto von Lutz Stautner und Philipp Becker
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