Der Sound des Klimawandels

Der Sound des Klimawandels

Ludwig Berger ist Klangkünstler. Seine Installationen und Performances machen unhörbare Prozesse in der Natur akustisch erfahrbar – von schmelzenden Gletschern bis zu den Vibrationen von Insekten. Im Interview erklärt er, warum gerade Sound uns neue Perspektiven auf ökologische Zusammenhänge eröffnet.

„Sound Art“ oder „Klangkunst“ – das ist ein sehr offener Begriff. Was machst du genau und wie bist du dazu gekommen?

Mir gefällt gerade dieses Offenheit, denn ich mache viele verschiedene Dinge, die mit Sound zu tun haben wie Klanginstallationen, Radiostücke, Performances, Hörspaziergänge oder Tonträger. Um es auf den Punkt zu bringen, könnte man vielleicht sagen, dass ich mit aufgenommenen Klängen arbeite, die (noch) nicht Musik sind.

Mein Hintergrund ist die elektroakustische Komposition, die ich in an der Hochschule für Musik Weimar studiert habe. Dort lernt man, wie man mit aufgenommenen Klängen komponiert – das hat seine Wurzeln in der Musique concrète der 50er Jahre. Die Idee war, mit dem Material der realen Welt Musik zu erschaffen. Aber mich hat von Anfang an der Kontext der Klänge interessiert. Während meine Kommiliton:innen abstrakte Collagen machten, haben mich Orte fasziniert – ihre Identität und wie man diesen Kontext als Teil der Komposition behandeln kann.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger auf dem Morteratsch Gletscher

Foto: Lutz Stautner und Philipp Becker.

Wie gehst du dabei vor? Wie näherst du dich einem Ort an?

Mich interessiert weniger, Klänge von unterschiedlichsten Orten zu sammeln. Ich arbeite lieber mit wenigen Orten, die ich dafür regelmäßig besuche und immer besser kennenlerne. Es geht mir darum, eine Beziehung zu entwickeln und in die Tiefe zu gehen.

Ich habe eine ganze Palette an Mikrofonen dabei: Hydrofone für Unterwasseraufnahmen, Kontaktmikrofone, die ich an Pflanzen klebe, elektromagnetische Sensoren für Strahlungsfelder. Und ich versuche nicht puristisch vorzugehen – meine eigene Präsenz filtere ich nicht heraus, sondern arbeite produktiv damit. Im Moor zum Beispiel grabe ich Mikrofone in den Torf ein und stelle mich darauf, verlagere langsam mein Gewicht. Das komprimiert und dekomprimiert das Moos – es klingt wie Atmen. Die Mikrofone werden zu einem Körper, der zwischen mir und der Landschaft vermittelt.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger auf dem Morteratsch Gletscher

Foto: Bruno Augsburger

Über Ludwig Berger

Ludwig Berger ist Klangkünstler und erforscht die akustischen Dimensionen von Landschaften. Er studierte elektroakustische Komposition in Weimar und arbeitete bis 2022 am Institut für Landschaftsarchitektur der ETH Zürich. Seine Projekte „Crying Glacier“ dokumentiert den schmelzenden Morteratsch-Gletscher, „Photosynthetic Beats“ macht Photosynthese hörbar. Für die Architekturbiennale Venedig schuf er „Ecotonalities“, eine Installation über die Klangwelten technischer Infrastrukturen und ihre ökologischen Übergangszonen. Berger kollaboriert mit Biolog:innen zur vibrationalen Kommunikation von Insekten.

Warum ist gerade Sound ein so interessantes Medium für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur?

Durch das Hören kann man sehr viel über seine Umgebung lernen. Ich mag diesen Moment des Staunens – wenn man plötzlich etwas hört, wo man nie gedacht hätte, dass es so klingt. Man kann nicht sehen, wie viele Insekten auf einer Wiese sind, aber man hört ziemlich schnell, wie lebendig sie ist, wenn man durch die Arbeit am Sound die Wahrnehmung und den Maßstab verändert.

Was mich besonders fasziniert: Je kleiner die Dinge sind, umso größer klingen sie oft. Sobald man ganz nah dran ist, füllt es plötzlich den ganzen Klangkörper. Bei der vibrationalen Kommunikation von Insekten zum Beispiel – Läuse sind unglaubliche Sänger, sie singen melancholische Lieder, von denen wir nichts hören, weil sie in einem anderen Medium kommunizieren. Mit Laser-Doppler-Vibrometern kann man alle Signale hören, die in einer Pflanze übertragen werden. Da tut sich eine ganz neue Welt auf.

 

Du hast über mehrere Jahre dem Morteratsch-Gletscher beim Schmelzen zugehört. Wie kam es dazu und was hast du dort entdeckt?

Das Projekt begann 2016 als Kurs an der ETH Zürich. Wir wollten den Klimawandel hörbar machen anhand von etwas, was direkt vor unserer Haustür ist. In der Schweiz sind die Gletscher landschaftsprägend – und sie verschwinden.

Ich gehe auf den Gletscher und lasse Unterwassermikrofone in wassergefüllte Spalten. In dem Moment ist man wie mit dem ganzen Gletscher verbunden – wie ein Stethoskop, mit dem man den Körper abhört. Man hört Tropfen, Fließen vom Schmelzwasser, tiefe Schläge und Knacken vom Eis. Aber die Klänge, die mich am meisten interessieren, kommen von Luftblasen, die im Eis eingeschlossen sind – teilweise hunderte Jahre alte Luft. Wenn diese Bläschen schnell genug austreten, entstehen Melodien, die wie elektronische Musik klingen, wie Vogelgezwitscher oder menschliche Stimmen.

Seit ich 2016 angefangen habe, muss ich jetzt eine gute halbe Stunde mehr den Berg hochgehen, um überhaupt zum Gletscher zu gelangen. Die Stelle, wo ich vor zwei Jahren aufgenommen habe, ist nur noch eine Steinwüste. An einem heißen Sommertag können eine Million Tonnen Eis abschmelzen. Diese Wassermassen spürt man – der Gletscher hinterlässt eine Wüste, wo immer wieder Geröll runterkracht. Es hat noch diese hochalpine, kristalline Schönheit, aber man merkt auch, wie alles zusammenbricht.

Das Foto zeigt den Soundkünstler Ludwig Berger bei Aufnahmen für seine Klanginstallation Ecotonalities

Foto: Valentin Bansac

In deinem Projekt „Ecotonalities“ für den Luxemburger Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig untersuchst du die Klangwelten technischer Infrastrukturen. Was war die Idee dahinter?

Wir haben Datenzentren, Satellitenanlagen, schwimmende Photovoltaikanlagen und Windkraftanlagen in Luxemburg aufgenommen – diese neue Landschaft, die sehr im Kommen ist. Es ging darum, ein Gefühl dafür zu bekommen: Wie klingt überhaupt ein Datenzentrum? Aber auch das Verhältnis dieser Orte zu ihrer Umgebung zu untersuchen.

Ich bin auf den Begriff des „Ökotons“ gestoßen – in der Ökologie bezeichnet das eine Übergangszone zwischen zwei Ökosystemen. Wir haben das verwendet für die Übergangszonen zwischen menschlicher Infrastruktur und den umliegenden Ökosystemen. Während man visuell klare Grenzen hat zwischen diesen Territorien, ist es akustisch viel mehr überlappend.

Am Satellitenpark, wo menschliche Daten übertragen werden, hört man Schwärme von Staren – das klingt wie Radiosignale. Es geht mir darum, diese Parallelität zu zeigen: dass es auch bei Tieren Energieproduktion und Datenübertragung gibt. Aber auch klarzustellen, dass bestimmte Machtverhältnisse im Klang hörbar sind. In der Bioakustik spricht man von Klang als Ressource – Tiere sind angewiesen auf akustische Kommunikation. Die Ressource ist quasi die Stille. Sobald wir Klänge produzieren, ist diese Ressource nicht mehr da für andere.

Wie erleben Menschen deine Installationen?

Bei „Ecotonalities“ betritt man einen abgedunkelten Raum mit 24 Lautsprechern. In der Mitte ist eine Plattform mit Vibrationslautsprechern, die die Plattform in Schwingung bringen. Die Leute legen sich darauf und hören die Klänge nicht nur, sondern spüren sie im ganzen Körper – wenn eine Heuschrecke in einem Grashalm vibriert, vibriert die ganze Plattform.

Die Reaktionen reichen von körperlich bis sehr emotional. Beim Gletscherprojekt beschreiben Leute, dass sie anfangen zu weinen. Wir geben Gefühlen, die mit dem Klimawandel zu tun haben, oft nicht genügend Raum. Wenn man sich wirklich hinsetzt und genau hört, was gerade passiert, ist es erschreckend – aber es hat auch etwas Verbindendes. Viele sind dankbar für diesen Raum, auch um zu trauern. Aber mir ist wichtig, dass es nicht nur schwer ist – es gibt auch leichte, lustige Momente. Manche Gletscherklänge erinnern an Körpergeräusche, bei den Insekten gibt es sehr lustige Klänge. Es soll auch etwas Unterhaltsames haben.

Mehr Infos:

Auf Ludwig Bergers Website finden sich alle Infos und Bilder zu seinen Arbeiten und Projekten.

Mehr Bilder zu der Installation „Ecotonalities“ gibt es auf der Seite der Venedig Biennale 2025.

Die New York Times hat „Crying Glacier“ in ihre Dokumentarfilmplattform aufgenommen.

Ludwigs Buchtipp: Donna Haraway, Staying with the Trouble, Duke University Press, 2016 (Deutsche Übersetzung im Campus Verlag).

Beitragsbild oben: Foto von Lutz Stautner und Philipp Becker
Smart Cities: Wie digitale Technologien Städte nachhaltiger machen

Smart Cities: Wie digitale Technologien Städte nachhaltiger machen

Lisa Dreier arbeitet am Deutschen Institut für Urbanistik und begleitet deutschlandweit Kommunen bei der Entwicklung smarter Stadtkonzepte. In Interview erklärt sie, was hinter dem Begriff Smart City steckt und wie digitale Technologien dabei helfen, unsere Städte lebenswerter zu machen.

 

 „Smart City“ das ist oft ein schnelles Buzzword für die digitale Modernisierung von Städten. Was versteht man eigentlich darunter und wie hat sich das Konzept entwickelt?

Die Smart City gibt es nicht als eine einheitliche Idee – das kann relativ viel bedeuten, je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachtet. Für mich gibt es zwei zentrale Zugänge: Entweder man sieht es aus der reinen Technik-Perspektive, wo Technologie als Lösung für alle städtischen Probleme verstanden wird. Oder man fragt sich: Wie können wir Technik sinnvoll nutzen? Wie wird sie zum Mittel zum Zweck statt zum Selbstzweck?

Die Idee Städte als steuerbare Systeme zu verstehen, reicht zurück bis in die 1950er und 60er Jahre. Entstanden ist diese Idee damals auch im Kontext der „Kybernetik“ als Steuerungswissenschaft, die nach dem zweiten Weltkrieg ihre große Zeit hatte. Der Begriff „Smart City“ selbst kam dann in den frühen 2000ern auf, aber richtig durchgesetzt hat er sich ab 2009. Das hat auch mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft und der Verbreitung von Smartphones Mitte der 2000er zu tun. Die digitale Vernetzung und die Verfügbarkeit von Daten haben das Konzept noch einmal grundlegend verändert.

Foto von Lisa Dreier. Credit: Vera Gutofsky, Deutsches Institut für Urbanistik.

Foto: Vera Gutofsky, Deutsches Institut für Urbanistik.

Über Lisa Dreier

Lisa Dreier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Urbanistik im Forschungsbereich Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Digitalisierung und Stadtentwicklung. Sie berät Kommunen bei der Entwicklung und Umsetzung von Smart-City-Lösungen, und forscht zu Themen wie Künstlicher Intelligenz, Digitalen Zwillingen und dem Einsatz von Virtueller Realität in Beteiligungsprozessen.

Du arbeitest in der Koordinierungs- und Transferstelle Modellprojekte Smart Cities. Wie funktioniert dieses Förderprogramm?

Wir betreuen zusammen mit weiteren Projektpartnern im Auftrag des Bundes das größte deutsche Förderprogramm für Digitalisierung in der Stadtentwicklung, die „Modellprojekte Smart Cities“. Der Bund fördert darin 73 Kommunen mit insgesamt 830 Millionen Euro. Die Kommunen konnten sich mit eigenen Projektideen bewerben. Eine Expertenjury hat dann eine möglichst große Bandbreite ausgewählt: von Metropolen wie München oder Hamburg bis zu kleinen Gemeinden mit so episch klingenden Namen wie Apfeldorf und Fuchstal.

Das spiegelt unser föderales System wider. Deutschland besteht nicht nur aus Großstädten, sondern aus 11.000 sehr unterschiedlichen Kommunen. Deshalb werden auch bewusst Projekte mit einerseits klarem Ortsbezug gefördert, andererseits geht es dabei um die Frage, wie andere Kommunen mit vergleichbarer Ausgangssituation von diesen ersten Erfahrungen profizieren können. Die Modellkommunen sollen daher Lösungen entwickeln, von denen alle anderen lernen können. Wir unterstützen sie dabei – von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Das bedeutet: Wir fahren quer durchs Land, setzen uns mit den Verantwortlichen zusammen und arbeiten gemeinsam daran, wie sich neue Ansätze in bestehende Verwaltungsstrukturen integrieren lassen.

Welche konkreten Vorteile bieten digitale Technologien für die Stadtentwicklung?

Das Potenzial liegt vor allem in der intelligenten Nutzung von Daten. Nehmen wir zwei zentrale Herausforderungen: Bürgerbeteiligung und Klimaanpassung. Bei der Bürgerbeteiligung geht es darum, komplexe Planungsvorhaben verständlich zu vermitteln. Traditionell liegen Bebauungspläne im Rathaus aus – meist zu Zeiten, wo normale Berufstätige keine Zeit haben. Digitale Tools ermöglichen es, diese Pläne online einzusehen, dreidimensionale Modelle zu erkunden und direkt Feedback zu geben. Wenn dann Hunderte von Rückmeldungen eingehen, können intelligente Systeme bei der Auswertung helfen.

Beim Klimaschutz ist die Anpassung von Städten an den Klimawandel und beispielsweise die Prognose von Extremwetterereignissen entscheidend. Sensornetzwerke können Daten zu Temperatur, Niederschlag und Bodenfeuchtigkeit in Echtzeit erfassen. So lassen sich Starkregen oder Hitzeperioden besser vorhersagen. Und Städte können gezielter reagieren: Wo entstehen Hitzeinseln? Welche Gebiete sind bei Starkregen überschwemmungsgefährdet? Diese Daten ermöglichen es, präventiv zu handeln, statt nur zu reagieren.

Wie bewertest du den aktuellen Stand der Smart-City-Entwicklung in Deutschland?

Das kommt auf die Perspektive an. Technologisch sind andere Länder teilweise weiter – allerdings oft auf Kosten des Datenschutzes. Unsere strengen Datenschutzbestimmungen sind ein wichtiges Gut, auch wenn sie Entwicklungen manchmal verlangsamen.

Die deutschen Verwaltungsstrukturen sind oft sehr starr, was solchen Smart City-Projekte auch schnell den experimentellen Charakter nehmen kann, der aber notwendig ist. Man muss Dinge ausprobieren und dabei eben auch scheitern dürfen, um voranzukommen. Was mich optimistisch stimmt: Die personelle Entwicklung in den Kommunen. Es ist beeindruckend, welche Expertise dort aufgebaut wurde. Die Mischung aus erfahrenen Verwaltungsmitarbeitern und neuen Ideen funktioniert erstaunlich gut.

Wir haben großen Respekt vor den Smart-City-Teams in den deutschen Kommunen. Sie sind oft kleine Speerspitzen, die zeigen, was möglich ist. Trotz vieler Widrigkeiten erkämpfen sie sich Raum für Innovation. Diese Beharrlichkeit und der konstruktive Austausch zwischen den Kommunen machen mir Mut für die Zukunft der Smart City in Deutschland.

Mehr Infos:

Artikel von Lisa zum Thema „Resilienz in der Smart City“

Über die Projekte

Überblick zu den Modellprojekten Smart Cities

Die Beteiligungsplattform DIPAS in Hamburg

Das Tiny Rathaus in Kiel

Das Projekt „Helfende Hände“

Stadtklimamonitoring in Bochum

Hitzeschutz in Hannover

Beitragsbild oben: Jill Evans, pexels.
Barrierearmes Webdesign – Ein Interview mit Juliane Schwabenbauer

Barrierearmes Webdesign – Ein Interview mit Juliane Schwabenbauer

Juliane Schwabenbauer hat gemeinsam mit Barbara Hinz in Leipzig das Designstudio two do gegründet. Zusammen machen sie engagiertes, gesellschaftsrelevantes Design mit einem Fokus auf soziokulturellen und politischen Projekten. Weil am 28. Juni in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft tritt, haben wir über digitale Inklusion und barrierearmes Webdesign gesprochen.

Hallo Juliane, gemeinsam mit deiner Kollegin Barbara Hinz betreibst du seit zwei Jahren das Designstudio two do. Wie arbeitet ihr zusammen?

Wir haben two do gemeinsam gegründet und arbeiten hauptsächlich zu zweit. Fest im Team ist auch ein Programmierer, und je nach Projekt holen wir weitere Freelancer aus unserem Netzwerk dazu. Das funktioniert hervorragend und bereichert unsere Arbeit. Für das Projekt diskriminierungskritischer Klassenrat haben wir zum Beispiel mit einer Illustratorin zusammengearbeitet, die selbst einen Migrationshintergrund hat.

Man liest überall den Begriff „Barrierefreiheit“. Was bedeutet „barrierearm“ und wie setzt ihr diesen Ansatz in euren Projekten und Entwürfen um?

Wir haben früher selbst „barrierefreies Design“ gesagt, aber der Begriff ist eigentlich irreführend. Design kann nie vollständig barrierefrei sein, weil die Wahrnehmungen und Lebensrealitäten zu vielfältig sind. Vollständige Barrierefreiheit wird es nie geben, aber wir können durch gutes Design versuchen, möglichst viele Barrieren abzubauen.

Ein Anlass unseres Gesprächs ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das am 28. Juni in Kraft tritt. Es überführt den EU Accessibility Act in deutsches Recht und soll sicherstellen, dass künftig mehr Dienstleistungen barrierefrei gestaltet werden – darunter auch digitale Angebote und Dienstleistungen. Was hältst du davon?

Ich finde dieses Gesetz ausgesprochen wichtig, weil es dem Thema endlich die nötige Aufmerksamkeit verschafft. Oft braucht es leider einen äußeren Anstoß, damit sich Dinge wirklich verändern. Barrierefreiheit erfordert Ressourcen, Zeit und Geld – und ohne gesetzliche Vorgaben fehlt bei vielen das Bewusstsein für die langfristigen Vorteile.

Worauf muss man bei barrierefreiem Webdesign achten und wie setzt man es konkret um?

Im Frontend geht es wesentlich um Kontraste, besonders Farbkontraste. Mit Tools wie whocanuse.com können wir testen, ob unsere Farbkombinationen für Menschen mit verschiedenen Seheinschränkungen funktionieren. Wichtig sind auch durchdachte Typografie, angemessene Schriftgrößen und Zeilenabstände. Die visuelle Wahrnehmung läuft oft unbewusst ab – wir verstehen eine gut gestaltete Seite innerhalb einer Sekunde oder eben nicht. Klare Hierarchien leiten das Auge und können die Orientierung verbessern.

Konkrete Anforderungen sind zudem: stoppbare Animationen für Menschen mit Epilepsie, Tastatursteuerbarkeit für Nutzer mit motorischen Einschränkungen, sichtbare Fokusrahmen und eine Funktionalität auch in Schwarz-Weiß für Menschen mit Farbenblindheit.

Im Backend müssen wir sicherstellen, dass die Seite screenreader-kompatibel ist. Das erreichen wir durch saubere Strukturierung mit Tags und indem wir alle visuellen Elemente mit aussagekräftigen Alt-Texten hinterlegen.

Das Foto zeigt Juliane Schwabenbauer, Inhaberin des Studios two do aus Leipzig

Foto: privat

Über Juliane Schwabenbauer

Juliane Schwabenbauer hat an der Bauhaus-Universität Weimar Medienkunst und Grafikdesign studiert. Bei einem Auslandsaufenthalt in Korea wurde sie auf das Thema Alterseinsamkeit aufmerksam und hat eine App entwickelt, mit der sich ältere Menschen verabreden können. Später wurde daraus gemeinsam mit ihrer Kollegin Barbara Hinz die Idee für ein gemeinsames Studio mit Fokus auf barrierearmem Design und gesellschaftsrelevanten Projekten.

Wie läuft ein Designprozess mit Kunden ab?

Unser Prozess beginnt immer mit einem Kick-off-Workshop. Vorher geben wir den Kund:innen Hausaufgaben: Sie sollen ihre Zielgruppe definieren und die Stärken und Schwächen ihrer aktuellen Seite analysieren. Im Workshop strukturieren wir dann gemeinsam die neue Seite, entfernen Überflüssiges und kürzen Inhalte, damit Besucher mit möglichst wenigen Klicks zum Ziel kommen. Wir sprechen über Wünsche, Bedürfnisse und vorhandene Corporate-Design-Vorgaben, die berücksichtigt werden müssen. Eine Website barrierearm zu gestalten, bedeutet immer, sie grundsätzlich zu durchdenken und neu aufzubauen, damit auch alle Bereiche und Funktionen zugänglich sind und zusammen funktionieren.

Wie reagieren eure Kunden, wenn das Projekt fertig ist?

Bisher sind alle durchweg begeistert gewesen, wie viel entschlackter, schöner und benutzerfreundlicher ihre Websites geworden sind. Es existiert leider der Trugschluss, dass barrierefreies Design automatisch zu gestalterischen Abstrichen führt. Natürlich kann man allzu experimentelle Ideen nicht umsetzen, aber insgesamt schränkt barrierearmes Design nicht ein, sondern fordert uns heraus, intensiver über Gestaltung nachzudenken. Das Entscheidende ist die Bereitschaft zum Perspektivwechsel: Man muss aus der eigenen Komfortzone heraustreten und verstehen, woran andere Menschen scheitern könnten. Diese Herausforderung führt letztlich zu besserem Design für alle.

Hat sich dein Blick auf Design durch die Arbeit mit Barrierefreiheit verändert?

Ich hatte Glück, dass mein persönlicher Stil schon immer recht reduziert war. Die Schweizer Typografie und der schlichte, moderne Bauhaus-Stil haben mich schon immer begeistert. Aber mein Designverständnis hat sich auch grundlegend gewandelt. Ich habe schnell begriffen: Design bedeutet nicht einfach nur „schön machen“ – es ist ein Prozess, der verschiedene Lebensrealitäten berücksichtigen muss. Wir gestalten unsere Umgebung ständig und tragen damit auch Verantwortung.

Du hast digitale Tools zur Prüfung von Barrierefreiheit erwähnt. Arbeitet ihr auch direkt mit Menschen mit Einschränkungen zusammen, die eure Entwürfe aus erster Hand testen?

Wir würden unsere Produkte viel lieber direkt mit den betroffenen Menschen testen lassen, aber hier stoßen wir oft an finanzielle Grenzen. Es gibt in Leipzig eine hervorragende Agentur, die genau solche Tests anbietet. Dort arbeiten viele Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, die professionell Produkte auf Barrierefreiheit prüfen – sie haben beispielsweise auch die Leipziger Buchmesse evaluiert. Eine Zusammenarbeit wäre für uns ideal, scheitert aber meist am Budget. Daher müssen wir uns hauptsächlich auf digitale Testtools verlassen.

Ist barrierefreies Design noch ein Nischenthema oder wird es langsam größer?

Das ist schwer einzuschätzen, da die Design-Community recht überschaubar ist. Ich spüre definitiv, dass das Thema präsenter wird. Es gibt eine wachsende Gruppe engagierter Designer:innen, die bewusst gesellschaftsrelevant und politisch arbeiten möchten. Diese Personen setzen sich leidenschaftlich für barrierefreies Design ein. Allerdings sind es oft die „Nerds“ unter uns, die wirklich Lust haben, tief in diese komplexe Materie einzusteigen. Ich hoffe, dass mit zunehmender Gesetzgebung und gesellschaftlichem Bewusstsein barrierefreies Design vom Spezialthema zum selbstverständlichen Standard wird. So weit sind wir aber noch nicht.

Wir leben in politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten. Was gibt dir Hoffnung?

Meine Hoffnungsquellen variieren tatsächlich von Woche zu Woche. Besonders berührt es mich, wenn ich bei Demos erlebe, wie viele Menschen sich engagieren und für gesellschaftliche Anliegen einsetzen. Ein konkretes Beispiel, das mich optimistisch stimmt: Wir haben zusammen mit dem Volksverpetzer eine Broschüre mit dem Titel „Fakten gegen rechte Mythen“ entwickelt. Als Gestalter:innen wollten wir unsere Kommunikations- und Designkompetenzen sinnvoll einsetzen. Wir haben zehn gängige Thesen ausgewählt und Freunde gefragt, ob sie jeweils eine bearbeiten möchten. Die Resonanz war überwältigend – alle wollten sofort mitmachen und konkret handeln. Diese Bereitschaft zum aktiven Engagement in meinem Umfeld gibt mir echte Zuversicht.

Mehr Infos:

Eine Übersicht zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz von Aktion Mensch

Mehr über das two do Studio

Und die Agentur für Barrierefreiheit

Das Tool whocanuse macht sichtbar, wie Menschen mit Seheinschränkungen Farbkontraste wahrnehmen

 

KI und Nachhaltigkeit – Ein Interview mit Dr. Sebastian Rosengrün

KI und Nachhaltigkeit – Ein Interview mit Dr. Sebastian Rosengrün

Wenn es um Nachhaltigkeit geht, zieht KI meist kritische Blicke auf sich, wegen des hohen Energieverbrauchs von Rechenzentren oder der Abwertung menschlichen Denkens. Mit Dr. Sebastian Rosengrün, der sich als Philosoph und Programmierer in Theorie und Praxis gleichermaßen auskennt, habe ich über KI, Kritik, den Hype und die Chancen gesprochen.

Sebastian, wie kommt man von der Philosophie zur KI?

Ich war schon immer sehr computerbegeistert und habe das immer als mein Hobby gesehen, und Philosophie sozusagen als meine Profession oder als mein Studium. Aber auch in der Philosophie habe ich mich viel mit mathematischer Logik beschäftigt und häufiger mit Leuten aus dem Fachbereich Informatik gemeinsame Projekte gemacht. 

Momentan ist KI ein großes Thema und viele Menschen fangen jetzt an, sich damit zu beschäftigen. Wann hast du angefangen?

Mit KI beschäftige ich mich schon länger, also eigentlich schon seit dem Studium. Vor sieben oder acht Jahren habe ich begonnen, mich systematischer mit KI zu beschäftigen, und vor fünf Jahren habe ich dann mein Einführungsbuch bei Junius geschrieben. KI war damals noch kein so großes Thema. Da haben alle eher über Blockchain oder Quantencomputer gesprochen, aber seit zwei, drei Jahren rollt die ganz große Hype-Welle.

Es klingt immer akademisch, aber Philosophie ist auch „Begriffsklärung“. Ist „künstliche Intelligenz“ überhaupt der richtige Begriff?

Ich finde den Begriff ein bisschen unglücklich gewählt, weil er bei vielen Menschen falsche Assoziationen weckt und daher die Debatte verwirrt. In meinem Buch schlage ich vor, KI als einen Sammelbegriff für verschiedene Programmiertechniken zu verstehen, die für verschiedene Anwendungsfälle zum Einsatz kommen, von Natural Language Processing, Machine Learning bis zu Computer Vision.

Mit ChatGPT hat die Debatte um KI einen neuen Höhepunkt erreicht. Kannst du erklären, was dahintersteckt und wie es dazu kam?

Als OpenAI ChatGPT veröffentlicht hat, wirkte es erst mal so, als sei da etwas fundamental Neues entstanden. Neu war aber eher die Anwendung, also die Chatoberfläche. Die großen Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) dahinter gibt es aber schon viel länger. Der Durchbruch von ChatGPT und die neue Qualität der Texte, die es produziert, hängt damit zusammen, dass LLMs inzwischen größere Mengen an Trainingsdaten zur Verfügung stehen und auch die Rechenleistung, die es benötigt, um Sprachmodelle mit Hilfe dieser Daten zu trainieren.

Foto von Sebastian Rosengrün

Foto: Frank Nürnberger

Über Sebastian Rosengrün

Dr. Sebastian Rosengrün berät Unternehmen und Institutionen beim verantwortungsvollen Umgang mit KI und forscht als PostDoc an der Universität Augsburg zum Menschenbild der Künstlichen Intelligenz. Im Frühjahr 2025 hat er das AI Impact Lab in Berlin mitgegründet, das Unternehmen unterstützt, KI Compliance als strategischen Wettbewerbsvorteil zu nutzen. 

KI hat ja eine schlechte Klimabilanz, warum eigentlich?

Dass KI einen so großen Energiebedarf hat, ist vielen Menschen gar nicht bewusst. Der mit Abstand größte Teil der Energie wird für das Training der Modelle benötigt. Ich brauche extrem viel Rechenkapazität und eigene Rechenzentren dafür, die wiederum eine Menge Strom und Energie unter anderem für die Kühlung der Server brauchen. Mit jeder Abfrage, die ich durchs Internet schicke, verbrauche ich Energie, und ChatGPT verbraucht dabei ca. 30-mal mehr Energie als eine Google-Suche.

Welche Ansätze gibt es, um die Energiebilanz zu verbessern?

Da gibt es verschiedene Stellschrauben, an denen man drehen kann. Das eine ist natürlich, die Rechenzentren energieeffizienter zu machen und sie im besten Fall mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Aber als Entwickler kann man schauen, den Programmiercode schlanker zu machen und dadurch weniger Rechenoperationen und weniger Strom zu benötigen. Das Green Software Movement ist eine Bewegung, die sich mit so etwas beschäftigt. Und als User kann man sich überlegen, ob man wirklich für jede kleine Recherche gleich auf das größte Reasoning-Modell zurückgreifen muss.

KI nachhaltiger zu machen ist die eine Sache, aber kann man mit Hilfe von KI auch beispielsweise ökologische Probleme besser angehen?

Die schwierige Frage ist ja immer, ob die Technik Schuld an unseren Problemen oder eben die Lösung für sie ist. Die Antwort liegt vermutlich meistens irgendwo in der Mitte, und man muss sich die konkreten Anwendungsfälle anschauen. Der Einsatz von KI ist überall dort gut und sinnvoll, wo es darum geht, große Datenmengen auszuwerten und darin Muster zu erkennen. Das kann man beispielsweise dafür nutzen, um Modelle und Prognosen zu erarbeiten, um die Auswirkungen des Klimawandels besser zu verstehen.

Installationsansicht Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen. Museum Ludwig, Köln 2022 Foto: Leonie Braun

Der Einsatz von KI wirft viele ethische Fragen auf. Welche interessiert dich am meisten?

Mich beschäftigt am meisten die Frage, wie KI unsere Gesellschaft und unser Menschenbild verändert. Im aktuellen Diskurs geht es meistens darum, dass KI vermeintlich immer menschlicher wird. Meine These ist, dass unser Menschenbild immer technischer wird und wir uns immer stärker entlang technischer Maßstäbe verstehen.

Was ist ein guter Weg oder eine gute Haltung, um sich mit KI auseinanderzusetzen? Braucht es die kritische Distanz oder das Staunen und Ausprobieren?

Ein bisschen von beidem, würde ich sagen. Erstmal ist es wichtig, offen und neugierig zu sein, denn es hat keinen Sinn, sich in seinem stillen Kämmerlein einzuschließen und zu hoffen, dass der KI-Hype vorbeizieht. Sicher ist, dass KI gekommen ist, um zu bleiben, und unsere Gesellschaft verändern wird. Neugierde, Ausprobieren und Tatendrang – das trägt auch dazu bei, dass man sich mit den neuen Tools und ihren konkreten Einsatzmöglichkeiten beschäftigt. Das hilft wiederum, richtig einzuschätzen, wo KI sinnvoll und notwendig ist und wo nicht.

Das ist interessant, denn oft entsteht ja der falsche Eindruck, „Kritik“ sei ein distanziertes, leicht nörgelndes „Über-etwas-Sprechen“. Du bist eher für eine Form kritischer Neugierde.

Unbedingt, und ich würde sagen, dass Bildung dafür eben ganz wichtig ist, um im praktischen Umgang so ein kritisches Urteilsvermögen auch ausbilden zu können. Das muss gestärkt und auch in der schulischen Bildung verankert werden. Ich halte zum Beispiel nicht viel vom Begriff „digitale Ethik“, weil das immer so klingt, als würde man fernab der Praxis ein Regelwerk entwerfen, an das man sich halten muss. Dabei ist Ethik etwas, das man macht und zu dem man gelangt, indem man sich mit den Dingen auseinandersetzt. Dafür sind auch Gespräche und Diskussionen wichtig. Kritik bedeutet, Unterscheidungen treffen zu können, und das ist eigentlich nichts Negatives.

Um den verantwortungsvollen Umgang mit KI zu fördern und Menschen weiterzubilden, hast du vor Kurzem das AI Impact Lab gegründet. Was macht ihr genau?

 Genau, ich habe das AI Impact Lab gemeinsam mit Dr. David Rump gegründet, einem wunderbaren Juristen, mit dem ich zuvor schon viele Jahre akademisch zusammen gearbeitet habe. Wir verfolgen gemeinsam das Ziel, KI-Compliance im Unternehmen als Instrument zur digitalen Innovation zu verstehen. Beispielsweise fordert Artikel 4 des European AI Acts Unternehmen dazu auf, ihre Mitarbeitenden im Umgang mit KI zu schulen. Auf LinkedIn liest man ja viele Klagen, dass der AI Act ein solches Bürokratiemonster sei, aber ich halte etwa diesen Bildungsaufruf, der darin verankert ist, für eine wichtige Chance, wenn man ihn denn richtig versteht und in die Praxis umsetzt.

Welche Bereiche betrifft das konkret in einem Unternehmen?

Erstmal haben wir natürlich die Frage nach dem Einsatz von KI im Unternehmen und die damit verbundene Herausforderung, alle Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen und fortzubilden. Neben Kompetenz helfen klare Verhaltens- und Nutzungsregeln dabei, KI im Unternehmen auch verantwortungsvoll einzusetzen. Einzelne Anwendungsfälle, bei denen KI-Compliance und Datenschutz dann eine Rolle spielen, sind der Umgang mit Unternehmens- und Kundendaten oder etwa die Frage, ob und wie KI bei der Sichtung von Bewerbungsunterlagen eingesetzt werden darf.

Aus deiner Sicht ist der AI Act also auch eine Chance für Unternehmen?

Er gibt ihnen auf jeden Fall einen wichtigen Anstoß, sich mit dem Thema zu befassen, und bringt sie vielleicht auch dazu, sich darüber Gedanken zu machen, wie KI ihre Geschäftsmodelle in Zukunft verändern wird. Wenn man sich diese Fragen stellt, kann man darauf aufbauend entscheiden, wie man KI im eigenen Unternehmen einsetzen will. Und darin steckt auch ein großer Wettbewerbsvorteil.

Mehr Infos:

Bücher von Sebastian Rosengrün:

Künstliche Intelligenz zur Einführung, Junius Verlag, Hamburg, 2020 (Rezension hier auf ecologies)

mit Fabian Geier: Digitalisierung. Die 101 wichtigsten Fragen. München: Beck 2023

 

Nachhaltigkeit im Museum – Ein Interview mit Miriam Szwast

Nachhaltigkeit im Museum – Ein Interview mit Miriam Szwast

Museen sind nicht nur Orte der Kunst und Kultur, sondern auch Institutionen mit einem großen ökologischen Fußabdruck: Klimatisierte Ausstellungsräume, permanente Beleuchtung und internationale Kunsttransporte sorgen für einen erheblichen CO2-Ausstoß. Miriam Szwast ist am Museum Ludwig in Köln Kuratorin für Fotografie und Ökologie. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen hat sie eine Nachhaltigkeitsinitiative gegründet und engagiert sich für den nachhaltigen Wandel.

Hallo Miriam, kannst du erzählen, wie du angefangen hast, dich für das Thema Nachhaltigkeit zu interessieren?

Ich bin mir sicher, dass ich mich für Nachhaltigkeit begonnen habe zu interessieren, bevor ich wusste, was Nachhaltigkeit ist. Das war ein Prozess, zu begreifen, wie viele Dimensionen dahinterstecken – ökologisch, sozial, ökonomisch. Für mich hat das tatsächlich eher aus dem privaten Interesse begonnen – wie sicherlich für viele Menschen, sensibler für Dinge zu werden, vielleicht einige Dinge im Privaten umzustellen.

Dann habe ich auch realisiert an einem Arbeitsplatz zu sein, mit dem ich mich inhaltlich verbunden fühle. Über die Jahre habe ich dann gemerkt, dass es viele Dinge hinter den Kulissen meiner Institution gibt, die für Nachhaltigkeit wichtig sind.

Museen sind nicht nur Orte der Kunst und Kultur, sondern auch Institutionen mit erheblichem ökologischem Fußabdruck: Klimatisierte Ausstellungsräume, permanente Beleuchtung und internationale Kunsttransporte sorgen für einen erheblichen CO2-Ausstoß. Miriam Szwast ist am Museum Ludwig in Köln Kuratorin für Fotografie und Ökologie. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen hat sie eine Nachhaltigkeitsinitiative gegründet und engagiert sich mit dem Green Culture Collective dafür, den nachhaltigen Wandel auch in anderen Kulturinstitutionen voran zu bringen. 

Hallo Miriam, schön, dass du da bist. Kannst du erzählen, wie du angefangen hast, dich für das Thema Nachhaltigkeit zu interessieren?

Ich bin mir sicher, dass ich mich für Nachhaltigkeit begonnen habe zu interessieren, bevor ich wusste, was Nachhaltigkeit ist. Das war ein Prozess, zu begreifen, wie viele Dimensionen dahinterstecken – ökologisch, sozial, ökonomisch. Für mich hat das tatsächlich eher aus dem privaten Interesse begonnen – wie sicherlich für viele Menschen, sensibler für Dinge zu werden, vielleicht einige Dinge im Privaten umzustellen.
Dann habe ich auch realisiert an einem Arbeitsplatz zu sein, mit dem ich mich inhaltlich verbunden fühle. Über die Jahre habe ich dann gemerkt, dass es viele Dinge hinter den Kulissen meiner Institution gibt, die für Nachhaltigkeit wichtig sind.

Foto: Falko Alexander, Museum Ludwig

Über Miriam Szwast

Miriam Szwast arbeitet seit 2013 als Kuratorin für Fotografie am Museum Ludwig in Köln. 2021 wurde ihre Position um den Bereich Ökologie erweitert – sie ist seitdem auch offiziell „Kuratorin für Ökologie“. Im selben Jahr gründete sie das Green Culture Collective Cologne sowie das museumsinterne „Team Nachhaltigkeit“.

Zu ihren wichtigsten Ausstellungsprojekten im Bereich ökologischer Nachhaltigkeit zählen „Hier und jetzt. Und gestern und morgen“ (2024) sowie „Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen“ (2022). Szwast studierte Kunstgeschichte an den Universitäten Saarbrücken, Frankfurt am Main und Hamburg. Ihre kuratorische Laufbahn begann sie mit einem Volontariat bei den Staatlichen Museen zu Berlin.

Wie hast du angefangen?

Meine Aufgabe endet so ein bisschen – ich überspitze das jetzt – an der weißen Museumswand und im Depot. Aber viele Bereiche des Museums waren mir eigentlich überhaupt noch gar nicht so richtig vertraut. Deshalb dachte ich mir dann, ich werde mal zum Scout und guck mal, wo die Mülltonnen stehen, wie es mir unsere Entsorgungspraxis aussieht, und so ging es dann weiter. Das scheint banal, aber es ist wichtig, sich den Rucksack aufzuschnallen, sich umzuschauen und dann zu sehen, was man eigentlich besser machen müsste und auch kann.

 Wie hast du Leute gefunden, die sich auch für das Thema interessieren und engagieren wollen?

Das war zum Glück überhaupt gar kein Problem. Ich musste niemanden finden, sondern es gab diesen Moment – ich weiß das noch, das muss 2019 gewesen sein, als Fridays for Future quasi vor der Tür des Museums standen. Wir saßen in unserem wöchentlichen Jour Fixe und ich erwähnte nur, dass es doch schön wäre, wenn wir uns über Nachhaltigkeit und den Klimawandel mehr Gedanken machen und schauen, was wir verändern können.

In meiner Erinnerung kam darauf keine Reaktion und ich dachte, gut, wenn keine Reaktion kommt, ist es auch kein Nein, dann lege ich mal los. Und es kam sehr schnell eine Dynamik auf, weil viele Kolleg:innen mich dann auf dem Flur direkt ansprachen und sagten, sie hätten auch Interesse, sich irgendwie einzubringen.

Wir sind eine lernende Institution und es ist wirklich ein Work in Progress. Wir lernen mit jeder Maßnahme und mit jedem Fail irgendwie dazu. Es gibt einfach nicht dieses Buch, in dem ich nachschlagen könnte „so geht Grünes Museum“.  Wir wachsen und wir suchen, und das ist das Aufregende. Deswegen ist es aber umso schöner, dass wir jetzt ein wirklich großes und engagiertes Team am Museum haben. Wir sind 60 Mitarbeitende und 30 sind im Team Nachhaltigkeit aktiv.

Installationsansicht Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen. Museum Ludwig, Köln 2022 Foto: Leonie Braun

Installationsansicht der Ausstellung „Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen“. Museum Ludwig, Köln 2022. Foto: Leonie Braun

Welche Rolle spielen gerade Museen mit Bezug auf den Klimawandel?

Es gibt diese Untersuchungen der britischen Wohltätigkeitsorganisation Julie’s Bicycle, die haben im Kultursektor Treibhausgasemissionen berechnet. Wir konnten feststellen, dass Museen bei den CO2-Emissionen weit an der Spitze stehen im Vergleich zu Opern, Kinos, Festivals etc. Das kommt beispielsweise allein schon daher, dass wir wegen der Kunstwerke sehr genau auf das Raumklima schauen müssen.

Wenn wir den Anspruch haben ein grünes Museum zu sein und das mit unseren Themen auch voranbringen wollen und dabei mit unseren Stakeholdern, von den Förder:innen bis zu den Besucher:innen im Austausch sind, dann müssen wir glaubwürdig sein.

Nachhaltiger zu werden, ist aus meiner Sicht ein Prozess, der auf vielen Ebenen gleichzeitig stattfindet. Wir sprechen über das Gebäude, wir sprechen über den Ausstellungsbetrieb im Gebäude, wir sprechen über die Produkte, seien es Kataloge, Ausstellungen oder das Merchandising. Und wir sprechen dann – und das ist die wahre Superpower der Museen – über das Programm.

Was waren denn so die ersten Projekte, die ihr angegangen seid?

Es sind zum Teil kleine Maßnahmen, mit denen wir eine Menge erreichen konnten. Bei Leihanfragen haben wir beispielsweise versucht einen klimaneutralen Versand zu vereinbaren. Ein anderes Projekt war das Materialkarussell. Wir haben Materialien wie alte Rahmen, die wir nicht mehr benötigen, Transportkisten und sehr viel unterschiedliches Material einfach gegen eine freiwillige Spende abgegeben. Mit dem Erlös konnten wir dann die Kölner Tafel und Zero Waste Köln e.V. unterstützen.

Habt ihr auch Vermittlungsprogramme für Menschen, die sich mehr für Nachhaltigkeit und weniger für Kunst interessieren?

Ja, das sind ganz unterschiedliche Formate. Beispielsweise gibt es regelmäßig Vorträge, Podiumsdiskussionen, Austausch unter der Überschrift „Kunst und Klima“. Wir haben mit Politiker:innen aus Köln darüber diskutiert, was sie sich unter einer grünen Stadt vorstellen. Wir haben zuletzt mit dem Wuppertal-Institut zusammengearbeitet und Workshops für verschiedene Altersstufen angeboten.

Du hast auch das Green Culture Collective mitbegründet. Was macht ihr da genau?

Das Green Culture Collective habe ich parallel zum Team Nachhaltigkeit ins Leben gerufen, weil ich gemerkt habe, dass wir als städtische Institution nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe der Stadt Köln sind. Wir geben uns jedes Jahr ein Motto – letztes Jahr war es das Jahr des Materials, dieses Jahr soll es das Jahr der Regeneration sein. Es ist total schön, mit ganz vielen städtischen Partnern zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen.

Gibt es auch Gegenwind oder Dinge, die euch schwergefallen sind?

Natürlich gibt es diese Schmerzpunkte, beispielsweise müssen wir uns fragen: Ist es wirklich notwendig so viele Ausstellungen zu machen? Müssen es immer so viele Leihgaben sein? Wir haben Riesendepots, die voll sind und die kaum gezeigt werden, manche Werke wurden noch nie gezeigt. Wir werden immer gefragt, wie viele Ausstellungen, wie viele Besucherinnen wir haben. Aber es wird nicht gefragt, wie viele Besucherinnen mehrfach gekommen sind und was sie eigentlich mitgenommen haben. Gibt es irgendwelche Resultate? Gibt es irgendwelche Folgeprojekte, Menschen, die Dinge initiiert haben, sei es in ihrem Freundeskreis, in Familien oder eben beruflich?

Was sind denn so eure nächsten Wegmarken, was geht ihr als nächstes an?

Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit läuft gerade ein auf mehrere Jahre angelegter Prozess zum diskriminierungskritischen Arbeiten. Wir stehen auch vor der spannenden Herausforderung, dass das Museum sanierungsbedürftig ist. Jetzt ist für uns der Moment, dafür zu sorgen, dass auch Nachhaltigkeitsaspekte dabei einbezogen werden. Auch der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Stadt beschäftigen uns. Im Hitzeaktionsplan der Stadt Köln sind Museen beispielsweise gar nicht berücksichtigt. In Frankreich bieten Museen ab einer gewissen Gradzahl freien Eintritt, damit Menschen sich abkühlen können.

Kannst du vielleicht noch zum Abschluss ein paar Ausstellungen, Kataloge, Bücher, Inspirationen empfehlen?

Ja, es gibt viele ganz wunderbare Beispiele. Wenn ich da ganz beim Museum Ludwig anfangen darf: Wir hatten vor zwei Jahren eine Ausstellung, die hieß „Grüne Moderne und die neue Sicht auf Pflanzen“. Das war unser Pilotprojekt im nachhaltigen Ausstellen, schon vom Programm her, aber auch in der Umsetzung.

Hast du zum Schluss noch einen Ratschlag für Kulturschaffende, Kurator:innen, die Nachhaltigkeit bei sich am Museum oder in ihrer Institution voranbringen wollen?

Klar, ich würde sagen: einfach machen und dann erkennen, wie viel wir doch auch in der Hand haben, um unsere Institution nachhaltiger zu machen. Die Frage ist immer: Schaue ich hin? Nehme ich mir die Zeit? Übernehme ich Verantwortung? Allein das kann schon zu großen Verbesserungen führen. Und das ist nichts, was extra Geld kostet.

Mehr Infos:

Ein Text von Miriam über nachhaltiges Ausstellen im Kontext der Ausstellung „Grüne Moderne – Die neue Sicht auf Pflanzen“ (Museum Ludwig 17. September 2022 – 22. Januar 2023)

Buchtipp: Christopher J. Garthje, Das nachhaltige Museum, 2022, transcript, Bielefeld

Der Leitfaden des Deutschen Museumsbunds „Klimaschutz im Museum“ (2023)

 

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