Bücherstapel: Die besten Bücher über KI

Bücherstapel: Die besten Bücher über KI

Bücher stapeln sich. In meinem Regal stehen sie schon in Doppelreihe und wo es passt, lege ich immer noch welche quer darüber. Auf meinem Schreibtisch habe ich immerhin zwischen zwei Buchstützen hochkant eine gewisse Ordnung geschaffen.

Der Kulturwissenschaftler Aby Warburg hat die Bücher in seiner Privatbibliothek in Hamburg nicht alphabetisch, sondern nach dem Prinzip der “guten Nachbarschaft“ sortiert, nach den Verbindungen, die sich über Seiten und Cover hinweg thematisch und argumentativ zwischen Büchern ergeben.

Bücher zu sortieren heißt immer auch, Gedanken zu ordnen oder einen Diskurs zu sortieren. KI ist kein neues, aber ein radikal aktuelles Thema, das kluge Gedanken, Einordnungen, Visionen und Kritik braucht.

Deshalb möchte ich meinen KI-Bücherstapel hier mit euch teilen und werde ihn fortlaufend aktualisieren. Wenn ihr etwas Gutes gelesen habt, gebt mir gerne einen Tipp.

Das Foto zeigt das Buch "Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können" von Miriam Meckel und Lea Steinacker

Miriam Meckel, Léa Steinacker:
Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können,
Rowohlt Verlag, 2024,
400 Seiten, 26,00 €

Von Miriam Meckel und Léa Steinacker habe ich unter anderem gelernt, wie Transformer-Architekturen und neuronale Netze funktionieren, die Chat- und Schreibbots zu „Wortwahrscheinlichkeitsmaschinen“ machen. Und das ist nur eine von vielen Dingen, die hier detailreich und gut lesbar erläutert werden. Auf große Fragen, wie KI beispielsweise den Arbeitsmarkt verändert, ob sie die volkswirtschaftliche Produktivität steigert oder wie sie sich angemessen regulieren lässt, bekommt man hier kluge und gut recherchierte Antworten. Für mich ist es eines der besten „Übersichtsbücher“ zu KI und ein guter Startpunkt, um tiefer in einzelne Themen oder Diskurse einzutauchen. Überzeugt hat es mich auch, weil es dem Hype-Thema KI mit einer kritischen und gleichzeitig positiven und konstruktiven Haltung begegnet, die in unserer zu Polarisierung neigenden Debattenkultur leider selten geworden ist.
Das Foto zeigt das Cover des Buches "Atlas der KI. Die materielle Welt hinter den neuen Datenimperien" von Kate Crawford

Kate Crawford: Atlas der KI. Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien, C.H. Beck Verlag, 2024,
336 Seiten, 32,00 €

Rezension hier auf ecologies.

Ein Atlas schafft Übersicht, zieht Verbindungslinien und vermisst Territorien. Kate Crawford hat ein sehr kritisches KI-Buch geschrieben, das mit theoretischem Handwerkszeug aus Kulturwissenschaften, Material Studies und politischer Ökonomie die Logiken und Machtverhältnisse seziert, die mit dem Buzzword „KI“ zusammenhängen. Warum „Daten“ von den großen Tech-Konzernen oft wie frei verfügbare Ressourcen behandelt werden und welche ganz konkret materiellen Ressourcen die nur vermeintlich künstliche Intelligenz verschlingt, liest man in diesem Buch. Jedes Kapitel ist eine kulturhistorische Reise, die ihren Ausgangspunkt bei Crawfords eigenen Recherchereisen nimmt – ins Snowden-Archiv oder zu den verlassenen Lithium-Minen in Nevada. Ein gut lesbares, wissenschaftlich präzises und scharfzüngiges Buch, von dem ich mir aber einen konstruktiveren Blick auf die verantwortungsvolle Nutzung von KI gewünscht hätte.

Buchcover: Peter Dauvergne_AI in the Wild

Peter Dauvergne: AI in the Wild: Sustainability in the Age of Artificial Intelligence, MIT Press, 2020,
272 Seiten, 22 €

In den Wassern des Great Barrier Reefs sind sogenannte „Ranger Bots“ unterwegs, semi-autonome Unterwasser-Drohnen. Sie töten durch Salzinjektionen Seesterne, die das Riff kahl fressen und das dortige Ökosystem zerstören. Zivilisatorische Probleme mit noch mehr Technik, in diesem Fall KI, zu bekämpfen, anstatt die eigentlichen Ursachen anzugehen, ist problematisch, aber in vielen Fällen auch hilfreich. Peter Dauvergne nimmt diese schwierige Balance mit seinem sachlichen, kritischen und sehr einzelfallbezogenen Buch ernst. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob und wenn ja, was KI für Nachhaltigkeit und Umweltschutz tun kann. Deutlich wird dabei, wie hybrid die Beziehung von Natur und Technik geworden ist. Smart Cities, Smart Farming oder Naturschutz durch Sensoren und Datenanalysen – das ist faszinierend, komplex, problematisch, hoffnungsvoll, nachdenkbedürftig und damit idealer Stoff für ein kluges Sachbuch.

Das Bild zeigt das Buch "The Eye of the Master" von Matteo Pasquinelli

Matteo Pasquinelli: The Eye of the Master: A Social History of Artificial Intelligence,
Verso Books, 2023, 272 Seiten, 15, 68 €

LKW-Fahrer verdienen schlecht und ihr Beruf ist nicht besonders gut angesehen. Dabei ist ihre Tätigkeit gar nicht so einfach, sondern sehr komplex, was vor allem dann sichtbar wird, wenn man sie formalisieren und durch autonomes Fahren ersetzen will. Das ist der große Move der KI, nicht die Natur zu imitieren, sondern menschliche Arbeitskraft auszubeuten, sie erst nach Regeln auszurichten, um sie dann zu formalisieren und schließlich automatisieren zu können. So war es schon am Fließband und zu Zeiten der Industrialisierung. Das ist die marxistisch orientierte Hauptthese des italienischen Philosophen Matteo Pasquinelli, der hier eine eindrucksvolle Kulturgeschichte von der Mechanisierung menschlicher Fähigkeiten nachzeichnet und deren politischen Gehalt aufzeigt. Man liest und lernt hier viel über die Kybernetik als Leitwissenschaft der Digitalisierung, die eben nicht Maschinen nach den Mustern des Natürlichen konzipiert, sondern unser Verständnis von Denken nach den Vorgaben der Technik modelliert hat. Hier bekommt man keine schlichte, direkte Antwort auf die vielgestellte Frage, ob KI uns die Arbeit wegnimmt, aber man lernt, was mit dem menschlichen Selbstverständnis passiert (das eben auch durch Arbeit vermittelt ist), wenn die Technik zu ihrem Maßstab wird.
Abbildung des Buchs "Künstliche Intelligenz zur Einführung" von Sebastian Rosengrün

Sebastian Rosengrün: Künstliche Intelligenz zur Einführung, Junius Verlag, 2019,
208 Seiten, 15,90 €

Eine zweite, überarbeitete Auflage ist 2024 erschienen.

Rezension hier auf ecologies.

Für mich liefert Philosophie, so abstrakt und akademisch sie hier und da auch ist, das Toolset, um die richtigen Fragen zu stellen, Argumente zu prüfen und im besten Sinn tief und komplex über Dinge nachzudenken. Gerade für ein so aktuelles Thema wie KI ist das unabdingbar, und wenn es dann auch noch gelingt, das verständlich und auf den Punkt zu formulieren, entsteht daraus ein so gelungenes Buch wie das von Sebastian Rosengrün. Neben einem historischen Abriss zur technischen und wissenschaftlichen Entwicklung von KI legt Rosengrün in seinem Buch einen Schwerpunkt auf anthropologische und ethische Fragen. Aus seiner Sicht braucht es keine „digitale Ethik“ oder eine „Ethik der KI“ als neue Disziplinen, sondern eine kritische und vor allem konstruktive Anwendung klassischer ethischer Fragestellungen auf das, was KI kann und möglich macht. Anders als viele überkritische, akademische Kollegen geht es Rosengrün darum, die Entwicklung von KI und den gesellschaftlichen Wandel durch KI verantwortungsvoll zu gestalten.
Atlas der KI: Die Materialität künstlicher Intelligenz

Atlas der KI: Die Materialität künstlicher Intelligenz

Kate Crawford entschleiert in „Atlas der KI – Die materielle Wahrheit hinter den Datenimperien“ die verborgene Seite einer Technologie, die gerade dabei ist, unser Leben und Arbeiten zu revolutionieren. Mit dem scharfen Blick einer kritischen Kartographin zeigt sie, dass KI nicht in der Cloud schwebt, sondern auf massivem Ressourcenverbrauch, unterbezahlter Arbeit und wachsender Machtkonzentration basiert.

Atlas

Um etwas zu verstehen, heißt es ja immer, man solle sich „ein Bild machen“, aber manchmal ist es viel hilfreicher, eine Karte zu zeichnen, Linien zu ziehen, um Zusammenhänge zu sehen. Gerade bei der komplexen technischen, politischen, gesellschaftlichen Entwicklung ist das ein guter Ansatz, den Kate Crawford mit ihrem neuen Buch verfolgt. Sie will die Entwicklung der KI kritisch vermessen: „Wir brauchen eine Theorie der KI, die die Staaten und Unternehmen benennt, die ihre Entwicklung vorantreiben und sie dominieren, den Abbau von Bodenschätzen berücksichtigt, der seine Spuren auf dem Planeten hinterlässt, sowie die massenhafte Datenerhebung und die zutiefst ungleichen und zunehmend ausbeuterischen Arbeitspraktiken mitbedenkt, die sie in Gang halten.“ (19) Dafür hat Crawford ganz journalistisch, empirisch vor Ort recherchiert, Feldforschung betrieben von den Lithium-Minen in Nevada bis ins Snowden-Archiv. Jedes Kapitel ihres Atlas ist also im besten Sinne ein kartographischer Querschnitt, der kultur- und technikhistorische Beispiele mit empirischer Forschung und politischem Kommentar verbindet. Damit entwickelt sie einen kritischen „Materialismus“, der Technik, Kultur und Natur zusammendenkt und sich dabei elegant der Theoriewerkzeuge aus Rechtswissenschaft, politischer Ökonomie und Science-and-Technology Studies bedient.

Erde und Daten

Materialismus ist dabei ganz handfest geologisch und zugleich politisch. Angesichts des geopolitischen Kampfes um „seltene Erden“ ist das nichts Neues, aber doch ein Fakt, der durch den phantasmagorischen Begriff „Künstliche Intelligenz“ und die Idee selbstdenkender Maschinen hier und da verschleiert wird: „Der Begriff ‚Künstliche Intelligenz‘ mag zwar den Gedanken an Algorithmen, Daten und Cloud-Architekturen heraufbeschwören, doch nichts von alledem kann ohne jene Mineralien und Ressourcen funktionieren, aus denen die Kernkomponenten der Computertechnik bestehen.“ (38)

Gerade mit Blick auf Nachhaltigkeit ist Crawfords politischer Materialismus absolut relevant und wichtig. Der Aufstieg von KI-Technologien beruht aber nicht nur auf der Ausbeutung von Bodenschätzen, sondern auch auf der Ausbeutung von Daten und Arbeitskraft. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Shoshana Zuboff hat diesen „Extraktivismus“ in ihrem einflussreichen Buch als „Überwachungskapitalismus“ bezeichnet. Daten, so Zuboff, seien das Erdöl des 21. Jahrhunderts.

Schlachthäuser und Clickwork

Aber wie gesagt, es geht nicht nur um Bodenschätze, sondern auch um Arbeitskraft. Künstliche Intelligenz ist nur so schlau wie das menschliche Wissen, das sie aufgesogen hat, und dass die Chatfenster von ChatGPT und anderen Tools von Hass und Gewalt freigehalten werden, ist das stille und schlecht bezahlte Verdienst zahlreicher „Clickworker“, die am Training der Modelle mitarbeiten.

Um zu zeigen, dass auch diese Form der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ein trauriges Kernelement vieler technologischer Entwicklungsprozesse ist, nimmt Crawford ihre Leser mit in die Schlachthäuser in Chicago, wo im 19. Jahrhundert das Fließband Arbeitsprozesse standardisierte, Handgriffe fragmentierte und menschliche Arbeitskraft zu einer abstrakten, austauschbaren Größe gemacht hat.

Es sind diese kultur- und technikhistorischen Exkurse, die zeigen, in welche Richtung sich die Entwicklung und Nutzung von KI nicht entwickeln sollte. Sie schärfen unseren Blick dafür, wie Technologien unser Leben, unser Arbeiten und letztlich auch unser Selbstverständnis als Menschen verändern.

Kritik ohne Lösung?

Der „Atlas der KI“ ist ohne Frage ein kritisches Buch, eine fundierte investigative Recherche, die den Aufstieg der KI kritisch in den Blick nimmt und dabei akademisch solide und zugleich gut lesbar ist. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass Crawford mit gleicher kritischer Sorgfalt auch die positiven Möglichkeiten und Potenziale der Entwicklung und Nutzung von KI aufzeigt – am besten mit der gleichen empirischen Genauigkeit ihrer übrigen Analysen. Stattdessen finden sich am Schluss etwas kraftlose Appelle für mehr staatliche Regulierung und politisches Engagement.

Gerade wenn man wie Crawford materialistisch denkt und mit den Werkzeugen politischer Ökonomie arbeitet, müsste man konsequent dialektisch denken. Das bedeutet, neben den vielen problematischen Aspekten der gegenwärtigen KI-Entwicklung auch die möglichen Wege ihrer gerechten und verantwortungsvollen Nutzung und Entwicklung aufzuzeigen.

Zum Weiterlesen:

Kate Crawford, Atlas der KI: Die materielle Welt hinter den Datenimperien, C.H. Beck,

München, 336 Seiten.

Sebastian Rosengrün – Künstliche Intelligenz zur Einführung

Sebastian Rosengrün – Künstliche Intelligenz zur Einführung

Wer etwas Kluges über KI lesen will, hat es bei der aktuellen Flut der Bestseller-Titel zu dem Thema schwer. Nicht zu knapp gibt es da engagierte Gesellschaftsdiagnosen, wahlweise dystopisch oder hoffnungsvoll. Argumentativ sind sie aber meist recht dünn und oft eine Aneinanderreihung von Fakten, die durch argumentative Allgemeinplätze zusammengehalten werden. Da bräuchte es eigentlich ein Buch mit philosophisch-akademischem Know-how, das aber nicht zu dröge ist und alle aktuellen Diskurse unaufgeregt, aber klar auf den Punkt bringt. Genau so ein Buch gibt es schon und geschrieben hat es Sebastian Rosengrün, der als Philosoph und Programmierer alles kann, was man in diesem Feld heute braucht – Code schreiben, absurde Argumente zerlegen und in wenigen Zeilen anschaulich erklären, wie beispielsweise ein neuronales Netz funktioniert.

Ein philosophischer Blick auf künstliche Intelligenz

Dieses Buch hat kein buntes marketingtechnisch ausgefeiltes Cover, sondern ist mit dem typisch schlicht weißen Titel Teil der Junius Reihe aus Hamburg, deren Bände mir in meinen ersten Semestern oft die letzten Anhaltspunkte im poststrukturalistischen Theoriedickicht waren. Rosengrün erklärt im Vorwort, dass sein Buch eigentlich gar keine Einführung in Künstliche Intelligenz ist, „sondern in das Nachdenken über Künstliche Intelligenz“. Auf nur 206 Seiten bekommt man einen historischen Abriss der Entwicklungsgeschichte von KI, dann werden ihre wichtigsten Begriffe und Anwendungskontexte und zuletzt gibt es sogar klare Worte zu Datenschutz, Diskriminierung und Big-Tech.

Denk-Werkzeuge für den KI-Hype

Mit der allgegenwärtigen Rede von „Künstlicher Intelligenz“ steht nicht nur aus philosophischer Sicht auch zur Debatte, was überhaupt unter „Intelligenz“ und anderen vielleicht nur vermeintlich genuin menschlichen Fähigkeiten wie Bewusstsein, Emotionalität oder Sprachfähigkeit zu verstehen ist. Beim Lesen des zweiten Kapitels „Können Maschinen denken“ wird klar, wo die große Stärke der Philosophie liegt, nämlich darin Begriffe zu klären, die eben die Werkzeuge unseres Denkens sind. Weil Sebastian Rosengrün aus der analytischen Philosophie kommt, ist die kritische Re-/und Dekonstruktion von Argumenten quasi sein Kerngeschäft. Das mag nicht besonders aufregend klingen, ist es aber. Hier kann jemand die banalen bis teilweise abstrusen Argumente aus der wildwuchernden KI-Bestseller-Debatte sachlich und schnörkellos zerlegen – und das stellenweise auch sehr unterhaltsam.

Technische Kompetenz statt digitaler Ethik

Gerade von Büchern zu einem so drängenden Thema wie KI will man berechtigterweise wissen, was zu tun ist und auch da hat dieses kleine, unscheinbare Buch überraschende Thesen parat. Zum Beispiel hält Sebastian Rosengrün wenig bis nichts von Dingen wie „digitaler Ethik“. Aus seiner Sicht muss man damit keinen neuen gesellschaftspolitisch relevanten Sonderforschungsbereich ausrufen, der sich nun endlich mit den neuesten Technologien beschäftigt. Nein, es geht viel schlichter: „Es bedarf nämlich keiner Ethik für das Zeitalter der KI, sondern es bedarf weiterhin einer Ethik für den Menschen.“

Das ist nicht als rührseliger technikskeptischer Humanismus zu verstehen, sondern als eine nüchterne Kampfansage an die Silicon-Valley-Ideologie und ihre Hypes. Denen begegnet man am besten nicht mit der „Ausrufung eines neuen Zeitalters“, sondern mit „philosophischer Sachlichkeit“. Menschen sollen mündig werden, indem sie neugierig bleiben, Dinge ausprobieren und dabei wissen, was sie tun.

Dass Rosengrün anstatt digitaler Ethik für eine technische Alphabetisierung (technoliteracy) plädiert, wird auch vielen KI-Enthusiasten an diesem Buch gefallen. Anstatt Klassenzimmer flächendeckend mit Tablets und ChatGPT auszustatten, braucht es aus seiner Sicht so einfache Dinge wie Grundlagenwissen und technische Kompetenz.

Alles in allem ist dieses Buch klein, klug und sehr klar. Ach, und übrigens – es ist schon fünf Jahre alt.

Zum Weiterlesen:

Sebastian Rosengrün, Künstliche Intelligenz zur Einführung. 2020, Junius Verlag, Hamburg, 206 Seiten.

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Demokratische Antworten auf die Klimakrise

Demokratische Antworten auf die Klimakrise

Ist die Demokratie gut gerüstet für den Klimawandel? Diese Frage beschäftigt mich oft. Studien zeigen zwar ein wachsendes Bewusstsein für die Klimakrise, doch von der politischen Agenda scheint sie aktuell fast verschwunden. Das Buch „Demokratie und Revolution. Wege aus der selbstverschuldeten ökologischen Unmündigkeit“ von Bernd Ulrich und Hedwig Richter analysiert präzise, warum das so ist.

Demokratie als Konsumversprechen

Demokratie und Revolution – mit diesen zwei gewichtigen Substantiven ließe sich mühelos ein philosophisches Hauptwerk betiteln. Doch die Autor:innen verzichten auf große Worte und revolutionäre Umwälzungen. Sie entlarven Revolutionspathos als überzogene Männerphantasie und zeigen, dass es vielmehr die beharrlichen, kleinteiligen Reformen sind, die die Menschheit vorangebracht haben.

Einen solchen, beharrlichen und wirkungsvollen Reformismus kann gerade die Demokratie leisten – wäre sie nicht, wie Ulrich und Richter es rekonstruieren, stets als Konsumversprechen von stetig wachsendem Wohlstand, Komfort und Luxus verkauft worden. Die Überlegenheit der Demokratie als politisches System mit Konsum- und Wohlstandsgewinnen zu legitimieren, habe die Bürger:innen in Teilen zu „verwöhnten Bürgerkunden“ gemacht, die passiv darauf warten, dass die Politik ihnen wie ein „politischer Pizzadienst“ möglichst zumutungslose Lösungen für die Klimakrise serviert.

Demokratie braucht stattdessen engagierte, mündige Bürger:innen. Für Ulrich und Richter sind es die keineswegs revolutionären bürgerlichen Tugenden wie Disziplin und Maßhalten, mit der wir der Klimakatastrophe politisch wirksam begegnen könnten.

Es geht um „Wege aus der selbstverschuldeten ökologischen Unmündigkeit“, wie es im Untertitel heißt, der auf Kants Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) anspielt. Kants zentrale These – auf die sich dieses Buch noch deutlicher beziehen könnte – besagt, dass Unterdrückung und Unmündigkeit nicht nur von der Obrigkeit ausgehen, sondern auch mit der „Faulheit und Feigheit“ jedes Einzelne zusammenhängen. Ulrich und Richter sehen diese Trägheit bei beiden: bei Bürger:innen, denen ihr Konsum und Komfort wichtiger erscheinen als unser gemeinsames Überleben, und bei einer Politik, die diesem kindischen Konsumismus nachgibt – getrieben von der Angst, klimapolitische Vorstöße könnten Wähler in die Arme rechter Parteien treiben.

Verantwortung und Selbstbeschränkung

Konkrete politische Maßnahmen oder Vorschläge zur besseren Bürgerbeteiligung liefert das Buch nicht. Hier geht es erstmal um die Analyse unseres gesellschaftlichen Bewusstseins und die Mechanismen der Verdrängung. Das klingt hoch gegriffen, ist aber so pointiert und scharfsinnig formuliert, dass man sich an vielen Stellen des Buches unangenehm wiedererkennt.

Es geht um Haltungen wie man sie in Alltagsgesprächen so oft hört, zum Beispiel die, dass man erst bereit sei weniger Auto zu fahren, wenn der Staat das Bahnnetz komplett saniert hat, oder erst dann ein E-Auto kauft, wenn die Subventionen dafür hoch genug und das Ladenetz dafür perfekt ausgebaut ist. Im Grunde sind solche Argumente verständlich, aber sie sind auch verwöhnt und verantwortungslos und warten auf das Handeln „der Politik“, die gerade in einer Demokratie letztlich wir selbst sind.

Wie waren Kennedys berühmte Worte seiner Antrittsrede 1961: „Ask not what your country can do for you. Ask what you can do for your country.“ Dahin müssen wir kommen. Es klingt aufklärerisch, kantianisch und durchaus akademisch, aber: Wir müssen unsere Privilegien reflektieren und – wie Kant – einfacher und bescheidener leben. Das ist der Vorschlag dieses Buchs, ein mündige und befreiende Entscheidung für weniger.

Die Untermoralisierung des Ökologischen

Im politischen Diskurs erntet moralisches Argumentieren oft angestrengt verzogene Gesichter. Die Autor:innen wundern sich aber über die „Untermoralisierung des Ökologischen“ – warum diskutieren wir andere gesellschaftliche Themen hochmoralisch, während maßloses Fleischessen, Fliegen und Skifahren kaum hinterfragt werden?

Eine große Stärke des Buches ist, dass die Autor:innen dies selbstkritisch in den Blick nehmen und auf die enge Verbindung von sozialen und ökologischen Gerechtigkeitsfragen hinweisen. Gerade die besserverdienende akademisch-gebildete Klasse brüstet sich oft mit klimabewusstem Verhalten, obwohl mit dem Einkommen auch der Konsum und damit der ökologische Fußabdruck steigt. Es ist ja kein Geheimnis, aber doch immer wieder wichtig darauf hinzuweisen, dass gerade Menschen mit niedrigen Einkommen am meisten unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben.

Das Buch liefert auch eine kompakte und pointierte Analyse europäischer und insbesondere deutscher Klima- und Umweltpolitik von Fridays for Future bis zum Heizungsgesetz. Neben aller scharfen Kritik bleibt die zentrale These des Buchs aber auch positiv und hoffnungsvoll: Wir haben alles, um der Klimakrise zu begegnen – genug Wissenschaft, Technologie und stellenweise auch politischen Willen. Das „drängendste Problem der westlichen Gesellschaften“, so schreiben Ulrich und Richter, sind nicht Klimakrise, Artensterben und Wirtschaftskrisen, sondern „Resignation“ und „der schwindende Glaube an die Zukunft“.

Hedwig Richter und Bernd Ulrich, Demokratie und Revolution. Wegen aus der selbstverschuldeten ökologischen Unmündigkeit. 2024, Kiepenheuer & Wietsch, 368 Seiten.

Zum Weiterlesen

Die Autor:innen im taz Talk

Rezensionsnotizen zum Buch bei perlentaucher

The Coming Wave – Wie KI die Biotechnologie revolutioniert

The Coming Wave – Wie KI die Biotechnologie revolutioniert

Bücher über Künstliche Intelligenz schießen momentan wie Pilze aus dem Boden. Wie bei jedem Tech-Hype bilden sich zwei Lager: die Propheten und die Mahner. Mich hat überrascht, dass ausgerechnet Deepmind-Gründer Mustafa Suleyman den Blick auf die synthetische Biologie lenkt und eine Eindämmung der KI-Welle fordert.

KI in der Biotechnologie

Zwischen den zahlreichen Bedrohungsszenarien, die Suleyman in seinem Buch skizziert, steht eine etwas versteckte, aber wichtige These: KI wird die Biotechnologie revolutionieren. Mit KI-gestützter synthetischer Biologie können wir bald Organe im Labor züchten und Organismen erschaffen, die CO2 binden und Schadstoffe zersetzen, prophezeit Suleyman. Was heute die Präzisionsfertigung von Computerchips ist, wird morgen die Herstellung von Lebewesen sein. Doch genau diese Entwicklung bereitet ihm Sorgen: In den falschen Händen ließe sich die Technologie zur Züchtung biologischer Kampfstoffe missbrauchen.

Seine Warnungen haben Gewicht. Mit Deepmind entwickelte Suleyman „Alpha Fold“, ein KI-Programm, das die Faltungsstrukturen von Proteinen vorhersagt. Diese Entschlüsselung hilft bei der Erforschung von Krankheiten wie Krebs und Alzheimer, die durch fehlerhafte Proteinfaltungen entstehen. Bei dem Gemeinschaftsexperiment CASP 2020 waren Alpha Folds Vorhersagen so präzise, dass Wissenschaftler das Problem der Proteinfaltung für gelöst erklärten.

 

Ruf nach staatlicher Regulierung

Ein Silicon-Valley-Insider ruft nach dem Staat – das überrascht. Statt das neoliberale Mantra zu wiederholen, Regulierung würde Innovation ersticken, macht Suleyman konkrete Vorschläge zur Eindämmung. Seine „Ten steps towards containment“ fordern das Zusammenspiel von Entwicklern, Unternehmern, Zivilgesellschaft und Politik. Den AI Act der EU sieht er als wichtigen Schritt zur KI-Regulierung.

Ausgerechnet beim Klimawandel verfällt Suleyman jedoch in naive Technikgläubigkeit. Seine Lösungsvorschläge – Enzyme gegen Plastik, Tracking gegen Waldsterben, KI zur Entwicklung besserer Batterien – sind eher Einfälle, als durchdachte Argumente. Dennoch: „The Coming Wave“ ist ein wichtiger Weckruf aus dem Silicon Valley und ein Gegengewicht zum rechts-libertären Techno-Utopismus à la Elon Musk.

 

Jenseits von Natur und Technik

„It’s no exaggeration to say the entirety of the human world depends on either living systems or our intelligence.” Diese Bemerkung am Anfang des Buches eröffnet eine neue, fast philosophische Perspektive: KI fordert nicht nur menschliche Intelligenz heraus – sie dringt durch synthetische Biologie in das Leben selbst ein. Technik ist somit nicht mehr Kultur, nicht mehr ein fremdes Gegenüber des Menschen, sondern integraler Bestandteil einer biotechnologischen Gestaltung des Lebens. Damit verwischt sich einmal mehr die Grenze zwischen Natur und Technik.

 

Mustafa Suleyman und Michael Bhaskar, The Coming Wave. Technology, Power and the Twenty-first Century’s Greatest Dilemma, Crown Publishing Group, 2023, 287 Seiten.

Zum Weiterlesen:

Panel-Diskussion mit Mustafa Suleyman

Leseprobe beim freitag

Alexander von Humboldt – Die Erfindung der Natur

Alexander von Humboldt – Die Erfindung der Natur

 Eigentlich wollte ich ein bisschen durch den tropischen Regenwald reisen mit dieser Humboldt-Biographie – eine imaginäre Exit-Strategie gegen den grauen Winter. Ein guter Plan, habe ich mir gedacht, als ich das Buch für nur 5 Euro auf dem Flohmarkt fand.

Forschungsgeist ohne Grenzen

Alexander von Humboldt kennt man als großen Naturforscher, aber mit diesem Buch lernt man ihn auch als Menschen kennen, als einen rastlosen, vielseitig interessierten und ungeheuer schnellen Geist. Allein schon das ist inspirierend genug. Gerade in unserer durchspezialisierten Wissenschaft von heute tut es gut, seinen im besten Sinne „interdisziplinären“ Forschungsgeist zu spüren. Humboldt ist eben nicht nur rationalistischer Aufklärer, sondern auch ein Romantiker. Etwas wissen zu wollen ist für ihn eine Emotion.

Besonders aufschlussreich waren für mich neben den Kapiteln über die berühmte Forschungsreise nach Südamerika die Kapitel über Humboldts Zeit in Weimar und seine Freundschaft mit Goethe, die sein Naturbild grundlegend geprägt haben. Bemerkenswert finde ich auch, wie Wulf den politischen Gehalt von Humboldts berühmter Südamerika-Reise in einem Kapitel über seine Beziehung zu Simón Bolívar und die Bedeutung seiner Schriften für die Unabhängigkeit Lateinamerikas schildert.

 

Eine erzählerische Biografie

Humboldts abenteuerliches Leben und seine Forschungsreisen erzählt Andrea Wulf so lebendig, dass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte. Die deutsch-amerikanische Wissenschaftshistorikerin recherchiert nicht nur akribisch, sondern schreibt mit einer Klarheit und Leichtigkeit, die fesselt. Besonders positiv ist, dass sie weder in den Biografie-Kitsch verfällt noch Humboldts Denken zwanghaft in unsere Zeit überträgt.

Dieses Buch liest sich flüssig, unterhaltsam und ich habe nebenbei eine Menge über Humboldt und die Naturwissenschaft seiner Epoche gelernt. Natürlich hätte man sein Leben auch anders erzählen können – kritischer, experimenteller, mit mehr Deutung und Analyse einzelner Denkfiguren. Aber was will man mehr als eine kluge, gut dokumentierte Biographie, die nicht langweilt?

 

Ein Vordenker der Nachhaltigkeit

Nicht nur aus imaginärer Reiselust habe ich dieses Buch gekauft, sondern auch, weil mich Alexander von Humboldts neuer Blick auf die Natur interessiert hat. Und genau darauf legt dieses Buch auch den Fokus auf Humboldts wegweisenden Forschungen zu Ökologie und Klimawandel. Andrea Wulf zeigt, wie Humboldt mit seinem berühmten „Naturgemälde der Anden“ einen völlig neuen Blick auf die Natur entwickelte und als Vordenker der heutigen Ökologie gelten kann. In der tollen philosophischen Reihe „Was bedeutet das alles“ bei Reclam ist gerade ein neuer Band erschienen, der Texte aus Humboldts Werk in den Kontext von Ökologie und Nachhaltigkeit rückt.

Alexander von Humbold - Auf dem Weg zum ökologischen Denken. Drei Texte

Was mir besonders im Gedächtnis bleibt, sind die von Wulf sorgfältig ausgewählten Zitate, die Humboldt als brillanten Denker und begnadeten Erzähler zeigen. Er kommt in diesem Buch viel selbst zu Wort, was auch charakteristisch für ihn ist. Denn sein Bruder Wilhelm beklagte sich nämlich über den „Redefluss“ seines Bruders, der „unerbittlich dahinrauscht“ (Wulf, S. 183). Diese Kraft seines Denkens und Sprechens, die auch in dieser Biographie spürbar ist, macht Lust, noch mehr von Humboldt selbst zu lesen.

Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Aus dem Englischen von Hainer Kober, 2016, C. Bertelsmann, 560 Seiten.

Alexander von Humboldt, Auf dem Weg zum ökologischen Denken. Drei Texte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Ottmar Ette, 2023, Reclam, 126 Seiten.

 

Zum Weiterlesen:

Rezension und Beitrag bei druckfrisch

Rezension von Michael Lange im DLF

Website von Andrea Wulf

 

 

 

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