Kohle machen für’s Klima

Kohle machen für’s Klima

„CDR“ hinter diesen drei Buchstaben verbirgt sich eine ganze Reihe von Technologien, um CO2 aus der Erdatmosphäre zu entfernen (Carbon Dioxide Removal). Das Hamburger Startup Novocarbo nutzt dafür keine aufwendigenFilteranlagen, sondern einen von Menschen seit Jahrtausenden genutzten Stoff – Pflanzenkohle. Esther Jakel arbeitet dort als Wissenschaftlerin und entwickelt neue Einsatzmöglichkeiten für ein Material, das Kohlenstoff dauerhaft speichert, Böden verbessert und Baustoffe aufwerten kann.

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Esther, warum reicht es nicht den CO₂-Ausstoß zu reduzieren und wozu braucht es CDR?

Weniger ausstoßen ist absolut notwendig, aber es wird nicht reichen. Wir haben in den letzten drei Jahren bereits die 1,5-Grad-Marke überschritten. Alle Modellierungen zeigen: Wenn wir bis 2050 klimaneutral sein wollen, müssen wir zusätzlich zur Emissionsreduktion auch aktiv CO₂ aus der Atmosphäre zurückholen. Wir stoßen jährlich etwa 40 Gigatonnen CO₂ aus – rund ein Viertel davon müssen wir künftig durch Negativemissionen kompensieren.

Außerdem gibt es Industrien, die sich nicht vollständig dekarbonisieren lassen. Bei der Zementherstellung beispielsweise wird CO₂ chemisch aus dem Material freigesetzt. In der Stahlindustrie dient Kohlenstoff als Reduktionsmittel. Für solche Restemissionen brauchen wir Technologien die CO₂ wieder aus der Atmosphäre holen.

Die bekannteste Methode ist Direct Air Capture. Warum setzt ihr auf Planzenkohle und was kann dieser Stoff?

Direct Air Capture funktionieren wie große CO₂-Staubsauger, deren Betrieb extrem teuer und energieintensiv ist. Würde man fossile Energie für den Betrieb verwenden, wäre der ganze Zweck verfehlt.

Wir nutzen, was die Natur ohnehin kann: Pflanzen ziehen über Photosynthese CO₂ aus der Luft und bauen den Kohlenstoff in ihre Biomasse ein. Normalerweise wird der beim Absterben wieder freigesetzt. Wir unterbrechen diesen Kreislauf, indem wir die Biomasse durch Pyrolyse in Pflanzenkohle umwandeln, deren chemisch stabile Form Mikroorganismen nicht mehr zersetzen können. Je nach Qualität bleibt der Kohlenstoff so Jahrhunderte bis Jahrmillionen gespeichert.

Jonas Drechsel, Foto von Emad Ette

Foto: novocarbo

Über Esther Jaekel

Esther ist Chemikerin und Wissenschaftlerin beim Hamburger Startup Novocarbo, wo sie für Qualitätskontrolle, Produktentwicklung und industrielle Anwendungen von Pflanzenkohle verantwortlich ist. Zuvor hat sie Chemie studiert und sich während ihrer Promotion mit grüner Chemie und Biopolymeren beschäftigt.

„Pyrolyse“ klingt nach Chemieunterricht. Wie funktioniert das konkret?

Im Prinzip ist es eine sehr alte Technologie – Köhlerei ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit. Wir machen das nun mit modernen Anlagen. Die Biomasse – Altholz, Grünschnitt oder Nussschalen – wird bei 600 bis 800 Grad unter Sauerstoffausschluss erhitzt. Der Kohlenstoff konzentriert sich und bildet ein stabiles Gerüst: die Pflanzenkohle.

Hinz kommt der Vorteil, dass sich der Prozess energetisch selbst trägt – wie ein Streichholz, das man nur einmal anzünden muss. Die Pyrolysegase werden verbrannt und liefern die Energie für den Betrieb. Darüber hinaus fallen rund 30 Prozent der im Einsatzstoff enthaltenen Energie als nutzbare Wärme an, die wir an Stadtwerke verkaufen, die sie ins Fernwärmenetz einspeisen.

Drei Produkte aus einem Prozess – wie sieht euer Geschäftsmodell aus?

Wir haben drei Einnahmequellen: die Pflanzenkohle als Produkt, die Abwärme aus dem Pyrolyse-Prozess und die Kohlenstoffentnahmezertifikate. Das Geschäftsmodell braucht alle drei. Wir setzen das in sogenannten Carbon Removal Parks um – unser erster steht nahe der Ostseeküste in Grevesmühlen. Dort nehmen uns die Stadtwerke nehmen die Wärme ab und nutzen sie als nachhaltige Fernwärme. Für die Planung neuer Parks ist die Wahl des Standortes sehr wichtig, damit solche Synergieeffekte entstehen.

Pyrolyse-Anlage im Carbon Removal Park Baltic Sea.

Foto: novocarbo

Die Pflanzenkohle selbst ist auch sehr vielseitig einsetzbar. Was kann dieser unscheinbare Stoff?

Pflanzenkohle ist ein Bodenverbesserer und die landwirtschaftliche Nutzung gibt es schon sehr lange. Schon vor Tausenden von Jahren wurde im Amazonasgebiet Holzkohle in den Boden eingebracht – die sogenannte „Terra Preta“. Die hohe Porosität der Pflanzenkohle wirkt wie ein Schwamm, der Wasser speichert und Mikroben können sich dort einnisten.

Pflanzenstoff lässt sich aber auch als Zuschlagstoff für Asphalt benutzen. Genau wie landwirtschaftliche Böden kann auch die Straße eine permanente Senke sein, weil der Asphalt im Straßenbau zu fast hundert Prozent recycled wird und der Kohlenstoff in der Pflanzenkohle so dauerhaft im System bleibt.

Darüber hinaus arbeiten wir an Anwendungen in Beton, Kunststoff und sogar in der Stahlproduktion. Uns ist wichtig, dass die Kohle nicht nur speichert, sondern auch Materialeigenschaften verbessert – etwa indem sie CO₂-intensive Stoffe wie Zement oder fossile Kohlenstoffe teilweise ersetzt.

Wie bist du als Chemikerin zur Pflanzenkohle und zu novocarbo gekommen?

Das war ein bisschen Zufall. Nachhaltigkeit ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt und ich habe Chemie studiert, weil ich glaube, dass sich damit in diesem Bereich sehr viele Probleme lösen lassen. Während der Promotion habe ich mich mit grüner Chemie und Biopolymeren beschäftigt. Dann bin ich auf die Stellenanzeige von Novocarbo gestoßen. Mit Pflanzenkohle hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht intensiv beschäftigt, wollte aber sofort mehr darüber wissen.

Heute ist mein Alltag aufgeteilt zwischen Labor und Büro. In Hamburg habe ich ein Labor für Qualitätskontrolle und Produktentwicklung aufgebaut. Dort arbeite ich daran den Pyrolyseprozess und die Qualität unserer Pflanzenkohle zu verbessern. Das ist auch eine Art Materialforschung, bei der ich sehr eng mit unseren Kunden zusammenarbeite, die Pflanzenkohle für ihre Anwendungen nutzen möchten.

CDR-Zertifikate – vom Freikauf zum Pflichtmarkt?

Unternehmen wie Microsoft oder Google kaufen CDR-Zertifikate bisher freiwillig, um Restemissionen auszugleichen. Der Markt existiert erst seit 2019 und ist stark konzentriert: 2025 entfielen rund 90 Prozent des Handelsvolumens auf einen einzigen Käufer – Microsoft. (1) Eine gesetzliche Pflicht gibt es nicht.

Das könnte sich ändern. Die EU-Kommission muss bis Juli 2026 prüfen, ob permanente CO₂-Entnahmen in den Emissionshandel (EU ETS) integriert werden. (2) Die zentrale Sorge: Werden CDR-Credits zu früh und zu billig verfügbar, könnten Unternehmen ihre Dekarbonisierung hinauszögern.  Der EU-Zertifizierungsrahmen CRCF, seit 2024 in Kraft, soll dem mit strengen Qualitätskriterien entgegenwirken. Forschende des Potsdam-Instituts und der ETH Zürich schlagen dafür einen Stufenplan vor: zunächst getrennte Systeme mit strengen Regeln, dann schrittweise Integration kontrollierter Mengen, schließlich volle Verschmelzung von Emissions- und CDR-Markt. (3)

Quellen:

(1) Heatmap News, „After a Slow 2025, Where Does Carbon Removal Go From Here?“

(2) EU-Kommission, Carbon Removals and Carbon Farming.

(3) Sultani, D. et al. (2024): Sequencing CDR into the EU ETS, CESifo Working Paper No. 11173, München.

Beitragsbild oben: novocarbo

Was macht eigentlich eine Nachhaltigkeitsmanagerin?

Was macht eigentlich eine Nachhaltigkeitsmanagerin?

Lea Albrecht arbeitet bei der Sparda-Bank München und kümmert sich dort um alles, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat – von der CO2-Bilanz bis zur Nachhaltigkeitskommunikation. Im Interview erzählt sie, was Nachhaltigkeit bei einer Genossenschaftsbank bedeutet, wie Digitalisierung ihre Arbeit verändert und warum der Job einer Nachhaltigkeitsmanagerin in Zukunft ein anderer sein wird.

Nachhaltigkeit bei einer Bank, was muss man sich darunter vorstellen?

Nachhaltigkeit hat in Unternehmen und auch bei einer Bank immer zwei Dimensionen. Die erste betrifft unseren eigenen Geschäftsbetrieb: Wir beziehen zu 100 Prozent zertifizierten Ökostrom, der Großteil unserer Mitarbeitenden kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zur Arbeit, und all das fließt jährlich in unsere CO2-Bilanz ein. Die zweite Dimension geht darüber hinaus: Wie gehen wir mit dem Geld unserer Kunden um? Wir haben feste Anlagekriterien, die bestimmte Investitionen ausschließen – etwa bei Menschenrechtsverstößen oder wenn ein wesentlicher Treibhausgasemittent keine Klimastrategie vorweisen kann. Über unsere Nachhaltigkeitsgrundsätze berichten wir transparent auf unserer Website.

 

Ihr bezeichnet euch als Gemeinwohl-Bank. Was bedeutet das konkret?

Wir sind zunächst eine Genossenschaftsbank. Das bedeutet, dass unsere Bank den Mitgliedern gehört, nicht anonymen Aktionären. Menschen aus Oberbayern kaufen Genossenschaftsanteile und sind direkt an unserem Erfolg beteiligt. Wir streben keine Gewinnmaximierung an, sondern handeln auch im Interesse der Menschen, der Umwelt und der Region. Dadurch ist der Nachhaltigkeitsgedanke tief verankert und kein Trend, an den wir uns kurz dranhängen. Konkret zeigt sich das beispielsweise in unserem Gewinnsparverein, über den wir Projekte unterstützen, bei denen das Gemeinwohl im Vordergrund steht. Und für jedes neue Mitglied pflanzen wir einen Baum in den Wäldern Oberbayerns. Bäume pflanzen klingt vielleicht erstmal nach einem Klischee, aber es sind mittlerweile über 100.000 und das ist ein ordentlicher Wald.

Jonas Drechsel, Foto von Emad Ette

Foto: privat

Über Lea Albrecht

Lea Albrecht ist Referentin für Nachhaltigkeitsmanagement bei der Sparda-Bank München eG. Nach ihrem BWL-Studium im Bachelor, studierte sie im Master Wirtschaftsethik an der Ruhr-Universität in Bochum. Anschließend war sie bei einer Unternehmensberatung tätig und unterstützte Unternehmen bei ihrer nachhaltigen Transformation. Bei der Sparda-Bank München eG identifiziert sie strategische Handlungsfelder für die Bank und koordiniert die Themen entlang der regulatorischen Vorgaben und der Geschäftsstrategie.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für eure Nachhaltigkeitsarbeit?

Digitalisierung ist ein großer Hebel, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits helfen uns neue Tools, unseren CO2-Fußabdruck darzustellen und Fortschritte sichtbar zu machen. Manche dieser Anwendungen gibt es erst seit wenigen Monaten und sie entwickeln sich ständig weiter. Andererseits hilft Digitalisierung ganz konkret bei der Reduzierung unseres Fußabdrucks: Wenn am Ende eines Kundengesprächs kein Vertrag mehr ausgedruckt werden muss, sondern die Unterschrift digital erfolgt, spart das Unmengen an Papier. Für eine Bank, die kein produzierendes Unternehmen ist und bei der viel gedruckt wird, ist das ein großer Schritt. Gleichzeitig fahren wir bewusst zweigleisig: Unsere Filialen vor Ort sind sehr wichtig, denn wir wollen mit unserem Service auch Kund:innen erreichen und halten, die ohne Digitalisierung aufgewachsen sind.

 

Nachhaltigkeit betrifft alle Abteilungen. Wie nimmt man so unterschiedliche Menschen mit?

Man muss offen sein und Dinge auf das absolut Essenzielle runterbrechen können. Das ist in Terminen mit Fachabteilungen wichtig, denn die Fachabteilungen sind den ganzen Tag mit ganz anderen Themen beschäftigt. Es ist auch relevant in Meetings mit dem Vorstand, um strategische Handlungsempfehlungen auf den Punkt zu bringen. Mir hilft das, mich auf das Wesentliche zu fokussieren und pragmatisch zu bleiben.

 

Du hast als Beraterin viele Unternehmen begleitet und arbeitest jetzt selbst im Nachhaltigkeitsmanagement. Was würdest du an deinem Beruf gerne verändern?

Der Fokus muss sich wandeln – weg von reiner Berichterstattung, hin zu echter strategischer Transformation. Ursprünglich hat die EU-Regulatorik viele Unternehmen dazu gebracht, Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen, und dafür wurden neue Stellen geschaffen. Aber perspektivisch reicht das nicht. Nachhaltigkeit muss so strategisch verankert sein, dass sie auch dann Bestand hat, wenn die Regulatorik Richtungswechsel vornimmt. Damit einher geht auch eine stärkere Datenkompetenz: Wenn Nachhaltigkeit in der Geschäftsstrategie verankert ist, müssen messbare Kennzahlen zugrunde liegen. Der Job wird digitaler, analytischer und genau das macht ihn zukunftsfähig.

Beitragsbild oben:

JUHASZIMRUS (pexels)

Klimaresiliente Landwirtschaft: Bäume auf die Felder pflanzen

Klimaresiliente Landwirtschaft: Bäume auf die Felder pflanzen

Philipp Gerhardt plant Agroforst- und Wassersysteme, die Bäume zurück auf den Acker bringen und damit klimaresiliente Landschaften schaffen, die Wasser halten und Erträge stabilisieren.

Du bist Forstwissenschaftler, arbeitest aber in für und mit der Landwirtschaft. Wie bist du dazu gekommen, Bäume auf Äcker zu pflanzen?

Das Thema Klimawandel hat mich schon als Kind erreicht – Anfang der 90er, durch das Computerspiel „Civilization“, in dem die Welt untergeht, wenn man seine Zivilisation zu stark entwickelt. Ich habe dann Forstwissenschaften studiert und im Waldumbau gearbeitet. Zur Landwirtschaft bin ich über die Frage gekommen, wie man eine klimafeste Nahrungsmittelproduktion aufbauen kann. Ab 2016 fragten die ersten Betriebe an, mit ganz konkreten Problemen: Bodenverlust, Dürre, Hitze, Wind.

Was steckt hinter dem Konzept der „Agroforstwirtschaft“?

Im Kern ist es Landwirtschaft mit Bäumen. Entscheidend ist, dass Gehölze mit landwirtschaftlichen Kulturen verzahnt sind – also mit Ackerbau, Grünland oder Tierhaltung. Nur eine Plantage reicht nicht, es muss sollte eine kombinierte Nutzung sein. Ein typisches System besteht aus Gehölzstreifen, etwa mit schnell wachsenden Pappeln für die Hackschnitzelproduktion, im Wechsel mit breiten Ackerstreifen. Die Gehölze bringen eine vertikale Struktur in die Landschaft und verändern dadurch das gesamte System, im Boden und in der Atmosphäre.

Kannst du das konkret machen, wie ergänzen sich Bäume und Acker gegenseitig?

 Im Boden bildet sich unter den Gehölzstreifen ein ungestörter Raum, in dem Bodenorganismen gedeihen. Die Regenwurmpopulation ist in Agroforstsystemen um ein Vielfaches höher als auf reinen Ackerflächen. Mehr Regenwürmer bedeuten mehr Humus und ein humusreicher Boden nimmt bei Starkregen mehr Wasser auf, fördert so die Grundwasserneubildung und verhindert Winderosion. Über der Erde wirken die Gehölzstreifen wie Kühlrippen: Sie bremsen den Wind und senken den Verdunstungsstress. In Ostbrandenburg wurden in solchen Systemen sechzehn Prozent Ertragssteigerung im Getreideanbau gemessen.

Jonas Drechsel, Foto von Emad Ette

Foto: privat

Über Philipp Gerhardt

Dr. Philipp Gerhardt ist Forstwissenschaftler und Gründer des Planungsbüros der Firma Baumfeldwirtschaft. Seit 2015 plant und realisiert er Agroforstsysteme und Keyline-Design-Projekte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Schweiz.

Er ist Gründungsmitglied des Deutschen Fachverbands für Agroforstwirtschaft und hat gemeinsam mit Sassa Franke das Buch „Langsames Wasser, kühlendes Grün“ im oekom Verlag veröffentlicht.

Das heißt, Agroforst hilft nicht nur der Natur, sondern stabilisiert auch die Erträge. Warum ist das gerade in Zeiten des Klimawandels so entscheidend?

 Rund 51 Prozent unserer Landfläche werden landwirtschaftlich genutzt und weil der Großteil davon gehölzfrei ist, werden sie zu riesigen Heizflächen. Agroforstsysteme sind nachweislich im Schnitt ein Grad kühler als offene Feldflur und das, ohne dass Produktivität verloren geht. Natürlich ist es wichtig, Naturschutzgebiete auszuweisen und Moore wiederzuvernässen, aber mit der Agroforstwirtschaft haben wir einen Ansatz, der sich ganz pragmatisch auf landwirtschaftlichen Nutzflächen umsetzen lässt, ganz egal, ob sie konventionell oder ökologisch bewirtschaftet werden.

Du bist viel beratend und bei Projekten vor Ort unterwegs. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus und wo findest du dabei deinen schönsten Moment?

Mein Team und ich planen diese Systeme nicht nur, sondern wir setzen sie auch um. Wir arbeiten oft monatelang mit Betrieben zusammen, analysieren Flächen und begleiten die Umsetzung. Von Mitte März bis Ende Mai Während der typischen Pflanzzeiten im Herbst und Frühjahr bin ich dann sehr viel draußen, fahre mit meinem Team von Baustelle zu Baustelle, bin auf der Pflanzmaschine oder dem Bagger unterwegs, um Wasserläufe anzulegen.

Die schönsten Momente sind, wenn ein Landwirt erzählt, dass seine Kinder den Hof erst nicht übernehmen wollten, aber mit diesem Projekt ihre Meinung geändert haben. Oder wenn jemand berichtet, dass eine Quelle, die in den Dürresommern immer weniger Wasser geführt hat, wieder stärker fließt. Solche Beispiele zeigen, dass sich mit der Arbeit an der Landschaft auch das Denken verändert.

Mehr über das Konzept Klimalandschaft und viele konkrete Projekte in ganz Deutschland kann man in dem neuen Buch lesen, das Philipp Gerhard gemeinsam mit Sassa Franke im oekom Verlag veröffentlicht hat.

Im Blog habe ich das Buch ausführlich rezensiert.

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Fotograf: Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Philipp Gerhardt – Projekt „Wilmars Gärten“

CO2-Reduktion: Vom Messen zum Machen

CO2-Reduktion: Vom Messen zum Machen

Nachhaltigkeit rechnet sich – ökologisch und ökonomisch. Harriet von Kügelgen hat mit ihrem Berliner Climatech-Startup dauri eine Plattform gegründet, die Unternehmen hilft, CO2-Emissionen zu messen und durch gezielte Maßnahmen zu reduzieren.

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Harriet, wie bist du dazu gekommen, ein Climatech-Startup zu gründen?

Nachhaltigkeit und CO2-Bilanzierung haben mich in ganz verschiedenen Kontexten beschäftigt. Nach meiner Arbeit bei Tesla habe ich einen Master in Carbon Management gemacht, weil ich wirklich verstehen wollte: Woher kommen die Emissionen und welche wirtschaftlichen Hebel gibt es? Dabei habe ich festgestellt, dass vielen Unternehmen zwar klar ist, dass sie etwas tun müssten, aber nicht, welche konkreten Lösungen es gibt – und ob es sich auch rechnet. Genau da setzt dauri an.

Was macht dauri und was unterscheidet euch von klassischer Reporting-Software?

Die meisten Tools am Markt helfen Unternehmen, ihre Emissionen zu messen und zu bilanzieren. Das ist ein wichtiger erster Schritt. Aber wenn man die Zahlen hat, sollte man auch die richtigen Schlüsse daraus ziehen und Maßnahmen ergreifen, die den eigenen CO2-Ausstoß effektiv reduzieren.

Wir helfen Unternehmen, von der Bilanzierung in die Praxis zu kommen: Was kannst du an deinen Standorten konkret tun, um Emissionen zu senken? Das reicht von smarten Heizthermostaten über LED-Umrüstung bis zu Prozessoptimierungen. Wie hoch sind die Investitionen dafür und wann amortisieren sie sich? Wir liefern konkrete Business Cases, damit Unternehmen nicht nur wissen, wo sie stehen, sondern auch, wohin sie gehen können. Am Ende erstellen sich Unternehmen einfach einen profitablen Fahrplan, den sie in der Software dann auch managen.

Jonas Drechsel, Foto von Emad Ette

Foto: privat

Über Harriet von Kügelgen

Harriet von Kügelgen ist Co-Gründerin und Co-CEO von dauri, einem Berliner Climatech-Startup, das Unternehmen dabei unterstützt, Emissionsreduktion in wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen zu übersetzen. Zuvor war sie bei Tesla tätig und hat das Climate-Tech/Space-Tech-Startup AIRMO mitgegründet.

Sie hat International Business an der Maastricht University und Carbon Management an der University of Edinburgh studiert. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Finanzökonomik und Emissionsmanagement, um Dekarbonisierung für Unternehmen profitabel umsetzbar zu machen.

Viele Unternehmen denken beim Thema Nachhaltigkeit an Bürokratie und zusätzliche Kosten. Was antwortet ihr?

Wenn man Emissionsreduktion richtig angeht, ist sie automatisch Ressourceneffizienz und damit Kostenreduktion. Allein in Deutschland gibt es ein unausgeschöpftes Potenzial von 25 Milliarden Euro pro Jahr durch einfache Energieeffizienzmaßnahmen in Unternehmen. Das ist Geld, das buchstäblich auf der Straße liegt.

Ein Beispiel: Ein Kunde mit 50 Filialstandorten hat fünf einfache Maßnahmen umgesetzt: LED-Umrüstung, smarte Heizthermostate, Luftvorhänge an den Eingängen. Klingt nach Kleinigkeiten, aber allein die LED-Umrüstung bringt bis zu 90 Prozent mehr Energieeffizienz. Über alle Standorte gerechnet spart das Unternehmen damit 500.000 Euro im Jahr, bei einem Return on Invest von knapp unter zwei Jahren.

Trotzdem gibt es gerade einen „ESG-Backlash“. Woher kommt der, wenn das alles so viel Sinn macht?

Das Thema Klimaschutz wurde lange sehr einseitig kommuniziert, nach dem Motto: Es kostet, aber wir müssen es machen. Dabei wurden wichtige Argumente vergessen — Preissicherheit, Autonomie, Resilienz. Erneuerbare Energien sind langfristig günstiger und reduzieren geopolitische Abhängigkeiten. Die Wiederwahl von Trump, die Europawahl und die Abschwächung der EU-Reporting-Standards durch das Omnibus-Paket – politisch scheint es gerade, als werde Nachhaltigkeit zurückgefahren. Viele Unternehmen setzen ihren Weg aber weiter fort: 83 Prozent der globalen Unternehmen haben letztes Jahr ihre Nachhaltigkeitsinvestitionen erhöht. Sie sprechen nur weniger darüber.

Welche Rolle kann KI im Nachhaltigkeitsreporting spielen?

Bei der Datensammlung in Unternehmen hilft KI wenig, wenn die Grundlagen nicht stimmen – wenn Daten nicht strukturiert aufbereitet und mit möglichst wenig Medienbrüchen über verschiedene Systeme zugänglich sind. Unternehmen müssen erst ihre Hausaufgaben bei der Datenarchitektur machen, damit KI-gestützte Datenanalyse wirklich Mehrwert schaffen kann. Wir nutzen KI, um Unternehmensdaten mit unserer Maßnahmendatenbank abzugleichen und so schneller und zielgenauer die richtigen Reduktionsmaßnahmen für ein bestimmtes Unternehmen zu identifizieren.

Die drei Scopes einer CO2-Bilanz

Das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) ist der weltweit meistgenutzte Standard zur Berechnung von Treibhausgasemissionen. Es unterteilt die Emissionen eines Unternehmens in drei Kategorien:

Scope 1 – Direkte Emissionen: Alle Treibhausgase, die direkt im Unternehmen entstehen, etwa durch eigene Produktionsanlagen, Heizkessel oder firmeneigene Fahrzeuge.

Scope 2 – Eingekaufte Energie: Indirekte Emissionen, die beispielsweise durch den Bezug von Strom oder Fernwärme entstehen. Sie werden dem Unternehmen anteilig zugerechnet, abhängig vom Energiemix des jeweiligen Stromanbieters.

Scope 3 – Vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette: Die umfangreichste und komplexeste Kategorie. Sie umfasst 15 Unterkategorien, darunter eingekaufte Materialien und Dienstleistungen, Geschäftsreisen, Pendelwege der Mitarbeitenden

Beitragsbild oben:

Fotograf: Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Foto von SIDHARTH PRAKASH: https://www.pexels.com/de-de/foto/flora-grune-blatter-bananenblatter-vertikaler-schuss-7679149/Sidharth Prakash (pexels)

Inspirieren statt belehren: Was der Nachhaltigkeitsdiskurs von der Zukunftsforschung lernen kann

Inspirieren statt belehren: Was der Nachhaltigkeitsdiskurs von der Zukunftsforschung lernen kann

Wir schließen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Was war, bestimmt, was wir für möglich halten – und verstellt den Blick auf das, was werden könnte. Zukunftsforscher Jonas Drechsel erklärt, warum es sich lohnt, dagegen anzudenken, und wie sich der Zukunftsmuskel trainieren lässt.

Jonas, was macht man eigentlich als Zukunftsforscher? Das klingt erst mal nach Glaskugel.

Ich bin in verschiedenen Bereichen unterwegs – von politischer Arbeit über Foresight-Beratung bis hin zu kritischer Zukunftsforschung als Community-Projekt. Was sich durchzieht: Ich entwickle Formate, in denen Menschen und Organisationen ihre Zukunftsbilder hinterfragen können. Das reicht von Einzelworkshops, in denen wir in vier Stunden ein paar Grundbegriffe aufbrechen, über längere Begleitprozesse bis hin zu ganzen Architekturen, die definieren, wie eine Organisation dahin kommt, wo sie eigentlich hin will. Am Ende geht es immer um die Frage: Wie werden hier Zukünfte plausibilisiert? Welche fallen hinten runter – und warum?

Also weniger Visionen entwerfen, mehr Dinge in Bewegung bringen?

 Genau. Zukunft ist ein Muskel und der ist bei den allermeisten sehr wenig trainiert. Da kann man mit einfachen Übungen relativ viel rausholen und schnell Fortschritte feststellen. Das zu begleiten, macht einfach Spaß. Bei einem meiner Workshops in einem großen Konzern hat eine aufstrebende Top-Managerin mal gesagt: „Das war so anstrengend, Jonas – aber ich bin total dankbar, weil es komplett gegenläufig war zu dem, wie bei uns im Konzern im Alltag gedacht wird. Das wird mich noch lange beschäftigen.“ Genau für solche Reaktionen mache ich Zukunftsforschung.

Du hast sieben Hacks aus der Zukunftsforschung für die nachhaltige Transformation mitgebracht. Fangen wir an: Warum ist Zukunft Verhandlungssache?

Es ist wichtig, Zukunft zu verhandeln. In vielen Debatten und auch im Nachhaltigkeitsdiskurs sieht man schnell, wie dogmatisch es werden kann. Gute Argumente für die eigene Position hat man schnell, aber genauso schnell wirken sie oberlehrerhaft und sind oft nicht besonders gut begründet. Ein gutes Zukunftsbild braucht auch tragfähige Begründungen. Mein Ansatz ist deshalb transparent zu machen, auf welchen Argumenten, Studien und Überzeugungen die eigene Position basiert und von dort aus gemeinsam Zukunftsbilder zu entwickeln.

Jonas Drechsel, Foto von Emad Ette

Foto: Emad Ette

Über Jonas Drechsel

Jonas Drechsel ist selbständiger Zukunftsforscher, Mitbegründer des Freelance-Kollektivs youngk, Projektleiter der Missionswerkstatt, Vorstand bei D2030 e. V. und Mitbegründer der Community für kritische Zukunftsforschung.

Er hat Zukunftsforschung an der FU Berlin studiert und arbeitet an der Schnittstelle von Analyse und Transformation, Haltung und Wirkung. Dabei begleitete er Projekte für NGOs ebenso wie für Konzerne oder die EU.

Dein zweiter Hack klingt fast wie ein Ultimatum: Mach es konkret oder lass es. Was steckt dahinter?

Man kann natürlich sagen: „Smart Cities machen Städte grüner und nachhaltiger“, aber das sind abstrakte Absichtserklärungen. Überzeugender und zielführender ist meistens, eine kleine Veränderung zu zeigen, die in die Richtung geht. Es ist immer gut Dinge durchzuspielen und zu testen: Was könnte ein Experiment sein, bei dem man spielerisch herausfindet, wie man Dinge anders machen kann?

Hack drei klingt investigativ: Mythen aufdecken. Welche Mythen meinst du?

Das ist die Kernmethode der kritischen Zukunftsforschung. Wenn wir über Zukunft sprechen, argumentieren wir nur auf der obersten Schicht der Reflexion mit scheinbaren Fakten. Geht man tiefer, sieht man, dass Zukunftsbilder durch zugrundeliegende Strukturen und spezifische Weltsichten begründet sind. Darunter liegen grundlegende „Mythen“ wie „unendliches Wachstum“, die erklären, wieso manche Fakten nicht anerkannt werden können oder warum an manchen Strukturen festgehalten wird. Das Spielt mit diesen Grundannahmen ermöglicht alternative Szenarien. Darüber hinaus geht es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und ein gemeinsames Verständnis zu bekommen. Der CEO versteht vielleicht etwas ganz anderes unter nachhaltiger Unternehmensführung als sein Sustainability Officer.

Dein vierter Hack dreht sich um Trends. In der Zukunftsforschung gibt es das Bild des Futures Cone: Aus dem Punkt, an dem wir heute stehen, öffnet sich ein Fächer möglicher Zukünfte. Aber wir neigen dazu, nur den schmalen Ausschnitt zu sehen, der sich aus der Vergangenheit ableiten lässt. Wie kommt man da raus?

Der Blickwinkel, mit dem wir auf Zukunft schauen, ist konstruiert, er hat sich halt so ergeben. Das heißt aber auch: Er kann verändert werden. Und wenn man die Perspektive verschiebt, sieht man auf einmal ganz andere Dinge. Bewusst gewählte Trends können dabei als Argumentationshilfe dienen, als Anzeichen dafür wie etwas anders und besser werden kann.

Beim fünften Hack geht es darum, Reale Utopien zu erzählen, statt zu fordern – das klingt nach einem Gegenmodell zum erhobenen Zeigefinger.

Reale Utopien nach Erik Olin Wright sind Dinge, die erreicht wurden und das oft, obwohl andere sie für unmöglich gehalten haben. Es geht nicht also nicht um ferne Wunschbilder, um etwas, das erfolgreich aus der vermeintlichen Unmöglichkeit in die Wirklichkeit überführt wurde und das auch trotz aller Widerstände. Solche Realen Utopien sind auch Wegmarken, an denen man sich orientieren kann, um Dinge voranzutreiben. Ich find es wichtig, gerade in unserer kapitalistischen Logik der ständigen Steigerung und Überbietung, dass wir mal innhalten und feiern, was wir erreicht haben und uns nicht ständig empören und beklagen.

Gerade erleben wir ja einen Backlash gegen Nachhaltigkeit in Unternehmen – ESG wird zunehmend als bürokratische Last gesehen. Hast du einen Tipp für Nachhaltigkeitskommunikator:innen?

Nicht belehren, sondern inspirieren. Wer Themen auf die Landkarte setzen will, kommt durch Best Cases und Begeisterung weiter als durch den erhobenen Zeigefinger. Mein Rat: Setzt euch hin und listet drei bis fünf fantastische Dinge auf, die ihr erreicht habt. Das kann ein nachhaltigeres Fertigungsverfahren sein, das gleichzeitig wirtschaftlicher wurde, oder eine Veränderung in der Wertschöpfungskette, die vorher niemand für möglich gehalten hätte. Erzählt diese Geschichten – nicht die Klage über den Backlash.

Beim sechsten Hack wird es entspannt: Science-Fiction als Inspiration. Welche Geschichten empfiehlst du?

Das ist vielleicht der entspannteste Hack. Ich meine damit nicht die vielen dystopischen Mainstream-Fantasien, sondern eher die antidystopische Bewegung: Geschichten, die zeigen, wie Menschen trotz schwieriger Verhältnisse Handlungsfähigkeit erhalten. Auch das ist ein wichtiger Teil  des Genres. Nicht nur die Endzeitkämpfe. Meine Kollegin Isabella Herrmann vom youngk-Kollektiv hat das in ihrem Buch „Zukunft ohne Angst“ wunderbar herausgearbeitet.

Zum Schluss dein siebter Hack: Von Szenarien zu Missionen. Wie wird aus einer Analyse ein Handlungsplan?

Zukunftsforschung liefert saubere Analyse, kümmert sich aber häufig wenig um die Transformation, während vielen Transformationsprojekten wiederum die Analyse abgeht. Das zusammenzulegen hilft: Vision als Zielbild, Mission als Handlungsleitlinie und konkrete Projekte für die Selbstwirksamkeit.

Zukunftsarbeit gilt in vielen Organisationen eher als nettes Add-on. Woran liegt das?

Wir erarbeiten in der Zukunftsforschung wirklich hilfreiche Dinge. Organisationen brauchen ein Denken out of the box, stellen aber selten das nötige Budget dafür bereit. Als Zukunftsforscher:innen sind wir natürlich auch in der Pflicht zu zeigen, welche positive Wirkungen unsere Arbeit hat. Aber natürlich kann man nicht alles davon in harten Zahlen messen. Klar ist aber, dass Organisationen gerade in schwierigen Phasen positive Zukunftserzählungen brauchen.

Was ist dein großes Ziel für die nächsten Jahre?

Ich arbeite daran, dass wir mit der Zukunftsforschung nicht in der Nische bleiben, sondern zeigen, welche Veränderungen wir anstoßen und begleiten können und das auch gerne nicht nur in einem kurzen Workshop, sondern als längerfristiges Transformationsprojekt.

Zum Weiterlesen:

 

Mehr über Jonas Drechsel und seine Arbeit als Zukunftsforscher

Die 7 Hacks zum Nachlesen auf Green Works

Mehr zum Freelancer-Kollektiv youngk

Isabelle Herrmanns Buch „Zukunft ohne Angst“ erzählt, wie wichtig Science-Fiction für positive Zukunftsbilder ist

 

Beitragsbild oben:

Fotograf: Andre Moura (pexels)

Die unsichtbare Kunst des Reparierens

Die unsichtbare Kunst des Reparierens

Wir brauchen grünes Wachstum und Innovationen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Aber die ersten Schritte sind einfacher. Nachhaltigkeit heißt im Kern: erhalten statt entsorgen, pflegen statt verbrauchen und deshalb müssen wir mehr reparieren. Prof. Dr. Gabriele Schabacher erforscht diese unsichtbare Praxis, die unsere technische Welt am Laufen hält – und manchmal auf Umwegen etwas Neues erfindet.

Gabriele, du beschäftigst dich mit Reparatur. Warum interessiert dich als Kulturwissenschaftlerin dieses Thema?

Mich hat fasziniert, dass Reparatur ein unterschätztes Phänomen ist. Das Ergebnis einer Reparatur ist ja nicht mehr zu sehen – und genau das hat das Reparieren immer sekundär erscheinen lassen gegenüber dem Erfinden und Herstellen. Dabei stimmt das aus kulturwissenschaftlicher Perspektive überhaupt nicht. Viele große Technikerfindungen sind entstanden, weil etwas kaputt ging, man versuchte, es zu reparieren, das nicht klappte, und man dann eine andere Lösung finden musste. Das Reparieren greift also in Prozesse des Erfindens ein – und ermöglicht eine andere Erzählung von Technik- und Kulturgeschichte.

Du hast dich auch mit Workarounds beschäftigt – Behelfslösungen, die eigentlich provisorisch sind, aber oft dauerhaft bleiben.

Genau, wir kennen das alle: der Eimer unter der tropfenden Spüle. Diese Provisorien können erstaunlich beharrlich sein. Sie zeigen, dass Reparieren nicht immer bedeutet: Problem gelöst, alles wieder gut. Manchmal bleiben Dinge in einem Übergangsstadium, weil sie es ermöglichen, einfach weiterzumachen. Das verweist auf eine wichtige Einsicht: Reparatur ist eine transformative Tätigkeit. Ein repariertes Ding ist nicht mehr das Original – es hat einen Durchlauf durch die Reparatur genommen und wurde dabei verändert.

Ein Poträt von Prof. Dr. Gabriele Schabacher, Universität Mainz (Foto von Stephanie Füssenich)

Foto: Stephanie Füssenich

Über Gabriele Schabacher 

Prof. Dr. Gabriele Schabacher ist Professorin für Medienkulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind kulturwissenschaftliche Infrastrukturforschung, KI und Überwachung, Mediengeschichte des Verkehrs und Mobilities Studies, Kulturtechniken des Reparierens sowie Serialität und Autobiografik.

In ihrer neuesten Publikation beschäftigt sie sich aus medienwissenschaftlicher Perspektive mit der Rolle von Infrastrukturen im Zeitalter des Klimawandels: „Mediatoren des Klimas. Infrastrukturen und ökologische Krise“, in: Archiv für Mediengeschichte Band 21 Infrastrukturen (im Erscheinen).

Nicht nur einzelne Dinge müssen repariert werden, sondern auch ganze Infrastrukturen. Was lernen wir darüber aus einer Perspektive der Reparatur?

Bei Infrastrukturen wird besonders sichtbar, dass Reparatur kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein permanenter Prozess. Beim BER etwa haben wir gesehen, wie Dinge veralteten und gewartet werden mussten, obwohl sie noch gar nicht in Betrieb waren. Man musste ständig eine U-Bahn durch den Tunnel fahren lassen, damit er nicht schimmelt. Das setzt voraus, was der Reparaturforscher Steven Jackson „Broken World Thinking“ nennt: die Einsicht, dass die Welt die ganze Zeit im Prozess ist und ständig etwas kaputt gehen kann. Infrastrukturen, die immer so stabil wirken, befinden sich eigentlich in einem permanenten Transformationsprozess. Ich nenne das in meinem Buch „Infrastruktur-Arbeit“ – eine Tätigkeit, die notwendig ist, damit diese großen Systeme überhaupt am Laufen bleiben.

Reparatur ist etwas sehr Praktisches. Wie gewinnt man daraus als Wissenschaftlerin theoretisches Wissen?

Das ist nicht einfach, weil vieles beim Reparieren nicht explizit gemacht wird. Es ist implizites Wissen, das in der Intuition und im körperlichen Handling der Leute liegt. Eine berühmte Studie zu Automechanikern hat gezeigt, dass die unheimlich viel horchen. Am Klang der Maschine erkennen sie, was kaputt ist. Solches Wissen ist nur durch ethnografische Forschung zu heben. Historisch ist es noch schwieriger, weil es kaum schriftliche Quellen gibt. Letztlich muss man die Menschen und die Orte aufsuchen, wo repariert wird.

Die EU hat ein Right to Repair auf den Weg gebracht. Was hältst du davon?

Ich finde es grundsätzlich gut, dass das Thema politisch aufgegriffen wird. Allerdings bezieht sich das Recht zunächst nur auf bestimmte Produktgruppen und garantiert nicht, dass wir selbst reparieren können – sondern dass die Hersteller Reparaturen anbieten müssen. Entscheidend finde ich aber den Aspekt der Ermächtigung: Wir werden ermächtigt, den Konzernen gegenüberzutreten und zu sagen: Ich will, dass das repariert werden kann. Das ist wichtig, denn unsere Konsumprodukte sind darauf ausgelegt, uns zu bloßen Konsumentinnen zu machen und aus jeder Beschäftigung mit den Dingen auszusperren.

Stichwort „Blackboxing“: Was macht es mit unserem Verhältnis zur Technik, wenn wir Geräte nicht mehr öffnen können?

Das bedeutet eine Verunsichtbarung von Technik. Wir sehen nur noch glatte Interfaces, die Technik selbst scheint keine Relevanz mehr zu haben. Erst wenn Störungen auftreten, merken wir, wie fragil das alles ist – das haben wir unter Corona-Bedingungen erlebt, als plötzlich Videokonferenzen nicht funktionierten. Das Right to Repair ist auch ein Versuch, wieder eine Art von Zugang, eine Wiederaneignung unseres Verhältnisses zur Technik möglich zu machen.

Was hältst du von der Vision einer Circular Economy?

Kreislaufökonomie ist besser als lineare Ökonomie, keine Frage. Aber mir werden dabei zu viele Dinge in einen Topf geworfen. Recyceln und Reparieren sind zwei völlig unterschiedliche Dingverhältnisse. Das Recyceln will Produkte in ihre Bestandteile zerlegen und einer neuen Wertschöpfung zuführen – es kultiviert den Tauschwert. Das Reparieren will das Ding erhalten – es bewahrt den Gebrauchswert. Das könnte man als antikapitalistische Position sehen. Und ganz praktisch: Recyceln verbraucht wesentlich mehr Energie als Reparieren. Besser als Smartphones zu recyceln ist es, weniger Smartphones zu kaufen.

Was hast du zuletzt repariert?

Ich bringe eher zum Reparieren, wie mein Fahrrad zum Beispiel. Kürzlich habe ich aber sogar den kaputten Akku meines Laptops getauscht, das war gar nicht so leicht und mit Aufregung verbunden. Etwas routinierter bin ich beim Nähen oder als ich neulich meinen Lieblingssneaker geklebt habe. Aber ich fürchte, das wird nicht von langer Dauer sein – ein typisches Provisorium also.

Zum Weiterlesen:

Gabriele Schabacher: Infrastruktur-Arbeit. Kulturtechniken und Zeitlichkeit der Erhaltung, Berlin: Kadmos 2022.

Gabriele Schabacher: „Mediatoren des Klimas. Infrastrukturen und ökologische Krise“, in: Archiv für Mediengeschichte 21 (im Erscheinen): Infrastrukturen, S. 151-163.

Krebs, Stefan/Schabacher, Gabriele/Weber, Heike (Hrsg.): Kulturen des Reparierens. Dinge – Wissen – Praktiken, Bielefeld: Transcript 2018. (Open Access)

Graham, Stephen/Thrift, Nigel: Out of Order: »Understanding Repair and Maintenance«. In: Theory, Culture & Society, Nr. 24 (3) (2007), S. 1–25

Jackson, Steven J.: »Rethinking Repair«. In: Tarleton Gillespie/Pablo J. Boczkowski/Kirsten A. Foot (Eds): Media Technologies. Essays on Communication, Materiality, and Society, Cambridge, MA/London: MIT Press 2014, S. 221–239.

Orr, Julian E.: Talking About Machines. An Ethnography of a Modern Job, Ithaca/London: Cornell University Press 1996.

 

Beitragsbild oben:

Fotograf: Onur. Straßenansicht in Istanbul. (pexels)

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