Die unsichtbare Kunst des Reparierens
Wir brauchen grünes Wachstum und Innovationen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Aber die ersten Schritte sind einfacher. Nachhaltigkeit heißt im Kern: erhalten statt entsorgen, pflegen statt verbrauchen und deshalb müssen wir mehr reparieren. Prof. Dr. Gabriele Schabacher erforscht diese unsichtbare Praxis, die unsere technische Welt am Laufen hält – und manchmal auf Umwegen etwas Neues erfindet.
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Gabriele, du beschäftigst dich mit Reparatur. Warum interessiert dich als Kulturwissenschaftlerin dieses Thema?
Mich hat fasziniert, dass Reparatur ein unterschätztes Phänomen ist. Das Ergebnis einer Reparatur ist ja nicht mehr zu sehen – und genau das hat das Reparieren immer sekundär erscheinen lassen gegenüber dem Erfinden und Herstellen. Dabei stimmt das aus kulturwissenschaftlicher Perspektive überhaupt nicht. Viele große Technikerfindungen sind entstanden, weil etwas kaputt ging, man versuchte, es zu reparieren, das nicht klappte, und man dann eine andere Lösung finden musste. Das Reparieren greift also in Prozesse des Erfindens ein – und ermöglicht eine andere Erzählung von Technik- und Kulturgeschichte.
Du hast dich auch mit Workarounds beschäftigt – Behelfslösungen, die eigentlich provisorisch sind, aber oft dauerhaft bleiben.
Genau, wir kennen das alle: der Eimer unter der tropfenden Spüle. Diese Provisorien können erstaunlich beharrlich sein. Sie zeigen, dass Reparieren nicht immer bedeutet: Problem gelöst, alles wieder gut. Manchmal bleiben Dinge in einem Übergangsstadium, weil sie es ermöglichen, einfach weiterzumachen. Das verweist auf eine wichtige Einsicht: Reparatur ist eine transformative Tätigkeit. Ein repariertes Ding ist nicht mehr das Original – es hat einen Durchlauf durch die Reparatur genommen und wurde dabei verändert.
Foto: Stephanie Füssenich
Über Gabriele Schabacher
Prof. Dr. Gabriele Schabacher ist Professorin für Medienkulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind kulturwissenschaftliche Infrastrukturforschung, KI und Überwachung, Mediengeschichte des Verkehrs und Mobilities Studies, Kulturtechniken des Reparierens sowie Serialität und Autobiografik.
In ihrer neuesten Publikation beschäftigt sie sich aus medienwissenschaftlicher Perspektive mit der Rolle von Infrastrukturen im Zeitalter des Klimawandels: „Mediatoren des Klimas. Infrastrukturen und ökologische Krise“, in: Archiv für Mediengeschichte Band 21 Infrastrukturen (im Erscheinen).
Nicht nur einzelne Dinge müssen repariert werden, sondern auch ganze Infrastrukturen. Was lernen wir darüber aus einer Perspektive der Reparatur?
Bei Infrastrukturen wird besonders sichtbar, dass Reparatur kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein permanenter Prozess. Beim BER etwa haben wir gesehen, wie Dinge veralteten und gewartet werden mussten, obwohl sie noch gar nicht in Betrieb waren. Man musste ständig eine U-Bahn durch den Tunnel fahren lassen, damit er nicht schimmelt. Das setzt voraus, was der Reparaturforscher Steven Jackson „Broken World Thinking“ nennt: die Einsicht, dass die Welt die ganze Zeit im Prozess ist und ständig etwas kaputt gehen kann. Infrastrukturen, die immer so stabil wirken, befinden sich eigentlich in einem permanenten Transformationsprozess. Ich nenne das in meinem Buch „Infrastruktur-Arbeit“ – eine Tätigkeit, die notwendig ist, damit diese großen Systeme überhaupt am Laufen bleiben.
Reparatur ist etwas sehr Praktisches. Wie gewinnt man daraus als Wissenschaftlerin theoretisches Wissen?
Das ist nicht einfach, weil vieles beim Reparieren nicht explizit gemacht wird. Es ist implizites Wissen, das in der Intuition und im körperlichen Handling der Leute liegt. Eine berühmte Studie zu Automechanikern hat gezeigt, dass die unheimlich viel horchen. Am Klang der Maschine erkennen sie, was kaputt ist. Solches Wissen ist nur durch ethnografische Forschung zu heben. Historisch ist es noch schwieriger, weil es kaum schriftliche Quellen gibt. Letztlich muss man die Menschen und die Orte aufsuchen, wo repariert wird.
Die EU hat ein Right to Repair auf den Weg gebracht. Was hältst du davon?
Ich finde es grundsätzlich gut, dass das Thema politisch aufgegriffen wird. Allerdings bezieht sich das Recht zunächst nur auf bestimmte Produktgruppen und garantiert nicht, dass wir selbst reparieren können – sondern dass die Hersteller Reparaturen anbieten müssen. Entscheidend finde ich aber den Aspekt der Ermächtigung: Wir werden ermächtigt, den Konzernen gegenüberzutreten und zu sagen: Ich will, dass das repariert werden kann. Das ist wichtig, denn unsere Konsumprodukte sind darauf ausgelegt, uns zu bloßen Konsumentinnen zu machen und aus jeder Beschäftigung mit den Dingen auszusperren.
Stichwort „Blackboxing“: Was macht es mit unserem Verhältnis zur Technik, wenn wir Geräte nicht mehr öffnen können?
Das bedeutet eine Verunsichtbarung von Technik. Wir sehen nur noch glatte Interfaces, die Technik selbst scheint keine Relevanz mehr zu haben. Erst wenn Störungen auftreten, merken wir, wie fragil das alles ist – das haben wir unter Corona-Bedingungen erlebt, als plötzlich Videokonferenzen nicht funktionierten. Das Right to Repair ist auch ein Versuch, wieder eine Art von Zugang, eine Wiederaneignung unseres Verhältnisses zur Technik möglich zu machen.
Was hältst du von der Vision einer Circular Economy?
Kreislaufökonomie ist besser als lineare Ökonomie, keine Frage. Aber mir werden dabei zu viele Dinge in einen Topf geworfen. Recyceln und Reparieren sind zwei völlig unterschiedliche Dingverhältnisse. Das Recyceln will Produkte in ihre Bestandteile zerlegen und einer neuen Wertschöpfung zuführen – es kultiviert den Tauschwert. Das Reparieren will das Ding erhalten – es bewahrt den Gebrauchswert. Das könnte man als antikapitalistische Position sehen. Und ganz praktisch: Recyceln verbraucht wesentlich mehr Energie als Reparieren. Besser als Smartphones zu recyceln ist es, weniger Smartphones zu kaufen.
Was hast du zuletzt repariert?
Ich bringe eher zum Reparieren, wie mein Fahrrad zum Beispiel. Kürzlich habe ich aber sogar den kaputten Akku meines Laptops getauscht, das war gar nicht so leicht und mit Aufregung verbunden. Etwas routinierter bin ich beim Nähen oder als ich neulich meinen Lieblingssneaker geklebt habe. Aber ich fürchte, das wird nicht von langer Dauer sein – ein typisches Provisorium also.
Zum Weiterlesen:
Gabriele Schabacher: Infrastruktur-Arbeit. Kulturtechniken und Zeitlichkeit der Erhaltung, Berlin: Kadmos 2022.
Gabriele Schabacher: „Mediatoren des Klimas. Infrastrukturen und ökologische Krise“, in: Archiv für Mediengeschichte 21 (im Erscheinen): Infrastrukturen, S. 151-163.
Krebs, Stefan/Schabacher, Gabriele/Weber, Heike (Hrsg.): Kulturen des Reparierens. Dinge – Wissen – Praktiken, Bielefeld: Transcript 2018. (Open Access)
Graham, Stephen/Thrift, Nigel: Out of Order: »Understanding Repair and Maintenance«. In: Theory, Culture & Society, Nr. 24 (3) (2007), S. 1–25
Jackson, Steven J.: »Rethinking Repair«. In: Tarleton Gillespie/Pablo J. Boczkowski/Kirsten A. Foot (Eds): Media Technologies. Essays on Communication, Materiality, and Society, Cambridge, MA/London: MIT Press 2014, S. 221–239.
Orr, Julian E.: Talking About Machines. An Ethnography of a Modern Job, Ithaca/London: Cornell University Press 1996.
Beitragsbild oben:
Fotograf: Onur. Straßenansicht in Istanbul. (pexels)








